Mein Haus, mein Heiland, mein Hase

Einen Skandalroman zu schreiben ist kein großes Ding: Einfach eine Standardstory über die Liebe und das Leben mit einem dünnen Überzug aus Blut und Sperma bestreichen und die Aufmerksamkeit des Feuilletons ist einem sicher. Muss man nur mal Charlotte Roche fragen. Comic-Leser sind da schon schwerer zu schocken, nicht zuletzt da es sich bei ihnen der landläufigen Meinung nach um einen abgestumpften Analphabeten handelt. Dennoch gibt es auch hier ein schwarzes Schaf, ein „Schmuddelkind unter Schmuddelkindern“ sozusagen. Es hört auf den Namen Garth Ennis und hat seine Ausnahmestellung hauptsächlich Gott zu verdanken.

Nicht etwa, weil der ihm sein Talent geschenkt hat, sondern weil Ennis sich nach Herzenlust auf seine Kosten lustig macht, bis auch die toleranteste Kirchengemeinde endlich auf die Barrikaden geht. In seinem jüngsten Opus „Das letzte Gefecht“, dem zweiten Teil der „Chroniken von Wormwood“-Reihe, kommt Gott beispielsweise nur als Schatten seiner selbst vor, der kleine Häuschen aus seinen Fäkalien baut. In den Mittelpunkt rückt sein Sohnemann, von Freunden Jay gerufen, der geistig allerdings auch bestenfalls auf dem Stand eines Fünfjährigen ist, seit die Polizei von Los Angeles ihn bei einer Predigt krankenhausreif geprügelt hat. Warum? Weil Ennis Jesus ein Farbiger ist. Und sein bester Freund der Antichrist.

„I have a Friend in Satan“

Dieser hört auf den Namen Danny Wormwood und ist eigentlich ein netter Kerl (obwohl er als Fernsehproduzent arbeitet), der seine Kräfte nicht einsetzt um den Weltuntergang herbeizuführen, sondern lieber einem Hasen das Sprechen beibringt. Nachdem Jay, Danny und ihr Karnickel den Satan im ersten Teil aus dem Weg geräumt haben, könnten sie eigentlich eine ruhige Kugel schieben – hätte in der Hölle nicht ein noch größeres Monster die Herrschaft an sich gerissen. Dieses hört auf den Namen Jacko und war vor seinem Ableben der erste australische Papst und größte Perverse den der Vatikan je gesehen hat. Und das will bekanntlich was heißen. Als widerliche Mischung aus Ratzinger und Monsterkrake hat er Armageddon auf der Agenda und dazu braucht er Danny Wormwood.

War der erste Teil primär eine religiöse Satire in der sich Ennis die religiöse Welt machte widde-widde-wie-sie-ihm-gefällt, tendiert „Das letzte Gefecht“ eher in Richtung Horrorschocker. Dafür werden heftige Seitenhiebe auf die verkommene Medienbranche verteilt, die sich zu einer wahren Tiefschlag- und Kopfnussorgie ausweiten. Hier zeigt sich auch, dass es nicht Ennis Anliegen ist, auf Teufel komm raus zu provozieren, sondern vorhandene Missstände anzuprangern. Wenngleich man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass Garth an den Adventssonntagen lieber Kirchen als Kerzen anzünden würde.

Garth Ennis/Oscar Jiminez: Die Chroniken von Wormwood: Das letzte Gefecht. Panini Comics. 148 Seiten (farbig), Softcover. 16,95 Euro.


Die Comics des Monats:
„Kiki de Montparnasse“
Titel: Kiki de Montparnasse
Autor: Catel (Skript), Bouquet (Zeichnungen).
Verlag: Carlsen. 415 Seiten (s/w), Hardcover. 36 Euro.
Wertung: ★★★★

