Mehr Respekt für die Jugend!

„Die Jugend von heute hat einfach kein Benehmen“, mault eine alte Dame. Der Grund dafür ist ein junger Mensch, der in der Kirche vor einem klassischen Konzert sein Handy ausschaltet. „Ein Handy in der Kirche ist doch unmöglich“, setzt sie hinterher und es wird durch ihren eindringlichen Blick klar, wen sie meint. Doch das Mobiltelefon, das mitten im Konzert zu bimmeln beginnt gehört nicht diesem jungen Menschen. Ein zerstreut wirkender älterer Herr wühlt hektisch in seiner Tasche und bringt sein Telefon erst nach minutenlangem Suchen zum Schweigen. Wer hat hier kein Benehmen?

Im Museum geht es einem als junger Mensch oft auch nicht besser. Stellt man sich länger als zehn Sekunden vor ein Exponat, spürt man förmlich die bösen Blicke der Omas und Opas im Rücken, denen man zu lange die Sicht versperrt. Doch stehen sie dort zehn Minuten ist ihnen das egal, ob sie damit einen jungen Menschen aufhalten. Die Jugend macht doch sowieso den ganzen Tag nichts Sinnvolles und hat ja wohl Zeit zu warten, scheinen viele Alte zu denken.

Von dem Trauerbild, das einem entgegenkommt, wenn man sich in die Oper bewegt, mag gar nicht gesprochen werden. Wenn die Generation der 50-Jährigen schon als jung angesehen wird muss sich als Mitte 20-Jähriger oft vor mitleidigen Blicken gehütet werden. Auch die Frage: „Wer hat dich denn mit hierher genommen?“ zeigt schon, dass viele Menschen über Fünfzig einem jungen Menschen nicht zutrauen, sich überhaupt für eine solche Kunstform zu interessieren und freiwillig dort hinzugehen. Warum muss man sich rechtfertigen, wenn man gern in die Oper geht?

Als Journalist ist es teilweise noch schwerer. Diese vorlauten Wesen erdreisten sich doch mitten im klassischen Konzert Fotos zu schießen. Neben einem Räuspern, über das vielleicht noch hinweggehört werden könnte, werden auch hier gehörig bissige Kommentare verteilt. Warum muss denn auch ausgerechnet jetzt ein Foto gemacht werden? Bei einer ehrlichen Antwort wie: „weil es mein Job ist“ oder: „weil morgen jeder enttäuscht wäre, wenn der Konzertbericht ohne Bild erscheint“ kommen nur patzige Antworten zurück. Das stiftet dann tatsächlich noch Unruhe. Dass es in einem Konzert ums zuhören und nicht zusehen geht, haben sie auch noch nicht verstanden. Da stören die Menschen, die nach Taschentüchern kramen oder ihre Bonbons auspacken sehr viel mehr und mindestens genauso oft.

Anstatt sich zu freuen, dass sich auch jüngere Menschen für Hochkultur interessieren, werden sie von den älteren Menschen eher aus- als eingeschlossen. Diese fühlen sich in ihrer Domäne bedrängt und wollen nicht von der „Jugend“ genervt werden. Dennoch beschwert sich die Großelterngeneration aber permanent, dass die Kultur verloren geht und niemand ihre Traditionen bewahrt. Wenn diese Menschen den Jüngeren nicht den gleichen Respekt entgegenbringen, den sie von ihnen erwarten, brauchen sie sich nicht zu wundern.

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Über Anna Lisa Oehlmann 32 Artikel
Anna Lisa ist seit dem Herbst 2010 als Redakteurin beim Albrecht tätig. Sie schreibt besonders gern Opernkritiken und Theaterrezensionen und leitete mehrere Jahre das Kulturressort. Der kulturelle Schwerpunkt begründet sich im Studium der Fächer Deutsch und Europäische Ethnologie/ Volkskunde.

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