Quo Vadis, Fledermausmann?

Der dunkle Ritter hatte zuletzt ganz schön zu leiden, vornehmlich unter Grant Morrison. Nicht etwa, weil dieser ihn öffentlichkeitswirksam als homosexuell outete und sich dabei jener lächerlich-anachronistischen Thesen bediente, mit denen der fanatische Jugendschützer Frederic Wertham bereits 1954 gegen die „Schundliteratur“ Comic hetzte (Wertham argumentierte übrigens auch, dass Comics unsere Kinder zwangsläufig in die Kriminalität führen, eine Schlussfolgerung deren Update uns Morrison leider schuldig bleibt). Nein, weit härter als das Pseudo-Outing, das absurderweise von dem Mann kam, der die Reihe „Batmans Sohn“ verfasste, trafen den Fledermausmann die uninspirierten Geschichten, die Morrison ihm als Stammautor auf den Leib schrieb. Den Tiefpunkt bildete dabei die „Rest in Peace“-Storyline, in der Bruce Wayne höchst unglaubwürdig aus dem Leben schied, nur um dann mit Hilfe einer kruden Zeitreise wieder zurückzukehren.
Wie man hingegen eine ordentliche Superhelden-Krise aufzieht, zeigt uns der Klassiker „Knightfall – Der Sturz des dunklen Ritters“, der nun in einer dreibändigen Gesamtausgabe erstmals neu aufgelegt wird. Als die Serie 1993 gestartet wurde, hatte Batmans Umfeld schon deutlich Federn lassen müssen: Fünf Jahre zuvor verkrüppelte der Joker das ehemalige Batgirl Barbara Gordon, das von nun an auf einen Rollstuhl angewiesen war, wenig später zeichnete er sich auch für den Tod des zweiten Robin Jason Todd verantwortlich. Und selbst sein alter Kumpel Superman hatte jüngst im Kampf gegen das Monster Doomsday sein Leben aushaucht. Kurz gesagt, man hatte es Anfang der Neunziger mit den grimmig-pessimistischsten Comics zu tun, die ein Mainstream-Verlag bis dato veröffentlicht hatte. Mit Geschichten, die die Welt als erbarmungslose Hölle zeichneten, die lediglich eine einzige Konstante kannte: Egal wie finster es wurde, Batman schaffte es stets, einigermaßen unbeschadet aus diesem Fegefeuer zu hervorzugehen. Bis Bane kam.
Der hochintelligente Muskelberg hinter der Maske eines mexikanischen Wrestlers mutierte in „Knightfall“ zu Batmans ultimativer Nemesis, indem er einen Massenausbruch seiner Gegenspieler initiierte. Erst nachdem der dunkle Ritter bei dem Versuch, die Ordnung wiederherzustellen die Grenzen seiner Belastbarkeit überschritt, stellte sich Bane ihm in einem Zweikampf, der den Fledermausmann besiegt zurückließ. Physisch und psychisch gebrochen vegetiert er von nun an in seiner Höhle dahin, während ein neuer, ultrabrutaler Vigilant Gotham Citys auf der Bildfläche erscheint. Zwar war auch hier die Rückkehr zu alter Stärke unvermeidbar, doch wie „Knightfall“ die Reha Bruce Waynes inszenierte ist so glaubwürdig, dass der Titel bis heute ins Musterbuch des Superheldencomics gehört.
Gleichzeitig mit der Wiederveröffentlichung gibt es dann auch ein kleines Neunziger-Revival mit der neuen Serie „The Dark Knight“, die historisch an „Knightfall“ anschließt. Allerdings weniger durch das Aufgreifen von Thematik und Stil, sondern indem sie Tugenden aktualisiert, die in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts den amerikanischen Comic dominierten. Zeichner David Finch lässt sich deutlich von Künstlern wie Jim Lee („Wild C.A.T.S.“) oder Todd McFarlane („Spawn“) inspirieren und transferiert deren Einflüsse in Bilder, die auf hohem Niveau dunkel und bedrohlich, aber gleichzeitig spektakulär und gelackt sind. Allerdings hat sich Finch leider auch die Vorliebe seiner Vorbilder zu übernatürlichem Mumpitz geliehen. Und so gerät Batman auf der Suche nach einer verschwundenen Jugendfreundin an Okkultisten und Dämonen, was der Serie nicht allzu gut zu Gesicht steht. Zwar hatte man immer schon den Eindruck, die Seelenqualen des dunklen Ritters wären groß genug, um das Tor zur Hölle aufzureißen, wenn dies tatsächlich passiert, leidet die Figur des realistischsten aller Superhelden jedoch deutlich darunter.
Zuversichtlicher für die Zukunft Batmans stimmt hingegen die Tatsache, dass Grand Morrison sich mittlerweile aus seinem Autorenteam verabschiedet hat und jetzt an dem seit langem stagnierenden Superman arbeitet. Da kann er ja nicht allzu viel kaputt machen.
Dixon, Chuck/Aparo, Jim & Moench, Doug/Nolan, Graham: Knightfall – Der Sturz des dunklen Ritters 1. Panini Comics. 272 Seiten (farbig), Softcover, 24,95 Euro.
Finch, David: Batman – The Dark Knight: Dunkle Dämmerung. Panini Comics. 124 Seiten (farbig), Softcover. 14,95 Euro.

