Mutter aller Missverständnisse: das Emoji

„Die Sprache wird flacher“, konstatiert der Redakteur Bernd Graff der Süddeutschen Zeitung. Es ist jene Sprache gemeint, die im Internet – insbesondere in Chats – gebraucht wird. Ferner beklagt er, dass heutzutage viel eher einfach ins Netz verlinkt wird, anstatt originelle, witzige oder kluge Nachrichten zu verfassen, also eigene Inhalte zu produzieren. Wer schon einmal einen YouTube-Link zu einem Katzenvideo von seiner Mutter gesendet bekommen hat oder unter einem Meme auf Instagram verlinkt wurde, versteht, was Graff hier anprangert. Besonders betont er jedoch, dass digitale Kommunikation anfällig für Missverständnisse ist. Seine Begründung lautet: „Die vor allem textbasierte Internet-Kommunikation läuft synchron wie in Echtzeit ab, sie ist aber medial vermittelt.“ Soll heißen: In Chats wird zwar medial schriftlich, aber konzeptionell mündlich kommuniziert. Missverständnisse kommen also dadurch zustande, dass Intonation und Körpersprache des Appellierenden nicht als zusätzliche Parameter bei der Interpretation einer Aussage mitberücksichtigt werden können. Das ist soweit einleuchtend.

Strittig wird es in dem Moment, wenn Emojis als Heilsbringer der Chat-Kommunikation gepriesen werden, die den Verlust des Nonverbalen kompensieren könnten. Sascha Lobo, Kolumnist bei Spiegel Online, scheut sich nicht davor, pathetisch zu werden: Emojis seien „die beste Sprache der Welt“, „ein Segen für die Menschheit“ und verantwortlich für „einen unerhörten gesellschaftlichen Fortschritt“. Zwar wird Graff nicht ganz so rührselig, aber auch er findet, dass sie „sehr hilfreich“ sind.

Für die Zeit, als es noch keine ikonografisch typisierten Gesichtsausdrücke (Emojis) gab und auf Emoticons, also auf die Kombination von Buchstaben, Satzzeichen und Klammern, zurückgegriffen werden musste, mag das wohl zutreffen. Jetzt, in Zeiten der Kackhaufen-Emojis, der lachenden Smileys ohne, mit einer oder zwei Tränen, mit offenen oder geschlossenen Augen, der zwinkernden Smileys mit oder ohne ausgestreckter Zunge kann davon nicht mehr die Rede sein. Manch einer mag sich sogar dazu verleitet sehen, einen Seehoferschen Duktus zu gebrauchen und das Emoji als die Mutter aller Missverständnisse zu bezeichnen.

Passend dazu titelt Silke Weber in der Zeit „Hieroglyphen von heute“ und spielt damit auf die altägyptische Bildersprache an, die aus rund 1 000 Zeichen besteht, während derzeit schon knapp 2 000 Emojis bekannt sind. Weber lässt Jurga Zilinskiene, CEO der Londoner Übersetzungsfirma Translation Today zu Wort kommen, die beteuert, dass Emojis nicht immer eindeutig zu interpretieren sind: „Das Symbol der gekreuzten Finger beschreibt in Vietnam das weibliche Geschlechtsteil, während wir in Großbritannien damit Glück wünschen.“ Offenkundig lässt sich diese Beobachtung auf kulturelle Unterschiede zurückführen. Dass aber auch innerhalb einer Kultur die Interpretation von Emojis variiert, ist mittlerweile empirisch nachgewiesen. Alle Skeptiker der neuzeitlichen Bildersprache dürfen sich demnach bestätigt fühlen – Graff und Lobo gehören nicht zu ihnen.

