Meer als genug

Meer und Mehr gehen uns mit Meer-Sprüche im und um Kiel auf die Nerven. DER ALBRECHT unternimmt investigative Streifzüge durch die Sailing City auf der Suche nach den neuesten Coups der maritimen Werbemacher und möchtegern-modernen Marketinginnovationen. Wen die vielen M’s jetzt schon nervös machen, der halte sich fest. Wir begeben uns auf die Reise.
Sie beginnt, wo schon so vieles begann: an der Uni. Die Kommunalwahl ist gerade gelaufen, von stolzen Laternenmasten baumeln letzte Plakate im Wind. Wir halten inne, ein grelles Gelb sticht uns in die Augen: „Kiel wird Startup City – Meer für Gründer/innen“. Die FDP recycelt also jetzt Werbesprüche der lokalen Tourismusindustrie. Interessant! Aber es geht weiter: An der nächsten Straßenecke begegnet uns das Gelb wieder, dieses Mal weniger stechend; die Augen scheinen sich daran zu gewöhnen. Eine junge Frau verspricht unbescholtenen Bürgern: „Wir bringen Kiel mehr ans Meer #Stadtstrand“. Wir fragen uns, wie jemand so viel Inhalt auf dem morgendlichen Weg zur Uni verarbeiten soll. Und außerdem, wer da eigentlich in der Werberedaktion der FDP sitzt: fünf Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo?
Auf den Gängen der Uni der nächste Schock. Auch die Bundeswehr macht mit und wirbt am schwarzen Brett: „Jobs mit Aussicht auf Meer.“ Bei der maroden technischen Ausstattung unserer Truppe scheint es tatsächlich nicht unwahrscheinlich, dass man seine Dienstzeit damit verbringt, auf die Förde zu gucken, anstatt zu arbeiten. (Und wen stört das schon?) Der Aussagegehalt von mehr Meer-Sprüchen steigt also mit tieferem Eindringen in die Uni.
Trotzdem beschließen wir, die grauen Räume universitärer Theorie zu verlassen, um dem Thema auf den Grund zu gehen: Wir müssen ans Meer. Segelleinen flattern im Wind und die Masten klappern. An einer Yacht: „In Kiel Meer erleben“. Eine Fähre legt an, es geht nach Laboe. Dort angekommen, werden wir begrüßt: „Laboe hat mehr als Meer“. Bei den vielen Sprüchen kann einem schon schwindelig werden. Wir taumeln den Strand entlang. Endlich ein Schild. Sprache! Die gibt Orientierung. „Landgasthof Falkenhorst. Villa Falkenhorst. Minigolf und Mee(h)r.“ Dieses Mal sogar mit Rechtschreibfehler. (Und wie sind wir nach Friedrichsort gekommen?)
Auf der Rückfahrt stellt sich uns die menschliche Grundsatzfrage der Kreativität: Wie viel Varianz ist innerhalb eines Korsetts möglich? Dass Werbung nicht immer innovativ verfährt, sondern mit einfachsten Mitteln versucht, in die Köpfe der Rezipienten zu dringen, ist keine Überraschung. Aber unsere schönen mehr-Meer-Sprüche sehen ja gar nicht aus wie Marketing! Das könnte am norddeutschen Heimatkult liegen. Die Sprüche sind eine kuschelige Bestätigung der eigenen Identität, an jeder Straßenecke. Niemanden stört’s. Norddeutschland befindet sich in der Anästhesie des Lokalpatriotismus. Hauptsache, wir konsumieren mehr – natürlich am Meer.
Erschöpft von unserem nervenzerreißenden, aber zugleich auch höchst amüsantem Trip durch Kiel, kommen wir jeweils endlich in unserem eigenen, kleinen Heim an.
Unendlich froh über die Tatsache, dass wir vermutlich keine abgeschmackten Wortspiele
mehr ertragen müssen, packen wir unsere Taschen aus und entdecken eine kleine Überraschung. Eine Postkarte aus Laboe hat sich zwischen unsere Handtücher geschummelt: „Einfach Meer“.Meer und Mehr gehen uns mehr Meer-Sprüche im und um das Kiel auf die Nerven. DER ALBRECHT unternimmt investigative Streifzüge durch die Sailing City auf der Suche nach den neuesten Coups der maritimen Werbemacher und möchtegern-modernen Marketinginnovationen. Wen die vielen M’s jetzt schon nervös machen, der halte sich fest. Wir begeben uns auf die Reise.
