Konfessionsfrei glauben

Ein Kommentar von Anika Schmidt

Bild: Himsan, pixaby

„Bist du gläubig?” Keine Frage, die ich jemals leicht beantworten konnte. Eigentlich müsste die Antwort „Nein” lauten, denn alle Fakten deuten darauf hin. Ich bin weder getauft oder konfirmiert, noch in der Kirche. Ich wurde in Berlin geboren, einer Stadt, die weltoffen und unvoreingenommen ist, aber auch den Ruf einer heidnischen Großstadt pflegt. Zumindest kam es mir immer so vor.

Die Kirchlichkeit spaltet Deutschland in Ost und West. Während in den alten Bundesländern knapp 70 Prozent der Bevölkerung Mitglied einer christlichen Kirche sind, sind es in den neuen Bundesländern nur 24 Prozent. In Berlin ist es knapp jede*r Vierte, der*die entweder der römisch-katholischen oder der evangelischen Kirchengemeinde angehört. Soziologe Gert Pickel unterscheidet zwischen einer ,Zugehörigkeitskultur zur Kirche’ in Westdeutschland und einer ,Kultur der Konfessionslosigkeit’ in Ostdeutschland. Sich von der Kirche abzuwenden oder sogar auszutreten, wurde während des Sozialismus in den ostdeutschen Bundesländern von der Regierung forciert.

Als ich 14 wurde, stellte sich mir die Frage, ob ich denn konfirmiert werden wolle. Meine Eltern ließen mich frei entscheiden, schnell wurde mir jedoch klargemacht, dass ich von meinen Verwandten keinerlei große Geldsummen oder Geschenke zu erwarten hätte, nur so, falls das meine Hintergedanken wären. Ich entschied mich gegen eine Konfirmation, denn auch mit 14 hatte ich bereits keine Beziehung zur Kirche und Religion war für mich nur eines von vielen Schulfächern.

Religiös ohne Konfession

Jahre vergingen, aber groß über Religion sprachen wir nie, auch nicht im Freundeskreis. Und wenn doch die Frage aufkam, ob man gläubig sei, habe ich meine Antwort meist gekonnt weggenuschelt. War ich aufgrund meiner fehlenden Kirchenzugehörigkeit automatisch ungläubig und Atheistin?

In Deutschland sind jeweils ein Viertel der Bevölkerung entweder römisch-katholisch oder evangelisch und ganze 37 Prozent konfessionsfrei, in Berlin sogar 61 Prozent. Doch was bedeutet das eigentlich?

Der Begriff der Konfession gilt seit dem 19. Jahrhundert als Bezeichnung für die unterschiedlichen christlichen Kirchen, zunächst also evangelisch, katholisch und reformiert. Als konfessionsfrei gilt, wer mehrheitlich eine Weltanschauung vertritt, die sich bewusst von der Kirche abgrenzt. Konfessionslosigkeit bedeutet, keiner Glaubensgemeinschaft anzugehören, jedoch nicht vollständig religionslos zu sein. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 glauben 18 Prozent der Konfessionsfreien an einen Gott, 19 Prozent an irgendeine höhere Macht. Der größere Anteil, knapp 46 Prozent, bezeichnet sich als Atheisten.

Spirituell, aber nicht in der Kirche – Gründe hierfür seien laut Religionssoziologe Detlef Pollack beispielsweise, dass der Glaube an das Christentum immer noch eng mit dem traditionellen Kirchgang und christlichen Dogmen verbunden sei. Die Industrialisierung und der damit einhergehende Anstieg von Wohlstand und Bildung sorgte dafür, dass sich die Menschen keine Sorgen mehr um das unmittelbare Überleben machen mussten. Infolgedessen rückte immer deutlicher das persönliche Selbst in den Mittelpunkt. Wie auch in vielen anderen Lebensbereichen wünschten sich die Menschen in Bezug zum Glauben vermehrt Individualität und Selbstbestimmung. Neu ist dieses Phänomen nicht, denn bereits eine Studie aus den 1970er Jahren fand heraus, dass Befragte sich zwar als katholisch identifizierten, ihren Glauben aber auf ihre eigene Art und Weise auslebten. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben und die Handhabung dessen sei, zum Unmut der Kirchen, einzig und allein eine persönliche Angelegenheit.

Konfessionsfrei in der Kirche

Doch was bedeutet Konfessionslosigkeit eigentlich für bestimmte Traditionen, bei denen die Kirche bis heute eine große Rolle spielt? Viele Paare haben beispielsweise den Wunsch, in einer Kirche zu heiraten, ganz ohne Konfession ist das allerdings nicht möglich: Um in der evangelischen Kirche heiraten zu können, muss mindestens ein*e Partner*in der evangelischen Kirchengemeinde angehören. In der katholischen Kirche muss ein Bischof der Ehe zustimmen, sollte ein*e Partner*in keiner Konfession angehören. Theoretisch kann ein christlicher Friedhof sogar die Beerdigung eines Konfessionslosen verweigern. In der Praxis ist das allerdings eher untypisch. Sicher ist allerdings, dass kein*e Pfarrer*in oder Pastor*in die Zeremonie leitet, sondern beispielsweise professionelle Trauerredner*innen oder ein*e Angehörige*r selbst. Auf städtischen Friedhöfen spielt die Konfession keine Rolle, hier wird nicht zwischen Gläubigen und Konfessionslosen unterschieden.

Religion als Deutungsangebot

Die Konfessionslosigkeit in Deutschland nimmt weiter zu, die Bindung zu kirchlichen Institutionen vermehrt ab. Ein Grund hierfür sei, dass die Konfessionslosigkeit vermehrt an die nächste Generation weitergegeben wird. Auch in Familien mit Kirchenzugehörigkeit werden Kinder immer seltener religiös erzogen. Religion sei, laut der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, heutzutage zu einem Deutungsangebot geworden, dass jede*r Einzelne eben annehmen oder ablehnen kann.

Wenn ich über die Kirche nachdenke, fallen mir zuerst die unzähligen Kirchenbesuche mit meinem Opa an Heiligabend ein. Meine Großeltern wohnten auf einem Dorf im westlichen Niedersachsen, in dem die Kirche eine wesentlich größere Rolle als in Berlin spielte. Meine Erinnerungen können in ein trügerisches Licht meines kindlichen Weltbilds getaucht sein, aber all diese Abende verbinde ich mit einem wohligen Gefühl voller Liebe und Geborgenheit. Und auch als ich größer wurde und wir irgendwann aufhörten, meine Großeltern an Weihnachten zu besuchen, überredete ich meine Familie, Heiligabend in die Kirche zu gehen. Ich mochte das Ritual, einmal im Jahr mit allen beisammen zu sein, Lieder zu singen, alte Grundschulfreund*innen und Bekannte zu treffen, bis sich dann alle verabschiedeten und in kleiner Runde Geschenke austauschten. An einen Gott dachte ich dabei aber nie.

Autor*in

Anika studiert BWL an der Fachhochschule Kiel. Seit September 2019 ist sie beim ALBRECHT als Redakteurin tätig, seit Januar 2020 zusätzlich als Ressortleiterin der Gesellschaft.

Über Anika Schmidt 10 Artikel
Anika studiert BWL an der Fachhochschule Kiel. Seit September 2019 ist sie beim ALBRECHT als Redakteurin tätig, seit Januar 2020 zusätzlich als Ressortleiterin der Gesellschaft.

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