„Krass, das sind Olympische Spiele“

Das Riesen-Event mit einem Budget von 11,85 Milliarden Euro versammelte für 5 000 Stunden, die die Wettkämpfe andauerten, 10 490 Athleten aus 204 Nationen. DER ALBRECHT hat es sich nicht nehmen lassen, die bei den Spielen erfolgreichste Sportlerin aus dem deutschen Segelteam, die bis vor kurzem an der CAU Geografie studierte, nach ihren ganz persönlichen Eindrücken von Olympia zu fragen. Moana Delle hat mit nur 23 Jahren in ihrer Disziplin, dem Windsurfen, den fünften Platz belegt und schwärmt noch immer von dem Erlebnis Olympia.

DER ALBRECHT: Mit nur 23 Jahren einen fünften Platz bei den Olympischen Spielen zu belegen und dabei auch noch ganz knapp eine Medaille zu verpassen, ist ziemlich beeindruckend. Wie siehst du deinen Erfolg?

Moana: Mega krass. Das Ergebnis an sich ist phänomenal. Es übertrifft alle meine Erwartungen. Aber die Leistung, die ich gebracht habe, um dieses Ergebnis zu fahren, ist das, was mich noch mehr freut. Es kommen immer wieder Rückschläge, Verletzungen und was weiß ich nicht was. Dann ist es super schön, wenn du an der Regatta dein Niveau oder deine Leistung abrufen kannst und alles, worauf du hingearbeitet hast, sich auf einmal zusammensetzt. Supertoll. Am Ende sogar noch um eine Medaille zu kämpfen, das hätte ich vorher auch nicht gedacht. Ich bin eine der besten Regatten meines Lebens gefahren und das bei den Olympischen Spielen hinzukriegen, ist nochmal besonders.

Inwiefern war das Surfrevier in England besonders?

Ich hab jahrelang in Kiel gesurft. Das englische Wetter hat mir dementsprechend nicht so viel ausgemacht. Das ist ja auch nicht schlechter oder nasser als hier. Wir haben uns lange in England vorbereitet. London war als Stadt, aber auch England als Gastgeberland ziemlich bombastisch. Die Engländer waren total sportverrückt und haben immer mitgefiebert. Gerade in London hat man nur noch pink und blau gesehen, die Farben der Olympischen Spiele.

Die Segelwettkämpfe waren ja in Weymouth. Konntest du auch Zeit in London verbringen?

Zwischendrin nicht, aber ich war letzten Endes sechs Wochen in England. Anfangs hatten wir zwei Wochen Zeit, um uns noch einmal vorzubereiten. Wir haben gestelltes Material bekommen, das wir erst einmal ausprobieren und ein bisschen einfahren mussten. Dann habe ich mir vier Tage Pause genommen, um den Kopf frei zu kriegen. Danach war ich in London zur Eröffnungsfeier. Unglaublich. Und dann waren meine Wettkämpfe und anschließend war ich nochmal fünf Tage in London, um andere Wettkämpfe zu sehen, um im Dorf zu wohnen und die Abschussfeier mitzumachen.

Hast du während der Olympischen Spiele etwas sehr Lustiges oder Skurriles erlebt?

Letzten Endes ist die ganze Veranstaltung skurril und surreal. Eine lustige Anekdote von der Einkleidung:  In einer Kaserne wurden sämtliche Sportler mit Kleidung ausgestattet, die dann auch während der Wettkämpfe getragen werden musste. Das war quasi deine Uniform. Wir kamen in einen großen Raum, in dem ganz viele Tische u-förmig aufgebaut waren. Dahinter standen Soldaten mit den jeweiligen Sachen, also die einen hatten Schuhe, dann Hosen und so weiter. Wir hatten zwar alle Größen angegeben, aber mussten die Sachen noch einmal anprobieren, um zu gucken, ob sie wirklich passen. Bei den Oberteilen war es überhaupt kein Problem, denn die zieht man einfach über. Bei den Hosen dachte ich dann: „Gibt es Umkleiden?“  Die meinten dann so: „Nö, also nur ne Toilette, aber da geht niemand hin. Die anderen Athleten haben die Sachen einfach hier angezogen.“  Dann hab ich kurz überlegt, welche Unterhose ich an habe und dachte: „Joa, geht klar“  und dann einfach Hose runter. Dann stand ich da in einer Kaserne vor hunderten Soldaten und anderen Menschen in Unterbuxe  und habe schön eine öffentliche Modenschau gemacht.
Außerdem war der Trikottausch am Ende der Spiele auch ziemlich cool. Wenn alle mit ihren Wettkämpfen durch sind, geht das her wie auf einem Basar. Es gibt unterschiedliche Häuserblocks, in denen die verschiedenen Nationen untergebracht sind, und dann wanderst du durch das Olympische Dorf von einem Block zum nächsten und versuchst dein Deutschlandtrikot gegen das Trikot irgendeiner anderen Nation, die du haben möchtest, umzutauschen. Das war ziemlich lustig.
Skurril war auch die Story mit den Kondomen. Es ging ja durch die Medien, dass im Olympischen Dorf so viele Kondome gebraucht wurden. Das ist ein Thema, das immer wieder so ein bisschen hochgepusht wird. Ich glaube, es liegt daran, dass es im Dorf „Marktfrauen“ gab, die mit Bauchläden herumliefen. Meistens konnte man sich Essen, Getränke oder so von diesen Bauchläden nehmen. Irgendwann ab Mitte der Wettkämpfe liefen sie dann aber mit einem Bauchladen voller Kondome herum. Dann hat natürlich jeder einmal hineingegriffen und eine Hand voll  mitgenommen und ist damit dann nach Hause, um das dem Freund oder was weiß ich nicht was zu präsentieren. Also dementsprechend kann ich mir vorstellen, dass die Statistik mit den soundso vielen Kondomen, die benutzt wurden, einfach von diesen „Bauchladenfrauen“ stammt, wo natürlich jeder einfach hineingreift.