Die Comics des Monats kommen diesmal einer Zeitreise gleich, die vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die nahe Zukunft führt und dabei drei Kontinete abdeckt. Los geht es in „good old europe“, genauer in der französischen Provinz. Hier wird 1901 ein Mädchen geboren, dass zwanzig Jahre später als „Kiki de Montparnasse“ in der florierenden Pariser Kunstszene Furore machen sollte: Von der Bäckereifachangestellten über einen Job als Aktmodell entwickelte sie sich schnell zur bedeutenden Muse von Maler und Fotografen der 20er-Jahre.
Mit seinen über 400 Seiten ist „Kiki de Montparnasse“ ein wahrer Wälzer, quasi das Mammut unter den Comicbiografien. Wenngleich somit genug Raum bereitsteht, kann man die Handlung, die Kikis Lebensgeschichte anhand von Schlüsselerlebnissen episodisch nacherzählt, weder opulent noch sonderlich innovativ nennen. Dafür wissen die Zeichnungen auf „ganzer Linie“ zu überzeugen: Sie widerstehen der Versuchung, die Bilder mit historischem Dekor zu überladen und vermögen es dennoch eindrucksvoll, die 1920er wieder lebendig werden zu lassen.


„Dixie Road“
Titel: Dixie Road
Autor: Jean Dufaux (Skript), Hughues Labiano (Zeichnungen).
Verlag: Splitter. 208 Seiten (farbig), Hardcover. 24,80 Euro.
Wertung: ★★★

Bleiben wir noch kurz beim französischen Comic, allerdings einem der in Amerika spielt – genauer gesagt in den Südstaaten der 30er-Jahre. Statt Kiki heißt die Hauptfigur hier Dixie, eine 14-jährige die mit ihrer Mutter in ärmlichen Verhältnissen lebt. Die unverhoffte Rückkehr des Vaters verspricht finanzielle Entlastung, aber auch jede Menge Ärger: Stammt dessen Geld doch aus einem Bankraub, weshalb sich sowohl die Polizei, als auch allerlei geldgieriges Gesindel bereits an seine Fersen geheftet haben. Eine Hetzjagd durch das von der großen Depression gebeutelte Land nimmt seinen Anfang.
Mit bemerkenswertem Gespür für Zeitkolorit und Atmosphäre erzählt das französische Autoren-Zeichner-Gespann eine uramerikanische Geschichte. Die Bilder sind makellos, vom einprägsamen Figurendesign über die plastische Kolorierung und das beeindruckende Spiel von Licht und Schatten. Emotional lässt einen die Geschichte dennoch erstaunlich kalt, was vor allem daran liegt, dass einem außer der dürren Dixie mit ihren traurigen Augen keine der Figuren ans Herz wächst. Tolle Optik, mäßiger Inhalt – der französische Comic mal ganz amerikanisch.


„Existenzen und andere Abgründe“
Titel: Existenzen und andere Abgründe
Autor: Yoshihiro Tatsumi
Verlag: Carlsen. 319 Seiten (s/w), Softcover. 19,90 Euro.
Wertung: ★★★★

Originär japanisch geht es hingegen in „Existenzen und andere Abgründe“ zu: Der Band versammelt 13 Kurzgeschichten, die Yoshihiro Tatsumi in den 60er und 70er Jahren veröffentlichte. Seine schnörkellosen Erzählungen von Einsamkeit, Obdachlosigkeit und unerfüllter Liebe sind präzise Beobachtungen von fast dokumentarischer Qualität. Selten erschien Japan in einem Comic so unwirtlich, seine Einwohner so traurig. Über allen Storys liegt eine unheimliche, ja beinahe gespenstische Atmosphäre, die an einem Umstand keinen Zweifel lässt: Das Leben im Reich der Sonne ist einsamer als auf dem Mond.
Eine Erkenntnis, die so gar nicht in den Manga-Mainstream passte, der damals wie heute von schwerbewaffneten Robotern und leichtbekleideten Mädchen dominiert wurde. Wenig verwunderlich also, dass Tatsumi nie eine seinem Können angemessene Popularität erlangte. Dass sein Werk in den letzten Jahren zunehmend wiederentdeckt und neu aufgelegt wurde, dürfte die traurige Welt des Japaners aber zumindest ein bisschen erhellen.