Comics des Monats
„Der Spieler“
Titel: Der Spieler
Autor: Stephane Miguel (Skript), Loic Godart (Zeichnungen).
Verlag: Splitter. 96 Seiten (farbig), Hardcover mit Schutzumschlag. 19,80 Euro.
Wertung: ****

Literaturadaptionen zählen traditionell ja nicht gerade zu den gelungensten Comic-Publikationen. Entsprechend gering fällt dann auch die Vorfreude aus, wenn mal wieder ein vermeintlicher Klassiker der Weltliteratur in einer angeblich „kongenialen Umsetzung“ (ein Attribut das die Verlage zu bemühen niemals müde werden) erscheint. Bei „Der Spieler“ handelt es sich da allerdings um eine etwas andere Hausnummer, immerhin stammt die Vorlage vom russischen Großmeister Fjodor Dostojewski, was gesteigerte Ambitionen suggeriert. Auch wenn die Geschichte im Kern übernommen wird: Hauslehrer Alexej steht in den Diensten eines hoch verschuldeten Generals, den einzig das Erbe seiner kränkelnden Tante retten kann. Daneben buhlt Alexej scheinbar aussichtslos um die Liebe von Polina, der Stieftochter des Generals. Die drei Figuren vereint ein manischer Hang zum Roulettespiel und die damit einhergehende Gefahr, jederzeit alles verlieren zu können. Der Comic ist da zurückhaltender, kann er sich doch nicht entscheiden, ob er die unerfüllte Liebe Alexejs oder die Spielsucht in den Mittelpunkt stellen will, wodurch ein unentschlossener Gesamteindruck entsteht. Stilistisch ist „Der Spieler“ dem Gros seiner Konkurrenz jedoch weit überlegen, da er zeichnerisch elegant und weit weniger textlastig ist, als bei einem solchen Titel zu erwarten wäre. Zu leichter Kost ist Dostojewski dennoch nicht geworden. Aber dann wäre „Der Spieler“ auch keine Adaption mehr, sondern ein mittelschweres Wunder.

„Mein Leben mit Mr. Dangerous“
Titel: Mein Leben mit Mr. Dangerous
Autor: Paul Hornschemeier
Verlag: Carlsen Comics. 162 Seiten (farbig), Hardcover. 19,90 Euro.
Wertung: ****

Glamourös ist das Leben der Mittzwanzigerin Amy nicht gerade: Derselbe monotone Job im Klamottenladen den auch ihre Mutter ausübt, eine leere Wohnung mit Katze, enttäuschende Männerbekanntschaften und ein weggezogener bester Freund. Einzig die obskure Zeichentrickserie „Mr. Dangerous“ scheint ihr Leben zu erleichtern. „Mein Leben mit Mr. Dangerous“ mag auf den ersten Blick vielleicht in etwa so aufregend erscheinen, wie der Name seines Autors Paul Hornschemeier, ist tatsächlich aber ein echter Glücksgriff. Hornschemeier verfügt über einen unvergleichlich präzisen Blick auf das urbane Amerika, der ebenso absurd wie traurig ist. Seine Kunst besteht dabei vor allem darin, nie in reinen Trübsinn abzugleiten und seiner Heldin vollkommen glaubwürdig einen kleinen Triumph zu gönnen. Einzig das „Mr. Dangerous“-Leitmotiv und befremdliche Traumsequenzen, die der Geschichte außer Verwirrung nichts hinzufügen, trüben den Gesamteindruck dieses ansonsten wirklich ganz hervorragenden Comics.

