Petry Heil!?

Quelle: Olaf Kosinsky/Skillshare.eu

Zweistellig in drei Bundesländern – die AfD hat bei den Landtagswahlen Mitte März ordentlich abgesahnt. Die Reaktion: betretene Gesichter bei den Politikern. Die müssen sich jetzt schließlich mit den Quacksalbern herumschlagen – manch einer würde das sicherlich lieber wörtlich nehmen. Und das Volk? Ein paar #Aufschrei auf Twitter, ein paar bedrückte Gespräche mit Freunden, ein paar Tage Topthema in den Medien, aber dann muss das Leben ja auch weitergehen, frei nach dem Motto: „Ach, ach, das ist alles so schlimm… Willst du noch einen Kaffee?“ Nein. Aber vielleicht die Nation. Die könnte mal einen ordentlichen Wachrüttler vertragen. Wie kann es sein, dass in dieser heißen politischen Phase, auf facebook geteilte Tierbabyvideos alle immer noch mehr interessieren, als das rigoros hirnamputierte Wahlprogramm der AfD? Vielleicht liegt es daran, dass politisches Interesse Nährboden benötigt. Deutschland ist da trocken wie Brot. Von vor zwei Wochen. Verschimmelt. Und der Grund dafür sollte nicht unbedingt in den Schulen gesucht werden, denn Puberty Brain ist fast schlimmer als Pregnancy Brain. Dann also lieber da, wo sich rational denkende Menschen häufig ansammeln: in den Universitäten. Das Problem ist nur, dass sich Uni mittlerweile anfühlt, wie Schule. Diskussion findet kaum statt, Inhalte stellt selten jemand in Frage. Dem romanischen Seminar beispielsweise könnten die Anschläge in Paris egaler nicht sein, die Amerikanistik hat bisher noch keinen Diskussionsabend zur Präsidentschaftswahl organisiert. Das bedeutet zwar nicht, dass sich dort niemand dafür interessiert, aber Einzug in die Kurse erhalten solche Themen trotzdem nicht. Politisches Interesse muss immer zuhause bleiben und genau das ist das Problem. Die Uni bietet keine Plattform mehr, Politikaffinität zu entwickeln. Und so schicken wir jedes Jahr tausende von Lehrerinnen und Lehrern in die Schulen, die trotz fünf Jahren Regelstudienzeit, Politik nur aus den Posts ihres einen politisch versierten facebook-Freundes kennen. Mit Scheuklappen durchs Studium. Demonstrieren? Ach nö, schließlich müsste sich ja dann doch etwas genauer mit der eigenen Meinung beschäftigt werden. Wie anstrengend. „Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen“ hat mein Politiklehrer in der Schule immer gesagt, seinerseits den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zitierend. Damals habe ich als Reaktion nur müde mit meinem Politikbuch gewedelt, jetzt verstehe ich ihn endlich. Horrorszenario Zukunft: moderner Nationalsozialismus an der Macht und die Frage, warum wir nicht mehr getan haben, um das zu verhindern. Es ist an der Zeit, Position zu beziehen und die Uni endlich wieder zur persönlichkeitsbildenden Diskussionsplattform werden zu lassen. Ich finde Tierbabys ja auch süß. Aber ich kann auf denen nicht aus dem Land reiten, wenn Frauke Petry die Macht übernimmt.

Quelle Titelbild: Olaf Kosinsky/Skillshare.eu

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Leona Sedlaczek
Über Leona Sedlaczek 70 Artikel
Leona ist seit Juni 2014 Teil der Redaktion und war von Dezember 2014 bis Februar 2017 Chefredakteurin der Print-Ausgabe des ALBRECHT. Anschließend leitete sie die Online-Redaktion bis Mitte 2018. Leona studiert Englisch und Französisch an der CAU, schreibt für verschiedene Ressorts der Zeitung und kritisiert Land, Leute, Uni und den Status Quo ebenso gerne wie Platten.

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