„The Walking Dead“
Titel: The Walking Dead Bd.14 – In der Falle
Autor: Robert Kirkman (Skript), Charlie Adlard (Zeichnungen).
Verlag: Cross Cult. 154 Seiten (s/w), Hardcover. 16 Euro.
Wertung: ★★★

Jetzt aber mal Schluss mit der Vergangenheit, blicken wir nach vorne. Wie die Zukunft Japans aussieht, wissen wir ja seit „Akira“. Was Amerika in ein paar Jahren für einen Anblick bieten wird, zeigt uns seit längerem Robert Kirkmans „The Walking Dead“: Die Serie um die schleichenden Leichen hat sich längst zum Referenztitel in Sachen Zombies hochgearbeitet, ganz gleich ob nun in Comic- oder Fernsehform. Dabei geht es im mittlerweile 14. Band der Reihe mal wieder hoch her: Der Grenzzaun, mit dem sich die Überlebenden der Untoten in einer kleinen Gemeinde abgeschottet haben, bricht unter dem Ansturm der wandelnden Kadaver zusammen. Die Gruppe um Sheriff Rick Grimes hat folglich alle Hände voll zu tun, mit ihrem Leben und ohne lästige Bisswunden davonzukommen. Buisness as usual im Zombieland möchte man meinen, doch neben den bekannten Standardsituationen wartet „The Walking Dead“ auch im 14. Teil immernoch mit unerwarteten Wendungen auf, die selbst den eingefleischten Fan kalt erwischen. Die Serie ist ja nicht ohne Grund zum Comic-Äquivalent des Duracell-Häschens geworden: Sie läuft und läuft und läuft.


„Freakangels“
Titel: Freakangels Bd. 3
Autor: Warren Ellis (Skript), Paul Duffield (Zeichnungen).
Verlag: Panini. 152 Seiten (farbig), Softcover. 16,95 Euro.
Wertung: ★★★★

Was für das Amerika der Zukunft seine Zombieplage ist, sind für das postapokalyptische England die „Freakangels“: Ein Dutzend Twens mit übersinnlichen Kräften, deren Vereinigung einst das „End of the World as we know it“ eingeleitet hat. Mittlerweile versuchen sie reumütig, die Gesellschaft, die sie einst zerstörten, wieder aufzubauen und die verfahrenen Verhältnisse untereinander zu bereinigen. Eine „Soap-Opera unter verschärften Vorzeichen“ quasi, die verglichen mit „The Walking Dead“ bisher noch nicht so richtig in die Gänge gekommen ist. Grund dafür sind primär die Zeichnungen Paul Duffields, der potentielle Leser auch im dritten Band wieder mit leblosen Figuren und klinischen Dekors verschreckt. Dafür zirkelt aber Starautor Warren Ellis seine Pointen umso treffsicherer ins Zwerchfell und entwirft Figuren, die man nicht so schnell vergisst. Beispielsweise die Polizistin Kaitlynn, die mit bedenklichen Methoden versucht, die verloren gegangene Ordnung wiederherzustellen, während sie über ihre Sexphantasien mit TV-Fossil Matlock schwadroniert. Deren Übersetzung strotzt allerdings vor Ausdrücken wie „pimpern“ oder „Vollhorst“, die nicht futuristisch sind, sondern total 2001.


Wiederveröffentlichung des Monats:

„Kaos Moon“
Titel: Kaos Moon Gesamtausgabe: Wiedergeburt
Autor: David Boller
Verlag: Zampano. 180 Seiten (s/w), Softcover. 18,50 Euro.
Wertung: ★★★

Zum Abschluss ein Blick in die Vergangenheit, die von allen wohl am weitesten zurückliegt (zumindest gefühlt): Die Neunziger. Was auch immer damals en vogue war, man hat es entweder vergessen oder erfolgreich verdrängt. Die Gesamtausgabe von David Bollers Serie „Kaos Moon“ löst somit zumindest comic-bezogen einen Flashback aus: Langbeinige, an Lara-Croft-orientierte Heldinnen, die sich in einem vertikalen Bildaufbau über die ganze Länge der Seite erstrecken, Geschichten voller spirituellem Mumpitz, harte Action. Und männliche Nebenfiguren die sich eigentlich nur dadurch auszeichnen, dass sie mal so richtig dämliche Frisuren tragen. Selten hatte ein Comic den Titel „as Nineties as it can get“ so verdient. Inhaltlich dreht sich „Kaos Moon“ um die Abenteuer der Russin Katja Zakkov, die in New York ein parapsychologisches Detektivbüro betreibt und sich in Gefahrensituationen in die Inkarnation einer mächtigen Schamanin verwandelt. Das mag schon anno 1996 nicht der Gipfel der Originalität gewesen sein, funktioniert heutzutage aber ganz prächtig als comic-gewordene Zeitreise.

Autor*in

Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

Janwillem Dubil
Über Janwillem Dubil 64 Artikel
Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

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