Leben wir im postfaktischen Zeitalter? – DER ALBRECHT argumentiert

Das von den Oxford Dictionaries gewählte internationale Wort des Jahres 2016 lautet: „post-truth“ – postfaktisch. Es beschreibt ein Phänomen, das sich besonders in den sozialen Medien abzeichnet und dort geprägt wurde: Weniger Fakten, mehr Emotionen. Und zwar in dem Sinne, dass persönliche Überzeugungen und Meinungen Fakten nicht nur überschatten, sondern teilweise sogar vollkommen ersetzen. Befinden wir uns also tatsächlich in einem postfaktischen Zeitalter? Die Seite 3 des ALBRECHT beschäftigt sich dieses Mal mit dem Ja und Nein zu dieser Frage und versucht dabei, so faktisch wie möglich zu bleiben.


Leben wir im postfaktischen Zeitalter? Ja, meint Leona:

hanoi-300x300Das wohl größte Problem beim Beantworten der Frage, ob wir nun in einem postfaktischen Zeitalter leben oder aber doch nicht, ist, das Ja (oder Nein) mit tatsächlichen Fakten zu belegen. Leider – und das ist ja das Problem – geht es wieder mal um das Gefühl. Es gibt noch keine Langzeitstudien über die Wirkung von ‚fake news‘- und Lügenpresse-Ausrufen, die belegen könnten, dass sich tatsächlich der Großteil der Menschheit blenden lässt. Dass man schon immer lieber glaubte, was man hören will, ist bekannt. Was aber hat sich verändert? Die Medienzugänglichkeit. Tageszeitung und Abendnachrichten wurden längst als Hauptinformationsquelle abgelöst. Im Mai 2016 veröffentlichte das Pew Research Center in einer Studie, dass sechs von zehn US-Amerikaner*innen Nachrichten via Social Media beziehen, 44 Prozent der Erwachsenen von  facebook. Das Problem: Der Algorithmus, der uns immer wieder bestätigt. Endlosschleifen der einseitigen Meinung existieren zugeschnitten für jedes politische Lager und es wirkt automatisch viel globaler, wenn uns ein Video in den sozialen Medien in unserer Meinung bestätigt, als nur der Nachbar hinterm Gartenzaun.

Durch das Smartphone sind Nachrichten darüber hinaus dauerhaft aktuell zugänglich. Selektion von Nachrichten ist dabei zwar weiterhin nötig, jedoch nicht mehr so vordergründig. Das kann überfordern und ist vielleicht der Grund, dass lieber Social Media als eine Nachrichten-App zum News-Bezug genutzt wird. Vielleicht liegt es auch an der Politikverdrossenheit. Die war übrigens auch mal Trendwort, genau wie ‚postfaktisch‘.

Die Flüchtlingsdebatte ist ein gutes Beispiel: Suffixe wie -welle, -krise und -katastrophe werden gerne an das Wort Flüchtling geheftet und suggerieren so automatisch ein ‚Problem‘. Es sind Katastrophenbegriffe, die vor allem Angst schüren. Diese ist emotional beladen, schwer zu bekämpfen und ja, sowohl pre- als auch postfaktisch. Fakt ist jedoch: 256 136 Menschen wurden 2016 in Deutschland als Flüchtlinge registriert. Angenommen diese würden tatsächlich alle anerkannt, machten sie keine 0,32 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung aus und wären somit sicherlich keine wahr gewordene, alles überschwemmende, katastrophale Welle.

‚Postfaktisch‘ ist demnach nicht nur Trendwort, sondern leider auch Realität. Doch wie jeder Trend wird auch dieser vorübergehen. Es ist zu erwarten, dass sich Gemüter beruhigen und sich rückbesonnen wird – bis dahin ist es wichtig, mit Fakten zu glänzen, anstatt sich von Parolen blenden zu lassen.


Postfaktisches Zeitalter? Nein, meint Rebecca:

rebecca-kleinPostfaktisch – ein Begriff, der ein vermeintlich neues Phänomen beschreibt; denn angeblich befinden wir uns beim Verdrehen von Tatsachen auf einem nie da gewesenen Level. Unbestritten ist, dass die Menschheit schon immer gelogen hat, sowohl Politiker*innen als auch Normalsterbliche nehmen es mit der Wahrheit nicht immer ganz so genau. Doch was sind eigentlich Wahrheit und Realität? „Wenn Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich“, schrieb schon 1928 das Soziologen-Ehepaar Thomas. Angewendet auf ein aktuelles Beispiel bedeutet das: Wenn Donald Trump, ungeachtet jedweder objektiver Fakten, Mexikaner*innen als Wurzel allen Übels in den USA ausmacht, dann ist der angedrohte Mauerbau eine sehr reale Konsequenz, die auch diejenigen betrifft, die auf der Grundlage einer anderen Faktenlage handeln. Ähnliches galt aber bereits 1933, als Hitler Antisemitismus zur Staatsaufgabe machte oder in den 1950er Jahren, als die USA Kommunist*innen jagten – lange vor einem angeblichen postfaktischen Zeitalter. Geändert hat sich wenig an dem Umgang mit Lügen oder dem Intellekt der Menschen, vielmehr muss man sich das Medium anschauen, durch das sie verbreitet werden. Die sozialen Netzwerke ermöglichen es, unmittelbar Nachrichten an eine Leserschaft von bis zu sieben Milliarden Menschen zu senden, mehr als jedes politische Revolverblatt jemals erreichen wird. Das Gefährliche daran ist, dass es nicht mehr nur einiger weniger charismatischer Persönlichkeiten bedarf, um effektiv eine Ideologie zu propagieren, sondern jede*r dahergelaufene Internetnutzer*in ungefragt irgendwelche haltlosen Behauptungen verbreiten kann. Hinzu kommt ein Filter aus Abos, Likes und Retweets, der den Kontakt zur Meinung Andersdenkender erschwert und einen in einen ewigen Teufelskreis immer wieder in seinen Ansichten bestätigt. Einige Menschen ignorieren beziehungsweise diffamieren gezielt Presse- und Regierungsmeldungen, Stichwort Lügenpresse, andere wiederum, sind schlichtweg nicht mehr in der Lage, durch den Nachrichtendschungel zu blicken und glauben die Informationen, die sie am häufigsten hören. Fazit: Geändert hat sich an der Ausgangslage wenig, wir bekommen dank des Internets nur heutzutage jede noch so kleine Stimmungsschwankung auch aus den entlegensten Winkeln der Welt sofort mit. Wir sollten also besser aufhören, ein vermeintliches postfaktisches Zeitalter als Erklärung und Entschuldigung für alles anzuführen und endlich anfangen, uns Gedanken darüber zu machen, wie das Vertrauen in die Presse und offizielle Meldungen wiederhergestellt werden kann.

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