Sie beginnt, wo schon so vieles begann: an der Uni. Die Kommunalwahl ist gerade gelaufen, von stolzen Laternenmasten baumeln letzte Plakate im Wind. Wir halten inne, ein grelles Gelb sticht uns in die Augen: „Kiel wird Startup City – Meer für Gründer/innen“. Die FDP recycelt also jetzt Werbesprüche der lokalen Tourismusindustrie. Interessant! Aber es geht weiter: An der nächsten Straßenecke begegnet uns das Gelb wieder, dieses Mal weniger stechend; die Augen scheinen sich daran zu gewöhnen. Eine junge Frau verspricht unbescholtenen Bürgern: „Wir bringen Kiel mehr ans Meer #Stadtstrand“. Wir fragen uns, wie jemand so viel Inhalt auf dem morgendlichen Weg zur Uni verarbeiten soll. Und außerdem, wer da eigentlich in der Werberedaktion der FDP sitzt: fünf Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo?
Auf den Gängen der Uni der nächste Schock. Auch die Bundeswehr macht mit und wirbt am schwarzen Brett: „Jobs mit Aussicht auf Meer.“ Bei der maroden technischen Ausstattung unserer Truppe scheint es tatsächlich nicht unwahrscheinlich, dass man seine Dienstzeit damit verbringt, auf die Förde zu gucken, anstatt zu arbeiten. (Und wen stört das schon?) Der Aussagegehalt von mehr Meer-Sprüchen steigt also mit tieferem Eindringen in die Uni.
Trotzdem beschließen wir, die grauen Räume universitärer Theorie zu verlassen, um dem Thema auf den Grund zu gehen: Wir müssen ans Meer. Segelleinen flattern im Wind und die Masten klappern. An einer Yacht: „In Kiel Meer erleben“. Eine Fähre legt an, es geht nach Laboe. Dort angekommen, werden wir begrüßt: „Laboe hat mehr als Meer“. Bei den vielen Sprüchen kann einem schon schwindelig werden. Wir taumeln den Strand entlang. Endlich ein Schild. Sprache! Die gibt Orientierung. „Landgasthof Falkenhorst. Villa Falkenhorst. Minigolf und Mee(h)r.“ Dieses Mal sogar mit Rechtschreibfehler. (Und wie sind wir nach Friedrichsort gekommen?)
Auf der Rückfahrt stellt sich uns die menschliche Grundsatzfrage der Kreativität: Wie viel Varianz ist innerhalb eines Korsetts möglich? Dass Werbung nicht immer innovativ verfährt, sondern mit einfachsten Mitteln versucht, in die Köpfe der Rezipienten zu dringen, ist keine Überraschung. Aber unsere schönen mehr-Meer-Sprüche sehen ja gar nicht aus wie Marketing! Das könnte am norddeutschen Heimatkult liegen. Die Sprüche sind eine kuschelige Bestätigung der eigenen Identität, an jeder Straßenecke. Niemanden stört’s. Norddeutschland befindet sich in der Anästhesie des Lokalpatriotismus. Hauptsache, wir konsumieren mehr – natürlich am Meer.
Erschöpft von unserem nervenzerreißenden, aber zugleich auch höchst amüsantem Trip durch Kiel, kommen wir jeweils endlich in unserem eigenen, kleinen Heim an.
Unendlich froh über die Tatsache, dass wir vermutlich keine abgeschmackten Wortspiele
mehr ertragen müssen, packen wir unsere Taschen aus und entdecken eine kleine Überraschung. Eine Postkarte aus Laboe hat sich zwischen unsere Handtücher geschummelt: „Einfach Meer“.

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Jennifer Du
Über Jennifer Du 7 Artikel
Jennifer studiert Germanistik und Anglistik auf Fachergänzung an der CAU und ist seit Dezember 2017 Teil der ALBRECHT-Redaktion. Sie leitet außerdem seit Februar 2018 die Online- und Social-Media-Redaktion.

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