Race against the machine

Über die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt von Morgen

Franki Chamaki // Unsplash

Was haben Supermarktkassierer:innen, Investmenbanker:innen und Kutschpferde gemeinsam? Sie alle könnten in naher Zukunft dasselbe Schicksal teilen: berufliche Bedeutungslosigkeit, ein Leben an der Seitenlinie des Arbeitsmarktes. Jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland ist davon gefährdet, von Künstlicher Intelligenz (KI) ersetzt zu werden, befand eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2018. Das race against the machine hat längst begonnen, und viele könnten abgehängt werden. 

Berufliche Zukunftsängste: Selten wurde dieses Thema gesellschaftlich so öffentlich und intensiv diskutiert wie während der Corona-Pandemie. Musiker:innen, Clubbetreiber:innen oder Gastronom:innen – in vielen Branchen brach mit der Pandemie die berufliche Perspektive von heute auf morgen weg. Auch wenn die Clubs irgendwann wieder öffnen, Konzerttickets wieder verkauft und Volksfeste wieder stattfinden werden, die Aussichten dieser Branchen sind derzeit düster. Was bisher jedoch kaum öffentlich thematisiert wird: Ein ähnliches Schicksal droht Millionen anderer Arbeitnehmer:innen. In Deutschland, Europa und weltweit.  

Grund hierfür ist kein Virus, welches die Volkswirtschaften ausbremst, sondern ein digitaler Rotstift, der gnadenlos Stellen aus dem weltweiten Arbeitsmarkt streichen könnte. „Der Faktor, der die Zukunft der Arbeit am stärksten prägt, ist die Digitalisierung. Und der Faktor, der die Digitalisierung am stärksten prägt, ist die Künstliche Intelligenz“, resümiert der Spiegel-Autor Sascha Lobo in seinem Buch Realititätsschock. Selbstfahrende Autos, Self-Checkout-Kassen oder Versicherungsmakler-Apps: Die Symptome der sich durch Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Automatisierung verändernden Arbeitswelt sind bereits omnipräsent. Dennoch stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, die in den kommenden Jahrzehnten den globalen Arbeitsmarkt tiefgreifend verändern wird.  

Während in der Vergangenheit Mensch und Maschine allenfalls in Bereichen physischer Arbeit miteinander konkurrierten, umfasst diese Konkurrenz künftig auch Arbeitsgebiete, die mit kognitiver Arbeit verbunden sind. Galt dieses Gebiet in früheren Automatisierungswellen als sichere Bastion, bei der menschliche Fähigkeiten unersetzlich waren, übernehmen computerbasierte Algorithmen immer mehr dieser Tätigkeiten – Tendenz steigend. 

Bedrohte Berufsbranchen 

Schon heute können in einigen Branchen die Tätigkeiten von Arbeitnehmer:innen (fast) gänzlich von KI und Maschinen übernommen werden. Einerseits umfasst diese Entwicklung Berufe mit einem hohen Anteil von Routinetätigkeiten, die von vollautomatischen Prozessen abgelöst werden könnten. Symbolhaft dafür sind die Beispiele der Berufskraftfahrer:innen und Paketbot:innen, die nach der Vision der Silicon-Valley-Industrie von autonomen, selbstfahrenden Transportfahrzeugen oder Paketdrohnen ersetzt werden könnten. 50 bis 70 Prozent der Fahrer:innen, also bis zu 4,4 Millionen (!) Arbeitsplätze, könnten bis 2030 allein in den USA und Europa durch autonom fahrende LKWs ersetzt werden. Das befand eine Studie des International Transport Forum 2017. Die Auswirkungen, die von Algorithmen-befeuerter Effizienzoptimierung bereits heutzutage in diese Branchen gebracht wurden, können tagtäglich auf deutschen Autobahnraststätten beobachtet werden. Die einstige Fernfahrer-Romantik ist gänzlich verflogen. Stattdessen: permanent gegen die Zeit kämpfende, zu Dumpingpreisen arbeitende Lohnsklav:innen, die unter unmenschlichen Bedingungen in ihren Fahrzeugen hausen müssen. Es lebe der technische Fortschritt! 

Andererseits sind die elaborierten und selbstlernenden KI-Programme bereits jetzt in der Lage, komplexe Sachverhalte auf Basis gigantischer Datenmengen zu analysieren und zu bewerten – besser als es ein Mensch je könnte. „Jobs mit hohem Substituierungspotential“ werden diese durch Maschinenintelligenz ersetzbaren Berufe in der Forschung genannt, der feuchte Traum von auf maximale Rationalisierung getrimmten Unternehmensberater:innen. 

