Kiels jüngste Abgeordnete

Lydia auf dem Parteitag. Foto: Thomas Lange

Die Studenten Lydia und Benjamin erzählen, wie es ist, als junger Mensch im Rathaus zu sein.

Es ist schon spät und die Dunkelheit hat sich über Kiel gelegt. Der Rathaussaal ist hell erleuchtet, an den Wänden hängen das Kiel-Wappen und die Europa-Flagge. Es ist Donnerstagabend, Ratsversammlung. Lydia geht zum Rednerpult, redet laut und bestimmt. Begleitet wird sie dabei von dem gelegentlichen Klopfen und Klatschen anderer Ratsfrauen und Ratsherren. Mal ruft jemand laut von irgendwo her dazwischen. Sie lässt sich nicht aus der Fassung bringen, drängt auf eine Entscheidung. Währenddessen verlässt Benjamin seinen Platz, geht zu einem anderen Ratsherrn und bespricht sich mit ihm. Wenig später steht er auf der Tribüne und verlangt eindringlich: „Jeder Einzelne muss Verantwortung tragen.“ In den Zuschauerrängen ist die Stimmung erhitzt. Ältere Menschen und Eltern mit ihren Kindern sitzen dort und folgen gespannt der Debatte. Das Thema ist sensibel und manche lassen ihrem Ärger lauthals Luft. Als eine Elternvertreterin auf die Tribüne tritt, verkündet sie: „Wir sind bereit zu kämpfen“. Aber auch der Satz: „Wir legen die Zukunft unserer Kinder in Ihre Hände“, fällt. Die Spannung steigt immer weiter, bis es schließlich zur Abstimmung kommt. Jeder Ratsherr, jede Ratsfrau wird einzeln aufgerufen, mal applaudieren die Zuschauer, mal schauen sie finster drein. „Jaaaa“, ruft am Ende einer erfreut, als fest steht, dass zunächst nichts feststeht. Die Entscheidung wird vertagt. Schlagartig leert sich der Zuschauerraum. Ruhe kehrt ein, die Ratsversammlung wird fortgesetzt.

Hinterher erzählt mir Lydia, erhitzte Debatten seien „eher untypisch“ für die Ratsversammlung. Das sei nur bei kontroversen Themen so. Lydia ist Lehramtsstudentin für Physik und Geographie an der Uni Kiel und mit 24 Jahren Kiels jüngste Ratsfrau. Die Ratsversammlung sei „sozusagen ein kommunales Parlament, ähnlich wie der Bundestag, aber für Kiel“ erklärt mir Benjamin. Er studiert Informatik an der CAU und gehört mit seinen 30 Jahren auch noch zu den Jungen unter den Ratsherren. Beide wurden vor eineinhalb Jahren in den Kommunalwahlen gewählt und sitzen nun ehrenamtlich als Abgeordnete im Kieler Rathaus. Sie haben wichtige Entscheidungen zu treffen. Denn die Ratsversammlung fasst Beschlüsse über alle grundsätzlichen Themen, die Kiel betreffen, zum Beispiel über den Bau eines Kraftwerks, die Sanierung von Schulen, Verkehrsfragen und mehr.

Benjamin auf dem Weg zur Ratsversammlung. Foto: sh
Benjamin auf dem Weg zur Ratsversammlung.
Foto: sh

Besonders auf kommunaler Ebene wird stark zusammengearbeitet. Aber nicht immer geht es harmonisch zu. „Gerade wenn Menschen von einem Thema direkt betroffen sind, kommen sie zur Ratsversammlung, rufen rein und demonstrieren manchmal schon vor dem Rathaus“, erzählt Lydia. Sie sieht das gelassen: „Politik lebt davon, dass es Auseinandersetzungen und Parteien mit verschiedenen Haltungen gibt.“ Während politische Kompromisse von vielen Menschen als Manko gesehen werden, sieht Lydia eine Stärke darin: „Immer noch besser als Stillstand.“ Benjamin meint dazu: „Es gehört zum System der Demokratie, dass man mal Gewinner, mal Verlierer ist.“

