Mauerfall? Von wegen!

Ein Kommentar.

Am 3. Oktober wurde zum 23. Mal der Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Ein historischer Tag, an dem ein geteiltes Deutschland nach 40-jähriger Trennung wieder zusammenfand. Eigentlich. Ich bin in Stralsund geboren und kam vor drei Jahren nach Kiel in der naiven Annahme, die Mauer sei 1989 gefallen. Relativ schnell merkte ich jedoch, dass sie immer noch felsenfest steht. Selbst in den Köpfen unserer Generation.

‚Ossis‘ sind faule Säcke.

Vorurteile der ‚Ossis‘ über die ‚Wessis‘ und der ‚Wessis‘ über die ‚Ossis‘ gibt es zu Genüge. In einem Seminar im letzten Semester beispielsweise sagte ein Kommilitone, dass die Ostdeutschen alle Nazis und arbeitslos seien. Und damit ist er nicht allein. Aussagen wie: „‚Ossis‘ sind faule Säcke.“ stehen in der Beliebtheitsskala der Vorurteile ganz weit oben. Entstanden können diese nur aus einer vermeintlich historischen Überlieferung sein. Im Osten herrschte der Sozialismus. Es waren alle gleich und es verdienten auch alle annähernd gleich. Schmarotzer gab es auch schon damals. Klar ist aber auch, dass viel produziert und geleistet wurde. Ein Großteil dessen verschwand jedoch in den Westen, beziehungsweise wurde an die Sowjetunion abgetreten. Die Folge waren hohe Preise für das Ostvolk. Kann sich jemand heute noch vorstellen, für eine Dose Ananas 12 Mark zu bezahlen? Wuchernde Preise bei einem Monatseinkommen um die 350 DDR-Mark. Der Eindruck der Faulheit mag auch durch die marode Wirtschaft und Infrastruktur entstanden sein, die das Regime hinterlassen hat. Denn das Geld, das durch den Export ins Land kam, hat es selbst nie gesehen. Der Solidaritätspakt war gerechtfertigt. Ob er es jedoch heute noch ist, ist fraglich. Nach der Wende haben viele Menschen ihren Job verloren. Die Arbeitslosenzahlen zeigen noch heute die Auswirkungen dessen. Solche Bedingungen können auch die Gründung rechtsradikaler Gruppierungen begünstigen. Eine Entwicklung, die niemand begrüßt. Erst recht nicht im Osten. Trotz all dieser Erfahrungen, gibt es aber leider immer noch ‚Ossis‘, und im Übrigen auch ‚Wessis‘, die die Mauer zurück haben wollen. Diese Entwicklung ist fast noch beängstigender.

‚Wessis‘ sind geldgierige Aasgeier.

‚Wessis‘ werden im Osten als arrogante Snobs und geldgierige Aasgeier bezeichnet, die versuchen aus allem einen Vorteil für sich zu schlagen. Auch diese Annahme lässt historische Hintergründe erahnen. Den Menschen im Westen ging es wirtschaftlich und finanziell vergleichsweise gut. Sie hatten die Möglichkeit sich frei zu bewegen, zu konsumieren und eine solide Wirtschaftsstruktur zu entwickeln. Der Kapitalismus ist damals wie heute stets präsent und bringt seine Folgeerscheinungen mit sich. Dass der Eindruck der Geldgier entstand, hängt auch damit zusammen, dass einige Westdeutsche nach der Wende Schindluder im Osten betrieben. Ein Image, das sich nicht so leicht wieder aus der Welt schaffen ließ. Andererseits kann man auch sagen: ‚Wessis‘ haben sich ein gesundes Selbstbewusstsein aufgebaut, sind parkettsicherer und können sich gut präsentieren.

Wir sind Deutsche!

Es gibt viele Beispiele wie diese, die zeigen wie sehr wir noch in diesem Denkschema feststecken. In einem Konstrukt der Vorurteile, hervorgerufen durch eine Zeit der Trennung, die wir paradoxerweise nicht einmal selbst miterlebt haben. Es sind Relikte, die wir im Laufe unserer andauernden Sozialisation verinnerlichten. Vorurteile bieten Orientierung und helfen uns, die Welt zu ordnen. Und manchmal mögen sie auch einem gewissen Wahrheitsaspekt unterliegen. Aber sie schüren auch Konflikte und Hass, vor allem, wenn sie sich in unserem Handeln widerspiegeln. Daher ist es umso wichtiger, dass wir uns nicht verschließen und den Menschen mit Offenheit, Toleranz und Verständnis begegnen. Und um dies zu erreichen, ist es nötig, sich übereinander zu informieren und miteinander in Kontakt zu treten. Wir müssen endlich aufhören in Schubladen zu denken und die Vergangenheit hinter uns lassen, denn die Mauer ist schon lange gefallen! Wir sind geprägt durch unsere Erziehung, Historie und das Umfeld, in dem wir groß geworden sind. Jeder von uns ist anders. Aber eines haben wir schließlich alle gemeinsam: Wir sind Deutsche!

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Über Jasmin Helm 0 Artikel
Jasmin studiert Soziologie und Germanistik an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und ist seit April 2012 Mitglied der Redaktion. Von Januar bis April 2013 war sie für das Gesellschaftsressort tätig. Von Mai 2013 bis April 2014 hat sie die Chefredaktion der Printausgabe übernommen.

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