Manche leuchten, wenn man sie lässt

Bunte Blöcke aus kleinen Quadraten fallen unaufhaltsam nach unten, Christian steuert sie. Er spielt Tetris. Das Besondere daran: Was auf seinem Laptop passiert, wird direkt auf den größten Bildschirm Kiels übertragen – das Unihochhaus. Hier konnten die Teilnehmenden am Programmierpraktikum des Studiengangs Informatik ihre selbst programmierten Spiele in der Woche vom siebten bis zum elften März testen. Nur mit der typischen Spielmelodie kann das Hochhaus die Uni nicht beglücken. Doch es ist nicht das erste Mal, dass der graublaue Klotz am Westring sich in einen echten Hingucker verwandelt.

Seit November läuft das Projekt Lighthouse, bei dem jedes Fenster des 14-stöckigen Hochhauses zu besonderen Anlässen in verschiedenen Farben beleuchtet wird. So ergeben riesige Bilder Gesamtmotive. Bereits zu sehen gab es unter anderem passend zum Projektnamen einen Leuchtturm, in der Adventszeit einen Weihnachtsbaum und eine romantische Lichtshow am Valentinstag. „Man kann das leuchtende Hochhaus sogar vom Ostufer sehen, und je weiter man entfernt steht, desto besser verschmelzen die einzelnen Pixel zu einem Bild“, sagt Wirtschaftsinformatik-Student Jonas Lutz, der das Projekt gemeinsam mit den Informatik-Studenten Andreas Boysen, Merlin Kötzing und Christian Kulessa entwickelt hat und leitet – und zwar nicht betreut vom Lehrpersonal, sondern komplett in Eigenarbeit. „Es gab bereits ähnliche Installationen, zum Beispiel in Japan und Berlin, aber entweder nur in schwarz-weiß oder in viel kleinerem Maßstab“, erzählt Jonas. Bisher sei die Lichtinstallation auch insofern einzigartig, als dass im Hochhaus trotz der Lampen ganz normal weitergearbeitet werden könne – nur falls einer der Büroinsassen vergessen hat, die Vorhänge seines Fensters zu schließen, fällt ein Pixel im Bild auf dem Hochhaus aus.

Wie funktioniert das eigentlich? In jedem der 392 Gebäudefenster ist eine Leiste mit 144 kleinen LED-Leuchten angebracht. Jede Leiste kann einzeln angesteuert werden und in allen Farben leuchten – je nachdem, welche Leiste welche Farbe annimmt, entstehen also unterschiedliche Bilder oder Schriftzüge. Indem das Team die Lampen zeitversetzt zum Leuchten bringt, haben sie bereits auch kleine Videos über die Fensterfront flimmern lassen, wie zum Beispiel am Valentinstag. Bis zum Tetris-Gaming auf dem Hochhaus hat die vierköpfige Projektgruppe allerdings einen weiten Weg hinter sich gebracht: Schon 2014 entstand die Idee, das Hochhaus im Rahmen des Jubiläums zu beleuchten. Bis zum Start des Projekts im November letzten Jahres mussten in Kooperation mit der Unipressestelle Sponsoren gefunden, rechtliche Rahmenbedingungen geklärt und eine möglichst kostensparende Bauweise entwickelt werden. „Man glaubt gar nicht, womit man sich bei so einem Projekt alles beschäftigen muss“, berichtet Jonas, „Zum Beispiel standen wir vor Frage, ob Flugzeuge, die über Kiel fliegen, durch die Leuchtfläche abgelenkt werden könnten“. Außerdem dürfen die Lichter nur von 19:30 Uhr bis 22:30 Uhr angeschaltet werden, weil dann zwar keiner mehr im Hochhaus arbeitet, aber niemand den Bewohnern der Häuser in der Umgebung die bis zu 12 Kilowatt Lichtleistung im Schlafzimmerfenster zumuten will.

Weniger kompliziert erwies sich dagegen die Suche nach Sponsoren: Unter anderem mit Hilfe der Immobilienfirma Haus&Grund, der Aktion O24K und der CAU Kiel konnten relativ schnell die benötigten 30.000 Euro für die technischen Bauteile aufgetrieben werden. Abgesehen davon sind die einzigen Kosten, die die Lichtshow verursacht, die für den Strom. Da LED-Leuchten sehr sparsam sind, verbraucht die Installation nicht so viel, wie man als Laie erwarten würde: Circa 40 Kilowattstunden würde das System in drei Stunden Einsatz bei maximaler Leistung verbrauchen, das entspräche ungefähr 8,50 Euro. „Dafür müssten allerdings alle Fenster durchgehend in grellem Weiß leuchten, das wäre ja nicht der Sinn der Sache. Normalerweise kommen wir auf eine Auslastung von 50 bis 60 Prozent“, sagt Andreas, der für die Hardware zuständig ist. Wegen der geringen laufenden Kosten wird das Projekt, das mit der Anzeige eines Countdowns bis zur Volksabstimmung über die Olympischen Spiele in Kiel startete, uns noch deutlich länger erhalten bleiben. Abgesehen von eigenen Beleuchtungsideen läuft hin und wieder auch Werbung für den Sponsor Haus&Grund über das Hochhaus, ansonsten bestimmt die Projektgruppe die Motive in Kooperation mit der Pressestelle eigenverantwortlich. So können sie schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren: Nach den Anschlägen in Paris im vergangenen November leuchtete schon am selben Abend die französische Flagge als Zeichen der Solidarität über dem Campus.

Dass die Kosten für das Projekt nicht höher sind, liegt unter anderem daran, dass die vier alle kleinen LED-Leuchten selber auf die Leisten gelötet haben – 56.448 Stück sind im Hochhaus verbaut. Auch die Programmierung und Installation der Lampen haben sie eigenständig umgesetzt. Der Lohn für anderthalb Jahre intensive Arbeit: fünf ECTS-Punkte, die sie sich für ein Projekt im Studium anrechnen lassen können. Trotzdem sind alle mit Begeisterung bei der Sache und planen schon, wie es mit der Lichtkunst weitergehen soll: Als nächsten Schritt planen sie, dass Tetris und Breakout direkt vom Spielcontroller auf das Hochhaus übertragen werden und so wie auf einer Spielkonsole gesteuert werden können – der Laptop könnte dann als Medium wegfallen. Auch einige Projekte in Verbindung mit Lehrveranstaltungen sind in Planung, außerdem freut sich das Team über neue Ideen – wem ein Licht aufgeht, der melde sich unter lighthouse@uni-kiel.de. Bis dahin heißt es weiter: Augen auf am Campus zwischen 19:30 und 22:30 Uhr!

Autor*in

Eva ist seit November 2015 in der Redaktion. Sie studiert Biochemie und Molekularbiologie an der CAU. Als Ressortleiterin hat sie sich bis Anfang 2019 um den Hochschulteil der Zeitung gekümmert, mittlerweile schlägt ihr Herz für Online.

Eva-Lena Stange
Über Eva-Lena Stange 28 Artikel
Eva ist seit November 2015 in der Redaktion. Sie studiert Biochemie und Molekularbiologie an der CAU. Als Ressortleiterin hat sie sich bis Anfang 2019 um den Hochschulteil der Zeitung gekümmert, mittlerweile schlägt ihr Herz für Online.

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