Keine Angst vor Überfremdung, Captain America

Der Reboot ist eine super Sache. Jedes Filmstudio und jeder Comicverlag weiß das. Einfach eine olle Kamelle mit einer neuen Zutat aufgewärmt und schon kann wieder abkassiert werden. Ökonomisch betrachtet unschlagbar. Besonders narrensicher: Der Neustart der kommerziell bisher eher irrelevanten Miss Marvel-Serie. Die stereotype Blondine Carol Danvers wird schnell in einen anderen Titel verschoben und macht Platz für die sechzehnjährige Kamala Khan. Die ist im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin eher burschikos und als Tochter pakistanischer Immigranten die erste US-muslimische Superheldin. Man muss kein Marketing-Experte sein, um da förmlich hören zu können, wie das Feuilleton die Stifte spitzt, als würde Captain America mal wieder den Löffel abgeben.

Andererseits setzt man sich mit einem solchen Kunstgriff auch dem Vorwurf aus, die Religion der Protagonistin zu missbrauchen, um Aufmerksamkeit für einen Comic zu generieren, der durch Qualität allein nicht zu überzeugen vermag. Und der Umstand, dass mit G. Willow Wilson eine Autorin engagiert wurde, die selbst zum Islam konvertiert ist, wirkt wie ein Winkelzug, der solchen Anschuldigungen bereits im Vorhinein den Wind aus den Segeln nehmen soll. Es sind eben derartige Eiertänze, die der Superheld – anders als ein autobiographischer Comic wie Marjane Satrapis Persepolis – im Minenfeld der Weltreligionen vollführen muss, um wenigstens mit halbwegs heiler Haut davonzukommen.

Zwischen alle Stühle geboren

Nun scheint allerdings jemand in leitender Position gewusst zu haben, dass es sich bei Wilson um die Primaballerina unter den Autorinnen handelt: Wie leichtfüßig sie sich in einem Terrain bewegt, das mittlerweile so voller Fettnäpfchen steht, dass man den Boden darunter kaum mehr zu erkennen vermag, ist weit mehr als respektabel – es ist schlicht virtuos. Einfühlsam und klischeefrei erzählt sie aus Kamalas Leben, von überfürsorglichen Eltern und absurden Moscheebesuchen, welche sich mit typisch amerikanischem High-School-Alltag und einer Freizeit kontrastieren, die hauptsächlich zum Verfassen von Avengers- oder X-Men-Fanfiction genutzt wird.

Eine solch antagonistische Zweiteilung des Privaten verlangt auch, alles, was der westlichen Hälfte zuzurechnen ist, vor denen geheim zu halten, die einem selbst am nächsten stehen – ein Umstand, der Kamala geradezu als Superheldin prädestiniert: Musste Peter Parker sich erst von der Spinne beißen lassen, um etwas zu haben, das es sich vor seinen Mitmenschen zu verstecken lohnt, leben amerikanische Muslime die Doppelidentität eines Spider-Man bereits ohne übermenschliche Kräfte.

Folglich ist es nur konsequent, dass die durch den Kontakt mit einem mysteriösen Nebel initiierten neuen Fähigkeiten – als Ms. Marvel ist Kamala in der Lage, ihren Körper oder Teile davon beliebig zu strecken oder zu stauchen – eher unspektakulär anmuten. Wo die Persönlichkeit eine Figur konstituiert, wirkt übertriebener Budenzauber nur ablenkend. Gleichzeitig ist diese Modifikation der eigenen Person durchaus hintergründig angelegt: In den finalen Zügen ihrer Pubertät liegend, sind Kamala die radikalen Veränderungen ihres Körpers schließlich noch gegenwärtig, Ms. Marvel ist daher auch eine Sammlung von Bildern, die die physische Entwicklung vom Mädchen zur Frau in angemessen absurder Weise paraphrasieren.