Als Fraktionsvorsitzende ihrer Partei ist Lydia in viele Entscheidungen mit eingebunden und wird von ihren Parteikollegen unterstützt. Aus Sicht einer jungen Frau sieht sie jedoch noch Potential für Verbesserungen: „Ich würde mir wünschen, dass sich an den Strukturen etwas ändert. Bisher ist die zeitliche Belastung relativ hoch. Die Sitzungen sind abends und viel wird danach noch bei einem Bier in der Kneipe besprochen.“ Besonders für Frauen mit Kindern sei es deshalb dort schwieriger und die Ratsversammlung noch stark von Männern dominiert. Benjamin ist bereits aus seiner Zeit als studentischer Vertreter beim Senat der Uni gewohnt, dass man sich „als junger Mensch mehr durchsetzen muss, als andere“. „Ein gutes Training für die Arbeitswelt“, meint er und verrät: „Man muss sich einmal beweisen, dann funktioniert es.“

Politisches Engagement ist für beide ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens geworden. Benjamin, der als Schüler in die SPD eingetreten ist, erzählt: „Ich habe mitbekommen, dass viele Sachen nicht gut funktionieren, zum Beispiel, dass das Bildungssystem total ungerecht ist und es viel Kinder- und Altersarmut gibt. Darauf muss irgendwie reagiert werden, dachte ich“. Lydia ist kurz nach ihrem Abi bei den Grünen eingetreten: „Mich hat vieles an der Politik genervt, besonders dass es in der Klimapolitik so wenig Fortschritte gibt. Ich fand es jedoch unbefriedigend nur zu meckern, ich wollte selbst etwas verändern.“ Umso weniger können die beiden verstehen, dass es Menschen gibt, die nicht wählen gehen. Nicht zu wählen sei kein Statement, sondern bedeute nur, dass man ein Recht verschenke, meint Benjamin. „Im Endeffekt überlässt man damit dem Rest der Gesellschaft die Entscheidung.“

Nach eineinhalb Jahren in der Ratsversammlung ziehen beide eine positive Bilanz. Benjamin erzählt: „Ich finde es spannend, wenn man Politik für eine andere Gruppe macht, weil man dann einen anderen Blick darauf hat. Gerade die Gruppe der älteren Menschen in Armut hat wenig Lobby. Deshalb setze ich mich für sie ein.“ Auch für seine persönliche Zukunft nehme er viel mit, zum Beispiel lerne man als Ratsherr „wie man verhandelt“. Mit dem Steuerskandal um Susanne Gaschke hat er die Politik auch schon von ihrer rauen Seite kennengelernt: „Das war wahnsinnig anstrengend, eine richtige politische Feuertaufe.“ Lydia gefällt an der Kommunalpolitik, dass man im direkten Austausch mit Betroffenen stehe und viele verschiedene Menschen kennenlerne. „Wir haben uns zum Beispiel eine Flüchtlingsunterkunft angeschaut und dort mit Initiativen und den Flüchtlingen geredet.“ Lydias Fazit: „Ich hätte nie gedacht, dass Kommunalpolitik so spannend ist. Es macht Spaß, konkret etwas bewegen zu können und zu sehen, wie etwas umgesetzt wird. In Kiel passiert unheimlich viel!“

Auf eine politische Karriere festlegen möchten sich beide noch nicht. „Erst mal in der Kommunalpolitik orientieren“, lacht Benjamin. Und Lydia erklärt: „Ich habe aufgehört, zu planen. Ich hätte vor zwei Jahren auch nie gedacht, dass ich jetzt Fraktionsvorsitzende sein würde.“

 Titelfoto: Thomas Lange

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Mirjam ist seit 2013 Redakteurin des Albrechts.

Mirjam Michel
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