Johanna Rädecke

Kindheitshelden: Harry Potter

Written by Johanna Rädecke. Posted in KULTUR

Auch nach zwanzig Jahren begeistert Harry die Welt.

Published on August 18, 2017 with 5 Comments

20 Jahre einer großen Liebe

Der Junge mit den knubbeligen Knien und den schwarzen Haaren feierte diesen Juni Jubiläum. Seit nunmehr 20 Jahren begleiten wir Harry, Ron und Hermine, sei es auf Papier oder Leinwand, durch ihre Abenteuer und lernen nach wie vor immer mehr Details der Zauberwelt kennen. Mittlerweise gibt es nicht nur Muggel, sondern auch No-Majs und neben dem Zaubereiministerium auch den Magical Congress of the United States of America (MACUSA). Nicht nur Hogwarts, Durmstrang und Beauxbaton, sondern auch Ilvermorny – da schlägt das Herz des nordamerikanischen Fans höher, wie konnte er auch jahrelang ohne landeseigene Zauberschule auskommen?

Dass Harry Potter und der Stein der Weisen 1997 überhaupt erscheinen konnte, grenzt beinahe an ein Wunder – oder war es Magie? Die damals finanziell schlecht situierte Joanne Rowling, dem ‚K‘ folgt übrigens kein Mittelname, fand zuerst keinen Verleger, der ihre Geschichte haben wollte – diesen komischen Mix aus Internatsgeschichte, Waisendramatik, Zauberei und einem Hauch Nostalgie. Heute gehört sie, das muss eigentlich gar nicht mehr erwähnt werden, zu den reichsten Personen Englands und erfreut die Fangemeinde mit immer mehr Kürbispastetenhäppchen aus dem Potter-Universum. Neben weiteren Film- und Theaterproduktionen wie Fantastic Beasts And Where To Find Them oder Harry Potter And The Cursed Child veröffentlicht Rowling ihre Ideen und Beschreibungen auf der Website Pottermore, einem wahren Füllhorn von Informationen über Zauberstäbe, magische Artefakte, Todesser, Patroni und der Zaubergemeinschaft. Neben von ihr selbst geschriebenen Texten erfährt der eingefleischte Fan nach einer Anmeldung und mehreren Persönlichkeitstests, welchem Hogwartshaus er zugehörig ist, welche Gestalt sein Patronus annimmt und aus welchem Holz der Zauberstab ist, der ihn gewählt hat. Denn, wie bereits Mr. Ollivander sagte: „The wand chooses the wizard, Mister Potter. It is not always clear why.“

Doch auch unabhängig von der Autorin finden weitergestrickte Geschichten, Parallelhandlungen, Spin-Offs und Prequels ihren Weg zu den ‚Potterheads‘. So soll Ende des Jahres der durch ein Crowdfunding produzierte Film Voldemort – Origins Of The Heir starten. Den  Italienern Gianmaria Pezzato (Regie, Drehbuch) und Stefano Prestia (Produktion) reichten die wohlüberlegt herausgegebenen Informationshäppchen von Rowling scheinbar nicht aus, weshalb sie nun eine eigene Story zu Tom Riddle alias Voldemort und der Gryffindor-Erbin Grecia McLaggen entwarfen. Lange mussten die Filmemacher nicht warten, bis die Anwälte der Warner Brothers auf der Türschwelle standen und einen Rechtsstreit anfingen. Womöglich ist dies auch der Grund für das gewählte Medium: Statt im Kino wird der Film auf YouTube veröffentlicht.

In Bonn fand im  vergangenen April eine Konferenz zu Forschungen rund um die Geschichte von Harry Potter statt. Ob nun das in den Büchern dargestellte Frauenbild, der Umgang mit Religion oder die Frage, wie rassistisch die Beleidigung ‚Schlammblut‘ wirklich ist, auf der zweitägigen Lehrveranstaltung wurde anlässlich des zwanzigsten Jubiläums in alle Richtungen geforscht, gesammelt und ausgetauscht. Die Anglistik-Professorin Marion Gymnich von der Universität Bonn geht sogar so weit, den Namen Rowling in einem Atemzug mit Klassikern der englischen Literatur zu nennen. Harry Potter weise Parallelen zu den Büchern von Charles Dickens oder den Geschwistern Brontë auf. Außerdem setze er die lange Tradition des Internatromans fort. Die Autorin J. K. Rowling hat sich für die einzelnen Bände an ähnlichen literarischen Elementen bedient wie einst schon Enid Blyton in den Büchern von Hanni und Nanni. Gymnich äußert damit, was viele Fans bereits seit Jahren inbrünstig vertreten: Harry Potter hat einen hohen literarischen Wert!

Vielen Harry Potter-Fans wird der Wirbel jedoch langsam zu viel. Die eigentliche, sich über sieben Bücher erstreckende Geschichte sei längst abgeschlossen, Blockbuster zu magischen Tierwesen reine Geldmacherei und der Charakter sowieso längst verloren. Auch ich beschwere mich oft und sehr lauthals darüber, doch seien wir ehrlich uns selbst gegenüber: Natürlich wird sich jeder neue Film angeguckt, jede neue Veröffentlichung von Rowling gelesen und Persönlichkeitstest wie „Welcher Todesser bist du?“ haben eine legitime Daseinsberechtigung. Denn bei allem Kommerz und Schwindel: Harry Potter ist und bleibt nun mal die große Liebe einer ganzen Generation.

