Plastic World ‒ Wie sich im Plastik eine Generation erschuf

„Voll retro!“, entwischt es jüngeren Besuchern, „Ach, neee!“, klingt es aus den Mündern älterer Generationen. Die Ausstellung „Plastic World“ im Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof fasziniert vom 15. Mai bis 11. September mit Designer- Träumen aus den 60er und 70er-Jahren.

Während einige sich an Alltagsgegenstände ihrer Jugend erinnert fühlen, staunen andere nicht schlecht über so viel Farbgewalt und Erfindungsgeist. Die Farbe Orange dominiert die Ausstellung, es finden sich aber auch andere Trendfarben der damaligen Zeit: Schreiendes Rot und Gelb füllen die Ausstellungsräume. Der Besucher stolpert von Farbinsel zu Farbinsel.

Die Phase, in der die Stücke entstanden, war eine Zeit des Aufbruchs und des Protests. Die Jugend grenzte sich ab von der Kriegsgeneration und definierte ihre Lebensziele und Werte neu. Der Bruch mit dem „Mief“ der Nachkriegszeit drückt sich in der Anwendung neuer, leichter Materialien, leuchtender Farben und unkonventionellen Gestaltungsideen aus.

“Rebel Rebel, you’ve torn your dress”   Foto: LH Kiel.

Hinzu kamen die hohe Konsumfreudigkeit, die Technikbegeisterung und der Fortschrittsglaube, die die Design-Ideen wachsen ließen. Diese Begeisterung für das Neue kommt in der Ausstellung in den Transistorradios im Spacedesign und im Fernsehgerät „Discoverer“, in Form eines Astronautenhelms, zum Ausdruck.

Das Bedürfnis an alternativen Wohn- und Lebensformen gab den Ideen einen Raum in der Gesellschaft. So blieben die Stücke nicht nur auf die Design-Welt und Protestkultur beschränkt, sondern wurden zum „Mainstream“ der Alltagskultur. Das neue Design hielt Einzug in die Lebenswelten der Menschen und symbolisierte die moderne, großstädtische Identität. Der kurvige Panton-Chair sowie der knallrote Sitzsack passten sich den Bedürfnissen der jungen Generation an. Lässig und bequem widersprechen sie gültigen Sitzkonventionen. In ihnen kommt das neue Wohnen zum Ausdruck.

„Put your records on“- Der Kieler ELAC-Plattenspieler. Foto: LH Kiel.

Aber auch der Mantel aus schrillorangem Kunstleder, die Braun-Kaffeemaschinen oder die „Pfanne Orange“ aus der Serie „Tischfein“ von WMF, die das Museum sogar im Originalkarton präsentiert, zeigen die Lebenswirklichkeit des Designs. Mit den in Kiel produzierten Hagenuk-Telefonen, dem Elac-Klappzahlen-Radiowecker und dem kompakten Plattenspieler Elac 121 HV stellt die Ausstellung zudem einen Kiel-Bezug her.

Die Gegenstände begeistern heute vor allem durch ihre ambivalente Wirkung. Wirken Sie kultig und skurril einerseits, bestechen sie anderseits durch ihre klaren Linien und ihre kompromisslose Modernität. Nicht selten gerät man als Besucher in Begeisterung und möchte das ein oder andere stylische Stück greifen und gleich in seine eigenen vier Wände mitnehmen. Dort würde es sich wahrscheinlich wunderbar machen, zwischen Billy-Regal und Doppelbett Malm. Der Einfluss des Designs auf unsere heutigen Mode- und Möbeltrends ist unverkennbar.

Gleichzeitig wird die Langlebigkeit der Gegenstände deutlich. Die Modererscheinungen der 60er und 70er -Jahre trotzen den Trends unserer Wegwerfgesellschaft. Die hellrotorangen, ockergelben oder farngrünen Telefone mit ihren runden Drehscheiben sind funktionstüchtig wie eh und je. Wie die raumfüllende Kugellampe und der praktische Stifteordner tun sie bei Tante Louise nach wie vor zuverlässig ihren Dienst und die gehäkelten Topflappen und der alte Fondue-Topf sind schon lange in das WG-Inventar übergegangen.

Die Nutzer werden mit ihren Gegenständen selbst zu einem stillen Teil des Kults und beweisen einmal mehr den revolutionären Geist der Stücke. Sie berechtigen den Zukunftsglauben ihrer Schaffer. Aus den Designerträumen wurden Alltagsgegenstände, die bis heute nichts an ihrer Nützlichkeit verloren haben und deren Zukünftigkeit sich in den aktuellen Trends widerspiegelt. Die Ausstellung im Warleberger Hof trägt diese Design-Innovationen zusammen und lässt die Jahre um 1970 noch einmal lebendig werden.

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Über Cathrin Mund 9 Artikel
Cathrin war bis 2011 stellvertretende Chefredakteurin des Albrechts und für Anzeigen und Finanzen verantwortlich. Sie leitete das Lektorat und wirkte am Layout der Print-Ausgabe mit.

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