Quentin Tarantino: Ein Filmnerd in Hollywood

Ein Artikel von Rebecca Such & René Baltrusch

Wer ist Quentin Tarantino? Der Weg zu seinem ersten Film.

Quentins Geschichte ist ein waschechtes Hollywood-Märchen: Aufgewachsen in Los Angeles, brach Tarantino die Schule für kleinere Kinojobs und Schauspielworkshops ab und arbeitete fortan fast zehn Jahre in einer Videothek. Inspiriert durch Trash-Filme seiner Kindheit und ein jahrelang angesammeltes Filmwissen, schrieb Tarantino mehrere Drehbücher, von denen eines in die Hände eines namenhaften Filmproduzenten fiel. Letztendlich war Kultschauspieler Harvey Keitel so vom Skript beeindruckt, dass er Tarantino auf den Regiestuhl setzte und Reservoir Dogs mit einem Star-Ensemble und sich selbst in der Hauptrolle verfilmen ließ.

Stilmittel & Markenzeichen

Tarantino gehört zu den sogenannten Autor-Regisseuren, welche ihre Drehbücher ausschließlich selbst schreiben. Seine Spezialität sind außergewöhnliche Charaktere und realistische Dialoge. Das berühmteste Beispiel dafür sind die ersten zehn Minuten von Pulp Fiction, in denen sich John Travolta und Samuel L. Jackson völlig plot- irrelevant über Cheeseburger und Fußmassagen unterhalten. Wenn die zwei ‚Gangster‘ später im Film während der Autofahrt wegen einer Bodenwelle aus Versehen ihre Geisel erschießen, weitet sich dieser Pragmatismus ebenso auf den Handlungsverlauf aus. Ob nun solche unglücklichen Zufälle, impulsive Charakterhandlungen oder simples Pech: Tarantinos Filme sind zwar stark genregebunden, werden aber mit authentischen Charakteren und Situationen für den Zuschauer greifbarer und menschlicher gemacht.

Musik ist bei Tarantino ein ebenso unverzichtbares Element. Seit seinem ersten Film baut er Popsongs und Soundtracks seiner Jugend in seine Werke ein und hat damit auch die Verwendung bereits bestehender Musik in anderen Filmen vorangetrieben. Meistens richten sich seine Szenen nach der Musik, da er beim Drehbuchschreiben oft schon einen Song im Kopf hat, was im Aufbau einem Musikvideo gleicht.

Ebenso gilt Tarantino als ein Meister der Anspielungen: Im Internet existieren ganze Foren, in denen sich alles um die Erkennung wiederkehrender Elemente dreht. Bei filmübergreifenden Verwandschaften, wie zum Beispiel die der Brüder Vic (Reservoir Dogs) und Vincent (Pulp Fiction) Vega, oder ganzen Vorfahrenchronologien (von Deathproof bis hin zu Django Unchained), ist es nicht übertrieben, Tarantino sein eigenes ‚Cinematic Universe‘ zuzusprechen.

Erfolge & Misserfolge: Tarantinos Filmographie

Gleichermaßen von Kritikern in den Himmel gelobt und bei Fans als Kulthit gefeiert: Tarantinos zweiter Film Pulp Fiction (1993) gilt auch heute noch als Musterbeispiel für die revolutionäre Filmkunst des Regie-Talents. Sein dritter Film Jackie Brown (1997) führt trotz seiner prominenten Besetzung um Samuel L. Jackson, Michael Keaton und sogar Robert DeNiro bis heute ein Schattendasein. Nach Tarantinos erstem großen Blockbuster Kill Bill (2003), der ihm sein blutiges Image brachte, folgte ein weiteres Independent- Projekt: Death Proof (2007) ist ein klassischer Road-Movie, der ebenso wie Jackie Brown vielen Fans zu dialoglastig war. Wenn man weiß, worauf man sich einlässt, und die fabelhaften englischen Texte samt der authentischen Inszenierung zu schätzen weiß, gelten beide Filme aber als echte Geheimtipps.
Zuletzt mobilisierten Inglourious Basterds (2009) und Django Unchained (2012) endgültig die großen Massen und sorgten schon innerhalb der ersten paar Tage für dreistellige Millioneneinnahmen. Der Name Tarantino ist mittlerweile eine etablierte Marke: Gerade Inglourious Basterds trug in Deutschland und Frankreich mit seiner skandalisierten Zweiter-Weltkriegs-Handlung erheblich zur Bekanntheit des Regisseurs bei.

Kritik am Regisseur

Neben Tarantinos Image des reinen Gewaltfetischisten (abgetrennte Arme samt Blutfontänen hinterlassen eben ihren Eindruck), werden auch oft seine manchmal zu offensichtlichen Einflüsse aus anderen Filmen von bösen Zungen als Plagiate bezeichnet. Die Mischung aus Western- und Samuraifilm wie in Kill Bill ist zwar eine fantastische Genremischung, in beispielsweise Django Unchained sind die meisten Stilmittel aber eins zu eins aus alten Western übernommen. Was unterscheidet Anspielungen von Ideenklau? Tarantino vollführt besonders bei seinen aktuelleren Werken einen Drahtseilakt.

Tarantinos nächster Film

Nach Django Unchained hat Geschichtsfreak Tarantino Blut geleckt und kündigte an, sich mit The Hateful Eight erneut dem Westerngenre zu widmen. Nachdem der Regie-Star nach einer unerlaubten Veröffentlichung des Drehbuchs ein halbes Jahr schmollte, kommt der Film schließlich doch mit Tarantinos Wunschbesetzung (höchstwahrscheinlich) Anfang nächsten Jahres ins Kino. Beim Kammerspiel im Schneesturm-Szenario sind neben Tarantino-Neulingen wie Channing Tatum natürlich auch wieder einige Publikumslieblinge wie Tim Roth, Samuel L. Jackson, Michael Madsen und Kill Bill-Stuntfrau Zoe Bell mit von der Partie.

INFO

Dies war der erste Artikel unseres Regiespecials! Wir planen uns in den nächsten Artikeln nicht nur mit bekannten Filmgrößen wie Quentin Tarantino beschäftigen, sondern möchten auch auf unbekanntere Talente, wie zum Beispiel Gaspar Noe oder Satoshi Kon, eingehen.
Artikelwünsche zu diesem Thema nehmen wir gerne auf unserer Facebook Filmseite KINOKATZE an.
Wenn Ihr gar selbst Autor des nächsten Regie-Specials werden wollt, wendet euch bitte direkt an DER ALBRECHT !

Der nächste Artikel über Mystery-Legende David Lynch wird nächsten Samstag am 18. Juli 2015 Online gehen!

Autor*in
René Baltrusch
Über René Baltrusch 0 Artikel
René war vom Wintersemester 2014 bis Februar 2017 Teil der Redaktion sowie von April 2015 bis Februar 2017 Chefredakteur für den Online-Bereich. Als Spezialist zum Thema Film rief er Ende 2015 die Kultur-Sparte 'KinoKatze' ins Leben.

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