Mit der Uni abgetaucht

In völliger Dunkelheit schweben wir durch eine Tropfsteinhöhle – unter Wasser. Nur die Lampen unserer Tauchgruppe werfen ihren Schein auf bizarre Felsformationen. Reflektiert wird das Licht von Abertausenden winziger Garnelen, die uns umschwirren wie Glühwürmchen. Langsam gleiten wir durch die Höhle zurück zum Ausgang, wo türkisblaues Wasser auf uns wartet. Nach dem Tauchgang geht es mit dem Schlauchboot zurück in den Hafen von Portocolom, einem kleinen Ort an der Ostküste Mallorcas. Wie wir hier hingekommen sind? Mit einer Tauchexkursion der Universität Kiel.

Jedes Jahr bietet das Tauchsportzentrum der CAU drei Tauchexkursionen auf die liebste Urlaubsinsel der Deutschen an. Doch statt Ballermann und Bierkönig stehen Muränen, Seegraswiesen und der ein oder andere Oktopus auf der Liste der Sehenswürdigkeiten. Während der einwöchigen Reisen unternehmen die Reisegruppen zehn Tauchgänge bei der Tauchbasis East Coast Divers, begleitet sowohl von einem Tauchlehrer aus Kiel als auch von Diveguides der Basis. Die meisten Teilnehmenden kommen über die Tauchkurse an der Uni zu den Exkursionen, aber auch externe Taucherinnen und Taucher können mitfahren. Das Highlight ist ein Ausflug nach Cabrera, einer vorgelagerten Insel im Süden Mallorcas, deren Unterwasserwelt unter Naturschutz steht. Dort gibt es sogar große Schwärme von Barrakudas und Zackenbarschen zu sehen: „Hier kann man sehen, wie es im Mittelmeer ohne die Überfischung überall aussehen könnte“, sagt Hubert Pinto de Kraus, Leiter des Tauchsportzentrums. Seit vier Jahren organisiert er die Touren nach Mallorca, die über den Hochschulsport zum Selbtskostenpreis angeboten werden – genauso wie die Tauchkurse an der Uni.

HP 0003_P
Seit 2009 existiert an der CAU das einzige universitäre Tauchzentrum Deutschlands. Zwar wurden in Kiel schon seit 1971 Forschungstaucher ausgebildet, aber dass auch Freizeitsportler ihr Brevet hier direkt an der Universität ablegen können, ist einzigartig: Jedes Semester bietet der Berufstaucher Pinto de Kraus gemeinsam mit acht Übungsleitern mehrere Tauchkurse an – im Semester sind es jeweils drei wöchentliche Kurse, in den Wintersemesterferien können die Teilnehmenden auch in einem fünfwöchigen Kompaktkurs das Zertifikat CMAS* erreichen. Wer diesen Tauchschein besitzt, darf weltweit in Begleitung eines/r erfahrenen Tauchers/in in bis zu 40 m Tiefe abtauchen.

Ähnliche Beschränkungen hat auch, wer im Urlaub einen PADI Advanced Open Water-Schein gemacht hat – das dauert in den meisten Ferienorten im Schnelldurchlauf allerdings nur einige Tage. „Wir legen Wert darauf, dass sich unsere Tauchschüler unter Wasser auch wirklich sicher fühlen. Deshalb nimmt die Ausbildung einen langen Zeitraum ein und beinhaltet so viele Tauchgänge“, erklärt Pinto de Kraus den Unterschied. Ungefähr 50 Stunden verbringen die angehenden Taucher und Taucherinnen während des Kurses regulär unter Wasser, zusätzlich zu den Tauchkursterminen gibt es auch noch die Möglichkeit des freien Trainings. Im Kurs lernen die Teilnehmenden nicht nur den Umgang mit der Tauchausrüstung, die Zeichensprache zur Kommunikation unter Wasser und den richtigen Flossenschlag, sondern auch, wie ein verunglückter Taucher sicher an die Oberfläche geholt wird, Wechselatmung mit dem Tauchpartner und Tauchen mit einer Boje.