Ein sechsköpfiges Team von der University of Minnesota hat die Ergebnisse ihrer Studie unter dem Titel „Blissfully happy“ or „ready to fight“: Varying Interpretation of Emoji im Jahr 2016 veröffentlicht. Zunächst ermittelte die Forschergruppe die 25 beliebtesten Emojis anhand eines Datensatzes bestehend aus 100 Millionen zufällig ausgewählter Tweets. An der anschließenden Online-Umfrage nahmen rund 300 Personen teil. Die Besonderheit der Studie ist, dass eigentlich nicht 25, sondern 125 Emojis bewertet wurden. Der Grund dafür ist, dass den 25 ausgewählten Emojis zwar jeweils ein gemeinsamer Unicode, also eine Art grobe Skizze, zugrunde liegt, die sich aber je nach Plattform zu einer ganz eigenen Grafik synthetisiert. Mit anderen Worten: Es kann sein, dass ein erstaunt schauender Smiley unter iOS (Apple), der zu einem Gerät geschickt wird, das mit Android (Google) läuft, zu einem Smiley wird, der nicht mehr erstaunt schaut, sondern überaus panisch oder verzweifelt – inklusive Schweißperle. Auch die Betreiber von WhatsApp haben dieses Problem erkannt und entsprechend nachgebessert. Mittlerweile greift der Messenger-Dienst auf eigene Emojis zurück, die für Nutzer verschiedener Plattformen stets gleich dargestellt werden.
Wie zu erwarten war, zeigen die Ergebnisse der Studie, dass Emojis, die auf verschiedenen Plattformen abweichend gerendert auch entsprechend unterschiedlich interpretiert werden. Viel interessanter und wesentlich dramatischer ist jedoch die Erkenntnis, dass sogar ein und dasselbe Emoji höchst gegensätzlich bewertet wird. Das Team hebt in ihrem Bericht Microsofts „lachendes Gesicht mit geöffnetem Mund und eng geschlossenen Augen“ mit einem Variationswert von 4.40 hervor. 44 Prozent der Befragten bewerteten den Smiley positiv, 54 Prozent negativ. Missverständnisse sind hier im wahrsten Sinne des Wortes vorprogrammiert. Ähnlich hoch ist der Wert bei Apples heftig weinendem Emoji, der seine Augen geschlossen und seinen Mund geöffnet hat. In allen Fällen, bei denen die Probanden das gleiche Rendering zu Gesicht bekamen, waren sie sich zu 25 Prozent nicht einig, ob das Emoji positiv, negativ oder neutral wirkt.

„Ein Segen für die Menschheit“, so wie Lobo sie beschreibt, sind Emojis also nur bedingt. Man könnte jetzt zu seiner Verteidigung anführen, dass er in seiner Kolumne selbst auf die Studie verweist. Tatsächlich wird es dadurch aber erst so richtig absurd: Zum einen macht er das nur indirekt (es wird auf einen anderen Artikel verlinkt) und in einem Nebensatz, ganz so, als wollte er etwas vertuschen und im Lob ertränken. Zum anderen drängt sich die Frage auf, wieso er sich, wenn er doch in Kenntnis der Studie war, dazu hinreißen lässt, Emojis und die Worte „präziseste emotionale Kommunikation, die es heute gibt“ in einem Satz zu verwenden.

Die Übersetzungsfirma Translation Today erkennt hingegen das Problem und ist derzeit auf der Suche nach dem „world‘s first emoji translator“. Wer Interesse daran hat, Texte von Kunden zu übersetzen, kulturübergreifend über Emojis zu forschen, monatlich Berichte über Trends und Verwendungsweisen zu verfassen und Missverständnissen vorzubeugen, kann sich auf der Website der Londoner Firma bewerben. Alle, die den Emoji-Übersetzungstest erfolgreich absolvieren (Emoji to Englisch / English to Emoji), haben sicher gute Chancen.

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Lennard Bräsen
Über Lennard Bräsen 4 Artikel
Lennard studiert seit dem Sommesemester 2018 Deutsch und Philosohie im Master. Er hat sich bewusst gegen ein Studium auf Lehramt entschieden. Seit Ende letztens Jahres ist er Mitglied der ALBRECHT-Redaktion. Zuvor absolvierte er ein Praktikum bei einer Lokalzeitung und arbeitete als Online-Redakteur.

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