„Mehr als eine Rockkapelle“*

Kraftklub verwandeln Flensburgs spießige Hallen in eine Scheissindiedisko

Kraftklub weiß, wie Party wirklich geht / Quelle: Stefan Brending

*Für Fangirl-Momente im Artikel wird garantiert

Von der Decke hängen Kronleuchter, der Saal ist komplett mit Holz vertäfelt, die Kulisse wirkt verstaubt. Als Teil der Randale Tour 2016 gehört Flensburg im Januar zu den elf Städten, die Kraftklub auf ihrem Weg durch Deutschland anlaufen. Das Deutsche Haus hat jedoch nicht gerade das Flair, das mit den Chemnitzern in Verbindung gebracht wird. Statt wildem, ehrlichen Rock kommt einem da vor allem ein Wort in den Sinn: Spießigkeit. Aber immerhin spielt die Band mal wieder im hohen Norden und da sind hochgestochene Ansprüche an die Location fehl am Platz.

Bevor es wirklich losgeht, kündigt Kraftklub-Leadsänger Felix Brummer die Vorband Razz an. Die machen Stimmung, während sich der Saal langsam aber sicher füllt. Razz bringen zum Tanzen – wenn auch nicht zum Nachdenken. Teilweise schleicht sich durch einen immer ähnlichen Rhythmus sogar eine gewisse Eintönigkeit in die Songs. Hervorstechend ist allerdings die tiefe, klanggewaltige Stimme von Sänger Niklas, welche die Gitarren rau durchdringt. Ein solider, wenn auch kein umhauender Einstieg.

Das ändert sich jedoch schlagartig, als der wirklich wichtige Teil des Abends anfängt und Kraftklub die Bühne betreten. Ab da beginnt eine über zweistündige Dauerparty mit Springen, Schreien und Mitsingen. Der Kalorienverbrauch dürfte dabei höher sein als bei einem Workout im Fitnessstudio – (Muskel-)Kater am nächsten Tag inklusive. Dazu tanzen nicht nur Eure Mädchen, sondern alle Anwesenden. Es ist nicht das erste Konzert der Band in Flensburg. Vor einigen Jahren, berichtet Felix, hätten sie dort bereits im MAX. gespielt, damals allerdings vor nur rund 80 Besuchern. Heute ist die Band andere Dimensionen gewöhnt. Zwei Echos, ausverkaufte Hallen, Platz 1 in den Charts: Kraftklub sind im Mainstream angekommen. Allerdings drehen sie den Spieß gekonnt ironisch um, indem sie die Fans als ebensolchen bezeichnen, wenn sie singen „Unsere Fans ham sich verändert / Unsere Fans ham sich verkauft / Unsere Fans sind jetzt Mainstream“.

Die fünf Jungs halten die Balance zwischen neuen Songs und alten Hits perfekt. Mit einem Glücksrad wird zwischen vier Stücken von früheren Tapes entschieden. Der Zufall trifft Juppe. Das wohl größte Schmankerl: Ein Medley aus Ritalin, Melancholie, Zu jung, Kein Liebeslied und Lieblingsband. Warum Kraftklub „die Lieblingsband deiner Lieblingsband“ sind, wird spätestens nach diesem grandiosen Zusammenschnitt klar. Auch wenn der Gesang, wie Felix selbst eingesteht, vielleicht nicht immer herausragend ist oder alle Töne getroffen werden, der gesamte Sound und die absolut wahren Texte hauen alles raus. Einige Lyrics wie beispielsweise „Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nichts kannst / Dann sei doch einfach stolz auf dein Land / Oder gib die Schuld ein paar anderen armen Schweinen / Hey wie wäre es denn mit den Leuten im Asylbewerberheim“ haben heute, knapp zwei Jahre nach ihrem Erscheinen, sogar noch an Brisanz dazugewonnen. „Kredibilität liegt immer noch in weiter Ferne“ – mitnichten stimmt diese Zeile aus Eure Mädchen.

Kraftklub nehmen Situationen, die jeder kennt und fassen Gedanken in Worte, die jedem durch den Kopf gehen, auch wenn sie zu unpassend sind, um ausgesprochen zu werden. Das fängt mit dem betrunkenen Anruf beim Ex an („Und immer wenn ich blau bin, ruf ich bei dir an / Ich versuche dir zu sagen, was ich dir sonst nicht sagen kann“) und endet bei der in der Vorstellung ach-so-tollen Rockstar-Party, die sich in der Realität als ganz schön lahm entpuppt (Zwei Dosen Sprite). Damit sind sie „weit mehr als eine Rockkapelle“, wie Felix sagt. Ihr Konzert bestreiten sie mit ganzem Körpereinsatz, ähnlich wie die sonst doch eher zurückhaltenden Nordlichter im Publikum. Da kommt es nicht nur zwischen Band und Zuschauern zum Trikottausch. Eine weitere gelungene Aktion: Die Lichter gehen aus, Kraftklub verlassen die Bühne, totale Verwirrung im Saal. Aber wenige Minuten später richtet sich ein gleißend heller Scheinwerfer mitten ins Publikum und die Gruppe taucht auf dem angestrahlten Podest auf, zum Anfassen nah. Berührungsängste mit dem Publikum? Fehlanzeige, vor allem beim vielleicht einmal olympischen Wett-Crowd-Surfen, bei dem die Jungs ziemlich gute Zeiten hinlegen.

Krönender Abschluss des Abends ist Songs für Liam, eines der wohl grandiosesten Lieder überhaupt. Auf ihrer Randale Tour decken Kraftklub somit alles ab, was zu einem gelungenen Konzert gehört – das Publikum geht sichtlich erschöpft, aber glücklich nach Hause.


Quelle Titelbild: Stefan Brending

 

Artikel teilen auf
Maline Kotetzki
Über Maline Kotetzki 28 Artikel
Maline ist 25 und studiert Deutsch und Politikwissenschaft im Master an der CAU. Sie ist seit Mai 2015 Mitglied beim Albrecht.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*