Liberté. Égalité. Fraternité?

Ein Kommentar von Rune Weichert

Vor gut einer Woche haben uns die furchtbaren und barbarischen Terroranschläge von Paris zutiefst erschüttert. Mit Fassungslosigkeit haben wir die Geschehnisse vor dem Fernseher verfolgt, Sondersendungen geschaut und sind in Gedanken bei den Opfern dieser Massaker gewesen. Wir haben im Stillen der Opfer gedacht und vielleicht auch ein paar Tränen vergossen. Um Anteilnahme zeigen zu können, hat Facebook eine Funktion freigeschaltet, mit der man die Möglichkeit hat, sein Facebookprofil in die Farben der französischen Trikolore – blau, weiß, rot – zu hüllen. Viele haben diese Möglichkeit genutzt oder ihr Profilbild auf eine andere Art und Weise geändert, um Anteilnahme mit den Franzosen zu zeigen.
Doch mit dieser Trikolore-Funktion ist im Internet ein regelrechter Shitstorm losgetreten und zwar nicht gegen die, die nicht die Trikolore verwenden, sondern eben gegen die, die sie verwenden. Die Kritiker sagen, dass wir nicht nur von den Anschlägen in Paris erschüttert sein und an ihre Opfer denken sollten, sondern auch derer, die durch Terror in Syrien, der Türkei, Libanon, Somalia usw. sterben, gedenken müssten. Und damit haben sie natürlich auch recht. Der Terror und das Leid, was dadurch entsteht, sollte uns mehr berühren, egal wo der Terror stattfindet, sei es in Nigeria, auf den Philippinen oder der Türkei. Terror und Leid außerhalb Europas scheint viele nicht mehr so sehr zu bewegen und die Trikolore-Kritiker haben eben diesen Nerv getroffen. Aber viele gehen sogar einen Schritt weiter und bezeichnen solche, die die Trikolore im Profilbild haben als „heuchlerisch“ und „pseudo-solidarisch“, da sie bei anderen tragischen und unmenschlichen Terroranschlägen in der Welt eben nicht diese Solidarität gezeigt haben. Ist diese Kritik berechtigt?

Zum einen ist die Trikolore im Profilbild ein Zeichen der Solidarität mit Frankreich und ein Zeichen des Mitgefühls und der Trauer. Das ist das Mindeste, was man tun kann, wenn man denn Anteilnahme zeigen möchte. Aber: Haben die, die jetzt mit dem Finger auf andere zeigen und sie als „heuchlerisch“ bezeichnen, nur weil sie nicht bei den Anschlägen in Beirut, Bagdad, Mogadischu, Tunis oder Ankara in den sozialen Medien ihre Trauer oder Solidarität kund getan haben, selber bei diesen furchtbaren Anschlägen gesagt oder geschrieben: „Ich bin Beirut/Bagdad/Mogadischu/Tunis/Ankara“? Haben sie ihr Profilbild geändert? Haben sie Blumen und Kerzen vor Botschaften niedergelegt? Haben sie der Opfer gedacht und Tränen vergossen, als diese Anschläge stattfanden oder haben sie es in den Nachrichten gesehen oder gelesen und sich gedacht „Ach, wie traurig“ und dann weiter ihre Lieblingsserie geschaut oder weiter zu Abend gegessen? Oder haben sie vielleicht sogar nur mit den Achseln gezuckt?

Natürlich sollten wir uns auch mehr für den Terror in anderen Teilen der Welt interessieren, bzw. sollte er uns mehr tangieren, als wenn er nur vor unserer Haustür steht. Aber ist diese Kritik mit dem erhobenen Zeigefinger richtig? Oder anders gefragt: Halten die, die auf Facebook-User mit Trikolore schimpfen, jedes Jahr für eine Minute inne, um den sechs Millionen Opfern des Holocaust zu gedenken, so wie es in Israel jedes Jahr zum Yom Hashoah getan wird? Ist es nicht ebenso heuchlerisch, andere wegen angeblichens Nicht-Gedenkens zu verurteilen, obwohl diejenigen mit erhobenen Zeigefinger es vielleicht selber gar nicht getan haben oder tun? Manche Menschen, die andere aufgrund einer Trikolore verurteilen oder beschimpfen, stellen sich als einen „besseren“ oder auch „intelligenteren“ Menschen hin, weil sie meinen, was richtig ist. Das macht sie allenfalls besserwisserisch.

Eigentlich sollten wir diese Diskussion doch gar nicht erst führen. Statt zu streiten, wie und wen wir betrauern sollten und wie und wen nicht, sollten wir uns darauf einig sein, dass Terror zu verurteilen und in jeglicher Form zu verachten ist. Wir sollten vereint sein, wenn es um die Bekämpfung des Terrors geht und darum, dem Terror die Stirn zu bieten. Wir sollten uns alle einig darüber sein, dass Terror außerordentlich schlimm ist und jedes einzelne Opfer von Terroranschlägen viel zu früh und sinnloserweise gestorben ist. Statt uns über richtige Trauerkultur zu streiten, sollten wir lieber allen Opfern des Terrors, aus welcher Richtung er auch immer kommen mag, im Stillen gedenken.

Bildquelle: Eugene Delacroix/ WikiCommons

Autor*in
Rune Weichert
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Rune ist 21 und studiert seit 2013 an der CAU Politikwissenschaft und Skandinavistik. Seit 2014 ist er beim ALBRECHT dabei. Nebenbei ist er auch beim Campusradio als Nachrichtenredakteur tätig.

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