Ironischerweise sind es aber auch diese Berufe in der Unternehmensführung und Organisation, die ebenfalls zu einem großen Teil von Künstlicher Intelligenz ersetzt werden könnten. Die Lokalisierung von Optimierungspotentialen innerhalb einer Geschäftsstruktur auf Grundlage von Big Data ist schließlich eines der Aushängeschilder der KI. Mehr als die Hälfte aller Jobs in diesem Arbeitsfeld könnten von Computern ersetzt werden, befand die zuvor erwähnte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2018. Strategieberatungen und Entscheidungen über die Unternehmensausrichtung könnten also schon bald flächendeckend von Algorithmen, an Stelle ihrer menschlichen Gegenstücke, durchgeführt werden. Auch die Investitionsentscheidungen von Investmentbanker:innen, den menschgewordenen Abziehbildern des neoliberalen Turbokapitalismus, können – und werden bereits – deutlich effizienter von Algorithmen-gesteuerten Programmen anstatt von kokainaufgepeitschten Banker:innen getätigt. Die Revolution frisst ihre Kinder. 

Wenn die Dreifaltigkeit des modernen Kapitalismus – Prozessoptimierung, Rationalisierung und Gewinnmaximierung – in diese Zukunftsvision miteinbezogen wird, erscheint folgende Annahme als wahrscheinlich: Dort, wo die unternehmerischen Vorteile bei der Entscheidung überwiegen, ob eine Tätigkeit zukünftig von Mensch oder Maschine ausgeführt werden soll, wird der Mensch zunehmend aus der Tätigkeit gedrängt werden. Schließlich können Algorithmen rund um die Uhr arbeiten, gründen keine Gewerkschaften und gehen auch nicht in Elternzeit.

Künstliche Intelligenz als Jobmotor 

Dass diese technischen Errungenschaften nicht nur menschliche Jobs kosten, sondern auch massenweise neue Jobs schaffen werden, behaupten Technik-Optimist:innen hingegen gerne. Jede Welle der Industriellen Revolution habe schließlich dazu geführt, dass zwar ein Teil der Menschheit Tätigkeiten an automatisierte Maschinen verloren habe, jedoch auch jedes Mal wesentlich mehr neue Jobs entstanden sind. Ganz zu schweigen von dem stetig steigenden globalen Wohlstand.  

Zudem würden die Fortschritte, die Künstliche Intelligenz in vielen Bereichen mit sich bringe, nicht per se dafür sorgen, dass menschliche Arbeitskraft von KI ersetzt wird. Vielmehr werde in vielen Bereichen eine Mensch-KI-Symbiose entstehen, die schlichtweg bessere Arbeit leisten könne. Kooperation statt Wettkampf. Ein Beispiel: Ärzt:innen, die mit Hilfe von elaborierten KI-Programmen effizienter und besser Diagnosen treffen oder Behandlungen empfehlen können, bei einem Bruchteil der bisherigen Kosten für das Gesundheitssystem. 

Apocalypse now? 

Diesen Aussagen kann zwar zweifelsohne zugestimmt werden, dennoch gibt es einige Gründe, dass diese „Vierte Industrielle Revolution“, wie sie in der Forschung genannt wird, anders verlaufen könnte. Es ist zwar durchaus anzunehmen, dass der Eintritt der KI in die Arbeitswelt auch massenweise Jobs schaffen wird. Die viel wichtigere Frage ist jedoch, wer in der Lage sein wird, diese Jobs auszuführen. Ein Vergleich, der in diesem Spannungsfeld gerne herangezogen wird, betrifft das Schicksal des Kutschpferdes.  

Mit der Erfindung des Automobils wurde eine gesamte Branche von Kutscher:innen, die zuvor das Straßenbild in Großstädten prägten, innerhalb kürzester Zeit durch den technischen Fortschritt verdrängt – vergleichbar mit dem Schicksal der Videotheken, die durch den Aufstieg von Netflix und Co. in Windeseile vom Markt gefegt wurden. Der Unterschied heutzutage? Während sowohl Kutscher:innen als auch Videotheksmitarbeiter:innen zwar ihre Jobs verloren, bestand für sie jedoch eine Vielzahl von Möglichkeiten, in anderen Berufen erneut Fuß zu fassen. Die Kutscher:innen wechselten vielleicht sogar in die Fertigung ihrer scheinbaren Konkurrenten und heuerten in Autofabriken an, in denen massenweise Jobs entstanden – der vermeintliche Arbeitsmarkt-Kreislauf des Fortschritts. Doch eine Gruppe blieb dabei ohne künftige Bedeutung für den Arbeitsmarkt auf der Strecke – die Kutschpferde. 

