Mutter, Spender, Kind

Gewollt alleinerziehend durch Samenspende

Bild: Katrina Lodde

Wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt, lassen sich viele Paare von einer Kinderwunsch-Behandlung zur Schwangerschaft verhelfen. Doch nicht nur Paare greifen zur Reproduktionsmedizin: Immer mehr Singlefrauen erfüllen sich den Wunsch des Mutterseins. Ohne Partner*in, ganz allein, nur mit Hilfe einer Samenspende. 

Sogenannte Solomütter – Singlefrauen, die ohne Partner*in Mutter werden – werden in der deutschen Gesellschaft kaum oder gar nicht gesehen. Auch im Gesetz finden sie keine explizite Erwähnung: In Deutschland gibt es keine gesetzliche Grundlage darüber, wer im Rahmen einer Kinderwunsch-Behandlung behandelt werden darf. Die Bundesärztekammer verfasste zu der Frage eine (Muster-) Richtlinie, in der sie mit einer rechtlich nicht bindenden Auslegung ein Verbot empfehlen. Auf dieser Grundlage halten die meisten Landesärztekammern Kinderwunschkliniken an, keine Singlefrauen (und lesbische Paare) zu behandeln, sprechen aber kein explizites Verbot aus. Lediglich in Bayern, Berlin und Brandenburg wurden keine Richtlinien erlassen, sie überlassen es dem Urteil der Ärzt*innen, was sie auf diesem Gebiet für ethisch vertretbar halten.  

Seitdem am 1. Juli 2018 das neue Samenspenderregistriergesetz erlassen wurde, nach dem weder Spender auf Unterhalt oder ähnliches verklagt werden können, noch Kinder auf Unterhaltspflicht, sind immer mehr Kinderwunschkliniken bereit, Singlefrauen zu behandeln. Laut der Berliner Samenbank gehen rund 20 Prozent der Samenspenden an Singlefrauen – Tendenz steigend. 
Aber viele deutsche Samenbanken wollen, aus Angst auf Unterhalt oder ähnliches verklagt zu werden, nicht mit Singlefrauen zusammenarbeiten. Daher wenden sich viele Solomütter in Spe an dänische Samenbanken, da diese singlefreundlicher sind und sehr umfangreiche Spenderprofile haben. 

Aber wie kommt es zu der immer häufigeren Wahl dieses Familienmodells 

Der Psychotherapeut Tewes Wischmann sieht in diesem Trend das Problem vieler Männer, sich für eine Familie zu entscheiden. Sie schieben den Kinderwunsch immer weiter hinaus, getrieben von dem Irrglauben, Männer hätten ewig Zeit und lassen so zu, dass ihre Partnerschaften zerbrechen. Auch Hanna Schiller, die in ihrem Blog solomamapluseins aufklärt, Reichweite schafft und einfach aus ihrem Leben als Solomutter berichtet, erzählt in der Doku Solomütter – mit Samenspende schwanger von Das Erste von ihren Beweggründen, Solomutter zu werden. So erinnert sie sich, dass sie sich von ihrem Partner trennte, da dieser keine Kinder wollte. Hanna ist bei weitem nicht die Einzige, deren langjährige Partnerschaft am Kinderwunsch zerbrochen ist: Einem Viertel aller Solomütter ergehe es ähnlich.  
 
So selbstbestimmt und emanzipiert dieses Familienmodell auch ist, birgt es aber auch einige Konsequenzen. Statistiken zeigen, dass gewollte oder ungewollte alleinerziehende Frauen schwieriger eine*n (neue*n) Partner*in finden und ein hohes Risiko haben, in wirtschaftliche Not zu geraten. Bei Solomüttern kommt noch hinzu, dass der Staat nicht für das fehlende Elternteil einspringt. Es gibt keinen Unterhalt. Doch finanzielle Absicherung kann vorbereitet werden. So sparen viele Solomütter vor der Mutterschaft oder aber sie werden zum Beispiel von ihren Eltern unterstützt.  

Doch ist es ethisch vertretbar Kinder bewusst ohne Vater aufwachsen zu lassen 

Offiziell gilt der Spender nicht als Vater. Er hat weder Ansprüche noch Pflichten. Viele Spenderkinder, ob von Solomüttern oder von Partnerschaften, sind sehr stark an dem unbekannten Elternteil interessiert. In Deutschland hat jeder ein Recht auf das Wissen seiner Abstammung, woraus auch das Verbot der anonymen Samenspende resultiert. So regelt das Gesetz, dass ein Kind mit Volljährigkeit Informationen über den Spender einholen kann. Spenderkinder haben allerdings nur ein Recht auf Informationen, kein Recht auf eine Beziehung zum Spender. Auch ist eine Solomutter nicht dazu verpflichtet, Regelungen zu treffen, für den Fall, dass sie verstirbt oder nicht mehr in der Lage ist, das Kind zu versorgen. Der Verein Spenderkinder rückt die Bedürfnisse der Spenderkinder in den Vordergrund und kämpft für mehr Rechte dieser.  

Am Ende, oder besser gesagt am Anfang, liegt die Entscheidung aber bei der Frau:  

Die potenzielle Solomutter muss sich der Konsequenzen einer Kinderwunsch-Behandlung für sich selbst, aber noch viel mehr für das Kind bewusst sein. Vielen Spenderkindern reicht es nicht aus, ein „Wunschkind“ zu sein. Sie wollen mehr. Sie wollen ihre Abstammung kennen, wollen den großen Unbekannten kennen. Den Frauen muss klar sein, dass sie ihrem Kind nicht beide Elternteile sein können, egal wie sehr sie sich anstrengen. Ihnen muss klar sein, dass früher oder später die Frage nach dem Vater aufkommen wird und diese ehrlich beantwortet werden sollte. Solomutter sein ist bestimmt nicht leicht: Der tägliche Kampf einer jeden Alleinerziehenden plus Vorurteile und Anklagen. Doch auch Solokind sein ist sicherlich nicht leicht. Aber wenn die Solomutter liebevoll, ehrlich und wertschätzend erzieht, wird das Kind eine großartige Kindheit haben, auch wenn es ab und an gerne einen zweiten Elternteil hätte.

Autor*in

Katrina studiert Deutsch und Soziologie an der CAU. Sie ist seit Juli 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion.

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