Leona Sedlaczek

Liebe ist das, was man tut – zum Beispiel zu einem Kettcar Konzert gehen

Written by Leona Sedlaczek. Posted in Plattensau

Marcus Wiebusch in gewohntem Setting: Gitarre um den Hals und Mund am Mikro

Published on Januar 29, 2018 with No Comments

Kettcar ist nicht nur ein rotes Lieblingsspielzeug aus Kindeszeiten, sondern auch eine Band. Eine gute Band. Eine mit viel Wahrheit, vielen Fans und einer neuen Tour.

2001 kamen mehrere Hamburger Jungs zusammen, schrieben ein Indie-Rock-Album mit dem grandiosen Namen Du und wie viele deiner Freunde, vorne an Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff, die bis dato noch beide fest bei Rantanplan spielten. Kettcar ward geboren, aber Kettcar wollte niemand haben. Was macht man da? Ein eigenes Label gründen natürlich. Das Trio aus Wiebusch, Bustorff und keinem Geringeren als Thees Uhlmann, Frontsänger der Band Tomte, bereicherte St. Paulis Kultur um Grand Hotel van Cleef. Das Independent-Label nahm und nimmt Musiker wie Death Cab for Cutie, Kilians, Adam Angst, FJØRT, Olli Schulz und der Hund Marie, Tomte sowie die Soloprojekte von Nils Koppruch, Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch unter Vertrag.

Zwölf Jahre lang spielten sich Kettcar durch die Clubs und Hallen und veröffentlichten deutsche Musik mit textlichem Wahrheitsanspruch, norddeutsch abgeklärter Emotionalität und Marcus Wiebuschs tiefer, ruhiger Stimme, der man auf wundersame Weise alles glauben will, was sie einem ins Ohr singt. 2013 verabschiedete sich die Band aus dem Rummel der Musikwelt, zumindest als Kollektiv.

Im August 2017 dann endlich eine neue Single und zwar ein Statement zur so genannten Flüchtlingskrise. Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun) erzählt die Geschichte eines mit Bolzenschneider bewaffneten jungen Mannes, der DDR-Bürgern zur Flucht verhalf. Auf das am 13. Oktober 2017 veröffentlichte fünfte Album Ich vs. Wir folgt nun die Tour. In Kiel wurde als nächst gelegener größerer Nachbar auch Halt gemacht. Beim Konzert im MAX Nachttheater schmunzelt Wiebusch über die mediale Rezeption seiner alten Band …But Alive als „Punkband mit politischen Texten“ – als würde sich das groß widersprechen. Das Stückchen Wahrheit über diese Bandmentalität scheint sich nicht geändert zu haben, denn Sommer ’89 folgt.

Das Konzert in Kiel ist ausverkauft. Das Publikum scheint überwiegend über 30, was auch Wiebusch gleich nach dem ersten Song auffällt – vielleicht erwartet er aber auch nichts anderes. Er begrüßt lachend auch die unter 30-Jährigen. Die ‚älteren‘ Menschen im Publikum sind jedoch kaum verwunderlich, denn auch Kettcars Bandmitglieder sind alle näher an der 50 als an der 30. Viele von ihnen stehen eng umschlungen als Paare dort im MAX und lauschen der Band, die sie über zehn Jahre begleitete und der sie jetzt nicht mehr nur noch digital, sondern endlich wieder live zuhören dürfen.

Irgendwie ist es heimelig auf diesem Konzert. Angenehm, verträumt, wenig Geschiebe, kein Schubsen. Vielleicht liegt das tatsächlich auch ein bisschen am Alter und am ruhigeren Ton der Band, der nicht unbedingt zu Moshpits einlädt. Dennoch tut dies der Ekstase keinen Abbruch, sie manifestiert sich lediglich in anderen Konzertgesten. Ich sehe sie im Satz „Das ist einfach ein geiler Song!“, den ein Mann vor mir seiner Begleitung zuruft, als Kettcar die letzten Takte von Balu spielen. In den beiden Frauen in der ersten Reihe, die jedes Wort mitsingen können. In dem älteren Herren neben mir, der seinen Arm in die Höhe reißt, fröhlich auf und ab wippt und auf dessen Gesicht sich ein wohlig warmes Lächeln ausbreitet, als Wiebusch 48 Stunden ankündigt. Und in dem stimmgewaltigen Chor, der der Band entgegenschlägt und zeigt, dass hier keins der Lieder vergessen ist und die neuen Songs mit offenen Ohren in Empfang genommen wurden. Es muss ein schönes Gefühl sein, wenn hunderte Menschen die Texte singen, die man selbst zu Papier brachte. Und es ist ein schönes Gefühl, dass es Kettcar wieder gibt.


Kettcar Tour 2018:  

18.01.2018 Saarbrücken, Garage
19.01.2018 München, Tonhalle
20.01.2018 AT-Wien, FM4 Geburtstagsfest
21.01.2018 AT-Graz, PPC
22.01.2018 CH-Schaffhausen, Kammgarn
23.01.2018 CH-Bern, Bierhübeli
24.01.2018 Erlangen, E-Werk
25.01.2018 Stuttgart, Theaterhaus
26.01.2018 Dortmund, FZW
27.01.2018 Bremen, Schlachthof
28.01.2018 Kiel, Max
30.01.2018 Magdeburg, Altes Theater
31.01.2018 Dresden, Schlachthof
01.02.2018 Leipzig, Haus Auensee
02.02.2018 Wiesbaden, Schlachthof
03.02.2018 Köln, Palladium
06.02.2018 Hamburg, Große Freiheit 36
07.02.2018 Hamburg, Große Freiheit 36
08.02.2018 Hannover, Capitol
09.02.2018 Bielefeld, Ringlokschuppen
10.02.2018 Berlin, Huxleys



Bilder: Leona Sedlaczek

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About Leona Sedlaczek

Leona Sedlaczek

Leona ist seit Juni 2014 Teil der Redaktion und war von Dezember 2014 bis Februar 2017 Chefredakteurin der Print-Ausgabe des ALBRECHT. Seit Februar leitet sie die Online-Redaktion. Leona studiert Englisch und Französisch an der CAU, schreibt für verschiedene Ressorts der Zeitung und kritisiert Land, Leute, Uni und den Status Quo ebenso gerne wie Platten.

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