Leuchtende, knallige Farben und Liebe zum Detail

Auf den Flächen ausgeklappter Würfel, die einander teilweise überlagern, sind Gesichter und Hände in grell-bunten, künstlichen Farben zu sehen. Bei genauer Betrachtung sind immer mehr Details zu erkennen: Chirurgen mit OP-Masken und Kitteln, die Hand eines DJs am Plattenteller und schemenhafte Figuren, die scheinbar laufen. Inspiration für dieses Bild seien die farbenfrohen Videoaufnahmen von Musiksendern wie Viva gewesen. Menschen im Kunstlicht ist eins der zahlreichen Gemälde von Corinne Wasmuth. Unter dem Titel Supraflux sind die bis zu sieben Meter langen Werke der zeitgenössischen Künstlerin aus dem Zeitraum von 1989 bis 2013 in der Kunsthalle noch bis 9. Juni zu sehen.

Die in Berlin lebenden Künstlerin Corinne Wasmuth malt ihre großformatigen Werke oft mehrere Monate lang.  (Foto: alo)
Die in Berlin lebenden Künstlerin Corinne Wasmuth malt ihre großformatigen Werke oft mehrere Monate lang.
(Foto: alo)

„Kleine Bilder wären mir zu langweilig“, sagt Corinne Wasmuth. Sie brauche Platz, um all ihre Ideen unterzubringen. Durch die vielen Szenen wirkten die Bilder wie ein festgefrorener Film. Die Ausstellung zeigt auch die Anfänge von Wasmuths Schaffen: Collagen. Sie waren später Inspiration für die Malerei. Als erstes Markenzeichen entwickelte sich die architektonische Anordnung vieler kleiner Bilder, wie in ihrem Gemälde Mikroskopische Anomalie von 1994. Es sieht aus wie eine bunte Seite aus einem Biologiebuch. Der Querschnitt eines Blattes oder einer Baumrinde sind neben den Neuronen der Netzhaut eines Tintenfisches oder einer mikroskopischen Darstellung der Plazenta – ein Skandal bei der ersten Ausstellung, berichtet die Berlinerin: „So detailgetreu zu malen war gegen den Zeitgeist, nur die Jugend war dem Bild gegenüber toleranter.“ Doch Corinne Wasmuth hat sich nicht reinreden lassen, ist ihrem Stil treu geblieben und beweist mit ihrer jüngsten Auszeichnung, dem Käthe-Kollwitz-Preis, dass es sich gelohnt hat.

Mit dem Kauf ihres ersten Computers endeten die selbst geklebten Bildsammlungen. Mit der Digitalkamera fotografierte sie Inspirationsquellen, stellte diese am PC in einen neuen Zusammenhang und verfremdete sie. So bastelte sie Vorlagen für ihre mehrere Meter langen und hohen Bildern. Die verschiedenen Schaffensphasen Wasmuths zeigt die Ausstellung in der Kunsthalle. Damit verbunden ist auch die Entwicklung von sehr konkret gemalten Bildern wie etwa dem Bild Schlangen oder der Trilogie Haare bis zu dem jüngst beendeten Gemälde Paine Towers, das schemenhafte, sich beinahe auflösende Figuren beinhaltet. „Es wirkt wie in dem Zustand kurz vor dem Einschlafen, eine Mischung aus Wachen und Träumen“, findet Anette Hüsch, die Leiterin der Kunsthalle.

In punktgenauer Präzisionsarbeit entstand das Gemälde „Räume“ von Corinne Wasmuth, in dem die verschiedenen Areale auf kunstvolle Weise ineinander über gehen.
In punktgenauer Präzisionsarbeit entstand das Gemälde „Räume“ von Corinne Wasmuth, in dem die verschiedenen Areale auf kunstvolle Weise ineinander über gehen.

Wasmuths Bilder entstünden wie ein Polaroid, erklärt Anette Hüsch, die die Künstlerin regelmäßig in ihrem Atelier besucht hatte. Während sie nur mehrere Farbschichten sah, wusste die Künstlerin schon, wie das Werk hinterher aussehen solle. „Ich sehe ein inneres Bild und übertrage es dann auf das Holz“, sagt Corinne Wasmuth. In präziser Kleinarbeit und Lasurtechnik trägt sie jede Farbschicht von hell nach dunkel einzeln auf das Holz auf. Gerade gegen Ende werde es immer schwieriger für die Kunstprofessorin, ihre Bilder nicht zu „zermalen“, wie sie es nennt. Damit meint sie die Gefahr, dass die Farben durch zu häufiges Übermalen ihre Kraft verlieren. „Ich habe immer das Gefühl, dass ich aus den Farben noch viel mehr kitzeln kann, doch irgendwann ist die Stelle voll“, dann dauere es eine Weile bis sie erkennen würde, dass das Bild nun fertig sei.

Wer die beeindruckenden, meterlangen Werke sehen will, hat noch bis 9. Juni Zeit Gelegenheit dazu. Eine wirklich sehenswerte Ausstellung für alle, die Farben und Formen lieben und gern nach versteckten Details suchen.

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Über Anna Lisa Oehlmann 0 Artikel
Anna Lisa ist seit dem Herbst 2010 als Redakteurin beim Albrecht tätig. Sie schreibt besonders gern Opernkritiken und Theaterrezensionen und leitete mehrere Jahre das Kulturressort. Der kulturelle Schwerpunkt begründet sich im Studium der Fächer Deutsch und Europäische Ethnologie/ Volkskunde.

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