Bild 10 - Kopie

Zusätzlich steht auch Apnoetauchen auf dem Unterrichtsplan: das Tauchen ohne Flasche nur mit einem Atemzug unter Wasser. Mit spielerischen Übungen wird die Zeit unter Wasser immer weiter gesteigert, bis es nach der zweiten Trainingseinheit jeder schafft, eine Bahn in der Unischwimmhalle hinter sich zu bringen: Zu Fuß auf dem Boden des vier Meter tiefen Beckens. „Die Kursteilnehmenden stellen dabei fest, dass der Luftvorrat in der Lunge viel länger hält, als sie denken – das gibt auch mehr Sicherheit, falls unter Wasser wirklich einmal etwas schiefgeht“, sagt Pinto de Kraus.

Bild 9
Diese Sicherheit können die Teilnehmenden auch gebrauchen. Bei unserem ersten Freiwassertauchgang am Olympiahafen Schilksee beträgt die Sichtweite gerade einmal einen halben Meter – ein beklemmendes Gefühl. In einer Reihe tauchen wir den Flossen des Vordermanns oder der Vorderfrau hinterher, viel zu sehen gibt es außer ein paar Seesternen, Krabben und Rotalgen nicht. „Wer in der Ostsee tauchen kann, kann überall tauchen“, so Pinto de Kraus zu den Bedingungen in der Kieler Förde. Das haben auch andere Universitäten erkannt: 2017 kamen erstmals zwei Studierende aus der Mongolei nach Kiel, um im Kompaktkurs Tauchen zu lernen: In dem trockenen Binnenstaat gibt es keine Tauchschule, aber dafür viele Seen, die Raum für Forschung bieten. „Vor einiger Zeit hat auch eine chinesische Partneruniversität angefragt, ob wir jedes Jahr 270 chinesische Austauschtaucher ausbilden können“, erzählt Pinto de Kraus: „Aber dafür haben wir einfach nicht die Kapazitäten.“ Schon jetzt sind die Kurse mit höchstens zwölf Teilnehmenden immer gut gefüllt, jeweils drei Tauchausbilder*innen übernehmen die Betreuung. Auch auf der Mallorca-Exkursion sind wir mit einer kleinen Gruppe zu acht unterwegs. So lernen wir vom Schlauchboot der Tauchbasis aus nicht nur vielfältige Tauchplätze, sondern auch die familiäre Atmosphäre von Tauchhotel und angeschlossener Tauchbasis kennen. Im September finden zwei weitere Tauchexkursionen nach Portocolom statt, noch gibt es freie Plätze.

Taucher über Seestern_P
Doch Mallorca ist nicht das einzige Reiseziel, das das Tauchzentrum ansteuert: Von 2009 bis zum letzten Jahr ging es nach Gammel Albo bei Kolding. Dort lockt der Kleine Belt der Dänischen Ostsee mit Wassertiefen bis zu 80 Metern und Schweinswalschulen. Anders als auf Mallorca sind die Teilnehmenden hier ohne einen Diveguide in Viererteams unterwegs, sodass auch Navigation und Tauchplanung geübt werden können, für höhere Tauchbrevets ist das eine wichtige Qualifikation. Dieses Jahr geht es allerdings zusätzlich zur Mallorca-Exkursion in den Indischen Ozean. „Zukünftig möchten wir jedes Jahr ein europäisches Ziel und ein Fernziel anbieten“, so Pinto de Kraus. Im Oktober fliegt eine Kieler Delegation nach Mafia Island, ein Naturschutzgebiet vor der Küste Tansanias. Statt Camorra und Yakuza warten hier jedoch Buckelwale, Seekühe und Walhaie auf die Teilnehmenden.

Artikel teilen auf
Eva-Lena Stange
Über Eva-Lena Stange 28 Artikel
Eva ist seit November 2015 in der Redaktion. Sie studiert Biochemie und Molekularbiologie an der CAU, als Ressortleiterin kümmert sie sich seit September 2016 um den Hochschulteil der Zeitung.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*