Zeichner Adrian Alphona, dessen Strich sich weniger an Konventionen der Superhelden als vielmehr an die humoristische Tradition anlehnt, erweist sich dabei als kongeniale Ergänzung Wilsons. Die Persönlichkeit der Figuren korrespondiert bei ihm unmittelbar mit ihrem Design, der warmherzig-protektive Vater erscheint als sanfter Riese, der orthodox-verkniffene Bruder als schmallippige Statue. Kamala selbst positioniert sich dabei als Antithese zu den klassischen Heroen des Genres, die primär durch möglichst eindrucksvolle Posen und damit ihre Unbewegtheit, mit der auch eine Reduktion des mimischen Spektrums einhergeht, bestechen. Alphona hingegen verleiht seiner Protagonistin eine große Expressivität, die eine emotionalere Ausgestaltung ermöglicht und überdies in Relation zu Kamalas Kräften steht: Wie der Körper verzerrt sich auch Ms. Marvels Gesicht im Moment von Schrecken oder Überraschung grotesk, eine Übertreibung, die in Mangas und Cartoons Legion ist, hier aber um eine handlungslogische Motivation erweitert wird.

Bestechend ist auch die Vielzahl abseitiger Einzelheiten, die Alphonas Bilder auszeichnet – man achte nur einmal auf die denkbar missmutig dreinblickenden Tauben, die die Bordsteige bevölkern. Diese Detailfülle verleiht Ms. Marvel in Verbindung mit der psychologisierenden Komponente der Zeichnungen eine im Superheldencomic exzeptionelle narrative Dichte und Komplexität, die enge Verknüpfung von Form und Inhalt machen die Serie – auch das ist im Genre reichlich ungewöhnlich – überdies zu einem sehr persönlichen Comic seines Zeichners.

Die Wächterin der suburbanen Seelen

Dazu passt es, dass die Handlung nicht wie gewohnt in dem Gewimmel New Yorks sondern im überschaubaren New Jersey angesiedelt wurde. Entsprechend geerdet sind Kamalas erste Heldentaten: Anders als Spider-Man, der schon als Teenager hauptsächlich Schwerverbrecher, größenwahnsinnige Irre und andere massive Bedrohungen bekämpfte und damit vornehmlich das städtische Establishment stützte, führt Kamala keinen Stellvertreterkampf, wo Polizei und Militär der Erwachsenenwelt versagen. Ihre Suche nach verschwundenen Straßenkindern, die von einem obskuren Schurken als Energiequellen missbraucht werden, ist vielmehr der Kreuzzug einer jungen Frau, die sich entschieden hat, Verantwortung für sich und ihre Generation zu übernehmen.

Andererseits ist New Jersey natürlich noch nah genug, um von hier aus staunend zu beobachten, wie Thor oder Iron Man die Stadt, die niemals schläft, wieder und wieder vor der Zerstörung retten. Während die klassischen Superhelden ihr Schicksal stets aus heiterem Himmel zu ereilen scheint, ist Kamala im Marvel-Universum aufgewachsen und hat daher eine ziemlich gute Vorstellung davon, was sie erwartet. Dieser postmoderne Aspekt macht Ms. Marvel neben Kick-Ass vielleicht zum einzigen Comic seines Genres, der vollständig im 21. Jahrhundert angekommen ist – nur erschöpft sich Kamalas Antrieb nicht darin, einzig zu ihren Vorbildern aufzuschließen. Ihrem Handeln liegt vielmehr die Hoffnung der Tochter zweier Welten zugrunde, mehr als nur die Summe von Herkunft und Lebensumständen zu sein, der Wunsch in einer selbstgewählten Existenz ganz aufgehen zu können. Von Profunderem kann man kaum erzählen.

Reboots. Fantastisch, die Dinger.

G. Willow Wilson/Adrian Alphona: Ms. Marvel Bd. 1 und 2. Panini Comics. 124/140 Seiten (farbig), Softcover. Je 16,99 Euro.

Janwillem Dubil
Über Janwillem Dubil 58 Artikel
Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

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