 

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About Johanna Rädecke

Johanna Rädecke

Johanna schreibt seit Anfang 2015 vornehmlich für das Ressort Gesellschaft. Seit Februar 2017 ist sie Chefredakteurin des ALBRECHTS. Sie studiert seit dem Wintersemester 2014 Deutsch und Soziologie an der CAU.

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5 Comments

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  1. Liebe Johanna,

    der hier leider unbekannte amerikanische Literaturkritiker und Professor Harald Bloom hat sich nicht so wohlwollend zu Harry Potter und dem Harry Potter-Phänomen geäußert. Für ihn ist Harry Potter nichts weiter als die Aneinanderreihung von Klischees, Versatzstücken ohne eigentliche Botschaft und Tiefgang. Also überhaupt nicht mit Klassikern wie Dickens zu vergleichen. Dickens schreibt über Menschen und deren Schicksale, jede Zeile riecht nach Mensch, Rowling schreibt über Pappfiguren, die sie nach gusto auf dem Schachbrett hin- und herschiebt.

    Und ich möchte mich hier anschließen. Mir ist das Harry Potter-Phänomen ebenfalls immer ein Rätsel geblieben, die Filme fand ich mäßig spannend, besser waren da allerdings die zahlreichen Harry-Potter Amateursynchros von Künstlern wie Coldmirror, die ich für einigen Jahren für Campusradio Kiel interviewen durfte. Bei zwei Harry-Potter Filmen bin ich fast eingeschlafen. Ich gebe zu, ich habe als ehemaliger Anglistikstudent bis heute nie einenPotter-Band gelesen, aber ich glaube, ich habe auch nicht viel verpasst.

    Wenn Potter Kinder zum Lesen anregt, dann mag das gut und richtig sein. Aber er sollte sie auf keinen Fall auf diesem Leseniveau für immer festhalten. Leider scheint er das zu tun, wenn auch Erwachsene ihren Harry-Potter-Kult weiterpflegen und ausbauen.

  2. Johanna Rädecke

    Lieber Andreas,

    vielen Dank für deinen Beitrag. Das tolle an Literatur ist ja seit je her, dass man unterschiedlicher Meinung über sie sein kann. Sei es nun aus persönlichen Präferenzen oder aus verschiedenen Forschungsaspekten.
    Trotzdem lasse ich mich als Fan natürlich gerne auf eine Diskussion ein.
    Mir fällt auf, dass beinahe alle aus meinem Bekanntenkreis, die Harry Potter nicht mögen, noch nie die Bücher gelesen haben – eine rein zufällige Korrelation?
    Ich finde die Filme gut, bin jedoch Fan wegen der Bücher. Sie leben von einem unfassbaren Detailreichtum und dem „Wiederaufgreifen“ vieler Themen, seien sie noch so klein. Dadurch entsteht eine komplexe Welt, in die man eintauchen kann und mit jedem Lesen Neues entdeckt, ohne auf Widersprüche zu stoßen.
    Zu sagen, die Romane seien eine „Aneinanderreihung von Klischees, Versatzstücken ohne eigentliche Botschaft und Tiefgang“ ist meiner Meinung nach falsch. Viele Forscher beschäftigen sich mit immerwährenden Themen der Bücher: Rassismus, die Rolle der Frau, Minderheiten allgemein, Loyalität, der innere Kampf mit seinen ganz eigenen Dämonen, die jeder hat – um nur einige Beispiele zu nennen. So ist beispielsweise Hermine eine extrem spannende Figur, die erfrischenderweise nicht mit dem Protagonisten zusammen kommt. Zu ihrer Figur könnte man ganze Hausarbeiten füllen. Wenn du dich tiefer mit dem Harry-Potter-Phänomen beschäftigen möchtest, empfehle ich dir ein Gespräch mit Olaf Koch aus dem Bereich NDL an der Uni.
    Als Abschluss und mit kleinem Augenzwinkern möchte ich auf eine Studie (Journal of applied social psychology) verweisen, die rausfand, dass Harry-Potter-Leser die besseren Menschen sind (und davon bin ich überzeugt): http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jasp.12279/abstracthttp://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jasp.12279/abstract
    Hier geht es darum, dass Potter-Fans toleranter gegenüber Minderheiten (sei es mit ethnologischen, sexuellen oder anderem Hintergrund) sind.

    Mit lieben Grüßen und der wärmsten Empfehlung, doch nochmal den Roman in die Hand zu nehmen (dann werden die Begründungen für „Finde ich doof“ auch differenzierter)
    Johanna

    • Wo habe ich bitte gesagt: „Das finde ich doof“?? Ich habe mich doch sehr sachlich dazu geäußert. Für die unsachliche Behauptung, Harry Potter-Leser seien die beseren Menschen braucht man schon eine ganze Mengen Augen zum zwinkern:)

      • Vielen Dank für die Empfehlung von Olaf Koch. Ich nehme das Angebot gerne an. Sicher wird er sich auch freuen mit einem Autor von zwei veröffentlichten Theaterstücken und Kurzgeschichten zu sprechen.

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