„Grandville“
Titel: Grandville – Ein Fall für Inspektor LeBrock von Scotland Yard
Autor: Bryan Talbot Verlag: Carlsen Comics. 102 Seiten (farbig), Hardcover. 24,80 Euro.
Wertung: **

Warum man ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen soll, wird bei „Grandville“ einmal mehr deutlich: Ist das Cover doch schlichtweg eine Meisterleistung deren effektiv-klassische Schriftzüge und Zeichnungen so liebevoll in den Deckel geprägt wurden, dass man gar nicht aufhören kann, mit den Fingern darüber zu streichen. Dagegen muss der Inhalt fast zwangsweise abfallen: „Grandville“ präsentiert ein alternatives Frankreich um 1900, dass von Tieren in Menschengestalt bevölkert wird und in dem sich der Dachs LeBrock bemüht, eine Verschwörung gegen das britische Empire aufzudecken. Verglichen mit der ähnlich gelagerten „Blacksad“-Serie, wirken die Zeichnungen hier aber reichlich flach und detailarm, keine der Tiergestalten ist wirklich einprägsam. Erschwerend hinzukommt, dass sich „Grandville“ als riesiger Eintopf präsentiert, in den scheinbar alles gestopft wurde, was sein Autor für interessant erachtete. Verweise auf frankobelgische Comicklassiker wie „Tim und Struppi“ haben genauso Einzug gehalten, wie eine Allegorie auf den 11. September. Nicht genug damit, dass dies in dem hier gewählten Setting mal so gar keinen Sinn ergibt, winkt jedes Zitat hier dermaßen mit dem Zaunpfahl, dass „Grandville“ jegliche Subtilität verliert. Da klappt man den Buchdeckel lieber wieder zu und befingert weiter das Cover.

Wiederveröffentlichung des Monats
„Arzach“
Titel: Arzach
Autor: Moebius
Verlag: Cross Cult. 56 Seiten (farbig), Hardcover. 16 Euro.
Wertung: ****

Als Jean Giraud alias Moebius im März verstarb, verlor der Comic sein größtes Zeichengenie. Bereits für den Western „Blueberry“ wurde er verehrt, doch erst mit den „Arzach“-Erzählungen offenbarte er in den Siebziger Jahren das ganze Ausmaß seines Könnens. Obwohl „Erzählungen“ in diesem Zusammenhang wohl das falsche Wort ist: In stummen Bildfolgen fliegt ein Krieger mit versteinerter Mine auf seinem Flugsaurier umher, bekämpft riesige Monster oder stellt leicht bekleideten Damen nach. Am Ende steht meist eine absurde Pointe, die den Leser nicht selten ratlos zurücklässt. Wichtiger ist ohnehin der opulente Stil, in dem „Arzach“ gestaltet ist: Die Tiefe und Ausdrucksstärke der Zeichnungen, ihr barocker Überschwang an Dekors und Referenzen könnte ein ganzes Rudel Kunstwissenschaftler bis zu ihrem Lebensende beschäftigen. Die Gesamtausgabe enthält neben den sieben seit 1973 erschienenen Kurzgeschichten auch sämtliche Illustrationen zu „Arzach“ und Vorworte von Martin Jurgeit und dem Meister selbst. Ein unvergleichlich kryptisches Lesevergnügen in formal perfekter Aufmachung.

Short Cuts
Gestern noch – Schwer gezeichnet Nachdem „3.300 km“, ein Reisetagebuch aus Asja Wiegands Online- Comic „Gestern noch“, der Autorin völlig zurecht jede Menge Aufmerksamkeit und Anerkennung bescherte, erscheint nun eine zweite Zusammenstellung. Die ist unverändert charmant und tiefsinnig, fügt sich aber anders als der Vorgänger zu keinem harmonischen Gesamtbild zusammen. (Schwarzer Turm, 46 Seiten, 9,80 Euro)
Chew – Bulle mit Biss! Mit „Flambiert“ erscheint außerdem der nunmehr vierte Teil der skurrileinfallsreichen Polizeigroteske um Sonderermittler Tony Chu. Der bekommt es diesmal unter anderem mit Weltuntergangssekten, aus dem Ruder gelaufenen Essensschlachten und im All geborenen Retortenbabys zu tun. Absurder Humor auf der Höhe seiner Kunst. (Cross Cult, 128 Seiten, 16,80 Euro)
Wave and Smile Diese Auseinandersetzung mit dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan durch die Augen eines deutschen Hauptmanns bemüht sich zunächst um eine vielschichtige Darstellung. Leider wird die Erzählung in der zweiten Hälfte zunehmend eindimensional und kriegt erst am Ende noch gerade so die Kurve. Zwiespältig, aber das muss es bei dem Thema wohl auch sein. (Carlsen Comics, 200 Seiten, 24,95 Euro)
Boba Fett – Tod, Lügen und Verrat „Star Wars“-Comics genießen gemeinhin den wenig schmeichelhaften Ruf einer Resteverwertung. Zu Unrecht wie diese Neuauflage des lang vergriffenen Dreiteilers um den in Fankreisen kultisch verehrten Kopfgeldjäger Boba Fett zeigt. Wenn Boba in bester Italo-Western-Manier im Weltall den Müll raus bringt, kann Clint Eastwood als ewige Ikone der Coolness abdanken. (Panini, 148 Seiten, 16,95 Euro).

Janwillem Dubil
Über Janwillem Dubil 60 Artikel
Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

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