Moderner Irrsinn in marodem Gewand

Mittellose Bauern, senile Rentner und viel Alkohol: Die Kultserie Neues aus Büttenwarder des NDR ist echtes norddeutsches Kulturgut. Sie spielt im fiktiven Dorf und Mikrokosmos Büttenwarder. Protagonisten sind die Bauern Kurt Brakelmann (Jan Fedder) und Adsche Tönnensen (Peter Heinrich Brix), vereint in tiefer Hassliebe und gemeinsamer Verzweiflung angesichts ihrer Dauerpleite. Von Folge zu Folge versuchen die beiden Chaoten an Geld zu kommen, aber schlussendlich stehen sie trotz aller planerischen Höhenflüge meist wieder ganz am Anfang: Kein Plan geht auf, kein Bauwerk überlebt die Testphase, verdientes Geld wird von der Polizei oder den Gläubigern sofort einkassiert.
Zu diesen Gläubigern gehört auch Gastwirt Shorty. Seine Kneipe, der Dorfkrug, ist Zentrum der Handlung; dort schenkt er mit der Getränkekombination Lütt un Lütt (kleines Bier und Kornkurzer) einen echten norddeutschen Klassiker aus. Brakelmann und Adsche sind bei Shorty mit mehreren Bierdeckeln, auf denen sie anschreiben lassen, in den Miesen.
Ein Highlight der Figurenkonstellation ist Adsches seniler Onkel Krischan. Inzwischen zwecks Pflege ins Altenheim abgeschoben, bringt er Adsche bei seinen regelmäßigen (und oftmals vorzeitig abgebrochenen) Besuchen an den Rand des Wahnsinns. Krischan ist 105 Jahre alt – der einzige Umstand, den er auf keinen Fall vergessen wird zu erwähnen. Sein Flehen um Zigaretten oder Aufmerksamkeit für Erzählungen aus dem Krieg werden von Adsche routiniert ignoriert. Nur bei Geschichten um Schmuck, den Krischan mit Kriegskameraden in Österreich erbeutet und um Büttenwarder vergraben haben will, wird Adsche hellhörig. Zahlreiche Folgen und Ausgrabungen zeigen aber, dass Krischans Erinnerungen keine zuverlässige Schatzkarte sind.
Ein wichtiges Thema der Serie ist Kommunikation. Mit plattem Sprachwitz und den verrücktesten Wendungen hebeln die Bauern unsere Alltagskommunikation gekonnt aus. Die Serie ist außerdem strukturiert durch unzählige Motive. Am Anfang fast jeder Folge steht die Krise der Landwirtschaft. Sie ist Ausgangspunkt aller aussichtslosen Bemühungen der Bauern um Erwerb. Dann ist da das Gemeinschaftsmofa, das sich Adsche und Brakelmann zusammen angeschafft haben und teilen. Es wird von jedem der beiden exakt so genutzt, dass bei Übergabe kein Tropfen Sprit mehr im Tank ist. Dementsprechend selten sieht man einen der Landwirte wirklich mit dem Mofa fahren. Und der Alkohol. Brakelmann reflektiert die Monotonie im Dorf: „Adsche, wir sind gefangen.“ Und Adsche beweist Büttenwardersche Krisenkompetenz: „Ja, kann schon sein – wollen wir noch zu dir rein, Lütt un Lütt?“
Hin und wieder sind in die Serie aber auch Schnipsel dörflicher Weisheit eingestreut – und das macht sie so sympathisch. Die Bauern sinnieren über Zeit, den Sinn des Lebens und ihr Lieblingsthema: Geld. Adsche träumt wieder einmal von Reichtümern und bemerkt: „Geld ausgeben, das man nicht hat, macht ja am meisten Spaß, weil es fehlt nicht, wenn es weg ist.“
Die mittlerweile 79 Episoden in zwölf Staffeln gibt es auf DVD, in der NDR Mediathek und um Weihnachten und Neujahr mit neuen Folgen im NDR Fernsehen.

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Eric Grabis
Über Eric Grabis 11 Artikel
Eric ist 20 Jahre alt und seit Februar 2018 beim Albrecht. Er studiert Deutsch und Englisch.

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