Wie hast du die Eröffnungsfeier wahrgenommen?

Ich fand es toll. Für mich war die Eröffnungsfeier eines der Highlights. Wir haben von der Show überhaupt nichts mitbekommen, weil wir draußen vor dem Stadion standen und gewartet haben. Wir wussten gar nicht so genau, was uns drinnen erwartet, hatten natürlich aber eine grundsätzliche Idee davon, was auf uns zukommt. Letztendlich aber kann man die ganzen Emotionen und die ganzen Eindrücke, die damit verbunden sind, nicht vorausahnen. Das ist etwas, das man erst erleben muss, um es zu verstehen. Vor dem Stadion hat sich eine Spannung  und eine Vorfreude aufgebaut. Dann sind wir eingelaufen und es war krass. Man hört nur „Deutschland“ und dann geht ein tosender Applaus los. Du kommst in das Stadion und wirst erst einmal erschlagen von den Dimensionen, von der Lautstärke, von den Farben. Das war einfach super bunt. Dann stehen da Kameras und du kriegst nur so einzelne Eindrücke mit. Da war für mich so das Gefühl: „Krass, das sind Olympische Spiele“. Der Gedanke ist ja auch „Teilnahme über Sieg“ und das wurde mir in diesem Moment sehr bewusst. Dieses Bewusstsein „Wow, ist das groß, wo ich gerade mitmache“, hatte ich vorher nicht. Wenn der Olympische Eid gesprochen wird und die Flagge hereingetragen wird und die Hymnen gespielt werden und das Feuer entfacht wird, ist es einfach total berührend. Ich habe es als riesige Ehre und Privileg empfunden, dabei zu sein. Natürlich arbeitet man hart darauf hin, aber letzten Endes gehört auch Glück dazu. Von der Eröffnungsfeier habe ich auch ganz viel in die Wettkämpfe mit hineingetragen.

Hattest du während der Spiele auch mal Zeit, deinen Erfolg zu feiern?

Man hatte schon die Chance, nach Ende der Wettkämpfe feiern zu gehen. Im Olympischen Dorf selbst durfte man nicht feiern oder Alkohol trinken, aber das deutsche Haus war eigentlich immer eine Anlaufstation. Man wurde jedoch auch von Sponsoren eingeladen, die große Feiern organisiert haben, wo dann sämtliche von der Marke gesponsorte Athleten aus aller Welt in einen Club eingeladen wurden. Natürlich hat sich das auch verteilt, weil London einfach eine riesige Stadt ist. Nach der Abschlussfeier war im Olympischen Dorf dann auch eine Feier. Das war ganz angenehm, weil es sich auf das Olympische Dorf konzentriert hat und man wirklich mit Athleten unter sich feiern konnte. Das war schön. Da gab es aber auch quasi kein Alkohol und die Stimmung war trotzdem unglaublich cool, weil es mega die Feier-Stimmung war. Die Leute haben sich gefeiert, haben die Spiele gefeiert und haben gefeiert, dabei zu sein. Da war so schon eine unglaubliche Stimmung, dass Alkohol letzten Endes überflüssig war.

Wie war die Rückfahrt mit der MS Deutschland?

Die Sachen mit den Hockeyspielern, die die MS Deutschland zerstört haben, waren gar nicht bei der Rückfahrt. Das war, nachdem die das Hockeyfinale gewonnen hatten. Sie sind ins deutsche Haus gegangen, haben dort gefeiert und dann hat jemand erlaubt, dass sie auf der MS Deutschland feiern. Frag mich jetzt nicht, was da passiert ist, denn ich war nicht dabei. Da wurde anscheinend ein bisschen demoliert, aber das ist alles vor der Rückfahrt passiert.

Einer aktuellen Abstimmung nach wäre Windsurfen 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro nicht mehr olympisch und dafür wird Kitesurfen in die olympischen Disziplinen mit aufgenommen. Wie sieht man es als Windsurferin, wenn die eigene Sportart plötzlich nicht mehr olympisch sein soll?

Die Windsurfer sind eher empört, dass es zu Ende ist, weil die Begründung sportfachlich einfach Schwachsinn ist. Es wird immer versucht, populäre Sportarten mit vielen Nationen und vielen großen Starterfeldern in den Olympischen Spielen zu halten. Das ist im Windsurfen einfach gegeben. Außerdem dürfen normalerweise nur etablierte Sportarten zu den Spielen. Kitesurfen existiert, aber Kite-Race existiert in dem Sinne nicht.

Wie sieht deine Zukunft aus? Würde dich auch das Kitesurfen reizen?

Ich habe ganz klar gesagt, bis 2012 plane ich, was den Leistungssport angeht, und dann gucke ich, was passiert. Dabei hatte ich immer ganz klar im Hinterkopf, danach wird weiter studiert. Mein Studium hat jetzt in den nächsten zwei Jahren höchste Priorität. Es gibt mehr als Leistungssport.
Ich weiß nicht, ob Kitesurfen meine Sportart ist. Ich mag Segelsport, ich mag Leistungssport und ich denke, ich möchte es auf jeden Fall probieren. Ich werde einfach  erst einmal Kiten lernen und dann gucken, was sich entwickeln kann oder nicht. Aber das ist alles noch sehr ungewiss.

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Inga war bis 2013 Redakteurin des Albrechts.

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