Leseratte: Anatomie leicht gemacht

Um dem schlechten Image des Darms entgegenzuwirken entschloss sich die angehende Medizinerin Giulia Enders 2014 ihren zuvor mehrmals ausgezeichneten Vortrag Darm mit Charme zu veröffentlichen. Durch ihre eigene Krankheitsgeschichte und das folgende Medizinstudium kam Enders auf den in der Fachwelt und medizinischen Populärliteratur vernachlässigten Darm und wollte mithilfe des Buchs auch allgemeine Wissenslücken schließen. Nach eigenen Aussagen finde sie es erschreckend, wenn Wissenschaftler sich nur hinter geschlossenen Türen über die neusten Erkenntnisse austauschen und der Großteil der Bevölkerung von diesen nicht profitieren könne. Inhaltlich erhält der Leser eine ausführliche Einführung in die Funktion des gesamten menschlichen Körpers. Angefangen bei der Nahrungsaufnahme arbeitet sich Enders durch den ganzen Organismus und erklärt in angenehm ungezwungener Art sämtliche Funktionsweisen. Auch der eher naturwissenschaftlich mittelmäßig gebildete Bürger kann folgen und erfährt sogar noch Neues.

Wer hätte gedacht, dass sich in unserem Speichel ein Schmerzmittel befindet, dass stärker als Morphium ist. Oder, dass die eigentliche Länge des Darms circa sieben Kilometer beträgt. Mit solchem Wissen lässt sich auf Partys punkten. Auch auf allerlei Wehwehchen, wie z.B. Lebensmittelunverträglichkeiten und Allergien wird eingegangen. Die Zeichnungen, die sich zur unterstützenden Darstellung durch das ganze Buch ziehen sind lustig und bieten immer mal wieder eine kleine Abwechslung. Neben den medizinisch korrekteren Abbildungen, entlocken einem besonders tanzende Darmmikroben und Salmonellen mit Sombreros ein Schmunzeln. Neben den vielen gelungenen Beschreibungen, gibt es gelegentlich einige fragwürdige Momente. Gleich zu Anfang wird der Leser im Kapitel Wie geht kacken? – …und warum das eine Frage Wert ist auf den Boden der Tatsachen geholt. Gesteigert wird das Ganze noch einmal mit Eine kleine Lektüre zum Kot, Stichwort zeichnerische Darstellung.

Zartbesaitete Leser werden sich sicherlich besonders über die Ermutigung zu eigenen Stuhlanalysen freuen. Die alltägliche Sprache fällt überwiegend positiv auf, allerdings ist selbst der geneigte Leser nach all dem Kacken und Kotzen zu Anfang etwas genervt ob dieser zu gewollten Lockerheit. Insgesamt lässt sich durchaus nachvollziehen warum Darm mit Charme das erfolgreichste Sachbuch 2014 war. Man kann Frau Enders sicherlich bescheinigen, ihre Sache gut gemacht zu haben, zudem war es ihre erste Veröffentlichung dieser Art. Insbesondere hervorgehoben werden sollte auch, dass die Autorin viele neue wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahre einbezieht und sich das Buch nicht einfach nur wie ein umgeschriebenes altes Lehrbuch liest. Selbst als eher nicht naturwissenschaftsinteressierter Mensch kann man mit dem Buch Freude am Thema menschlicher Körper entwickeln und erhält einen leichten Einstieg.

Autor*in

Rebecca war von 2014 bis 2019 teil der ALBRECHT-Redaktion. In der Zeit hat sie für ein Jahr das Lektorat geleitet und war ein weiteres Jahr die stellvertretende Chefredakteurin.

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