Das Schicksal der Kutschpferde kann sinnbildlich für die womöglich größte Gefahr der von der Künstlichen Intelligenz befeuerten Vierten Industriellen Revolution verwendet werden: Expert:innen gehen davon aus, dass ein bedeutender Teil der neu entstehenden Jobs hochspezialisierte und hochbezahlte Jobs in der Technologie-Branche sein werden – mit gravierenden Folgen. So wird ein Arbeitsmarkt entstehen, der sich in die beiden Segmente  ,geringe Kenntnisse / niedrige Bezahlung’ und ,gute Ausbildung / hohes Einkommen’ teilt. Und dies führe wiederum zu wachsenden sozialen Spannungen, prognostizierte der geschäftsführende Vorsitzende des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab 2016 im Handelsblatt.

Während ein:e Kutscher:in recht problemlos als Fließbandarbeiter:in in die Autofabrik wechseln konnte, ist stark zu bezweifeln, dass Berufskraftfahrer:innen als KI-Spezialist:innen in die Entwicklung der Algorithmen wechseln können. Selbst ein Blick auf die vielzitierte ,Zukunft unserer Gesellschaft‘, die Kinder, die derzeit an den Schulen für den Arbeitsmarkt von morgen ausgebildet werden sollen, wirft in Anbetracht des Digitalisierungsstandes der Schulen die Frage auf, ob wir als Gesellschaft künftige Generationen von Arbeitsmarkt-Teilnehmer:innen genügend auf die Herausforderungen des digitalisierten Arbeitsmarktes des Jahres 2040 vorbereiten. Eine Goethe-Gedichtinterpretation auf einem Overhead-Projektor wird da kaum hilfreich sein. 

Der Wandel des Arbeitsmarktes könnte also zu großen gesellschaftlichen Verwerfungen führen. Was eine solche Teilung und das damit einhergehende ‚sich-abgehängt-fühlen‘ für politische Sprengkraft hat, lässt sich anhand der jüngeren politischen Vergangenheit Deutschlands und den USA eindrucksvoll erahnen. Der Aufstieg Künstlicher Intelligenz könnte im schlimmsten Fall ein massiver Katalysator für die Radikalisierungs- und Extremismustendenzen innerhalb der Gesellschaft werden. „Die potenziellen sozialen und politischen Zerrüttungen sind so alarmierend, dass wir die Wahrscheinlichkeit systemischer Massenarbeitslosigkeit, selbst wenn sie gering ist, sehr ernst nehmen sollten”, bilanziert der israelische Historiker und Autor Yuval Noah Harari in seinem Buch 21 lessons for the 21st century

Schöne neue Welt   

Es besteht also dringender Handlungsbedarf. Doch wie kann diesen riesigen Herausforderungen gesellschaftlich angemessen begegnet werden? Die gute Nachricht vorweg: Die Lage ist nicht hoffnungslos. 

Zum einen wird Künstliche Intelligenz auch langfristig nicht in der Lage sein, in alle Berufsfelder einzudringen. Denn es gibt Bereiche, in denen auch künftig die einzigartigen menschlichen sozialen Fähigkeiten unersetzbar sein werden. Dies betrifft insbesondere zwei Berufsfelder, die, vorsichtig ausgedrückt, bisher nicht gerade die attraktivsten sind. Einerseits die Pflegeberufe im Gesundheitssektor: Alten- und Krankenpfleger:innen werden insbesondere durch den demographischen Wandel und chronischen Fachkräftemangel mehr gebraucht denn je. Andererseits wird auch im Erziehungs- und Bildungssektor der Mensch unabdingbar bleiben – ebenfalls Branchen mit gewaltigem Fachkräftemangel. Es erscheint daher beinahe obszön, dass gerade Berufe wie Erzieher:in oder Alten- und Krankenpfleger:in durch die prekären Arbeitsbedingungen kaum Nachwuchs finden. Diese Berufe attraktiver zu machen sollte daher eine der dringlichsten politischen Aufgaben sein, um die gewaltigen Herausforderungen erfolgreich zu meistern.  

Eine zweite, weitreichendere Möglichkeit zeigt der niederländische Historiker und Autor Rutger Bregman in seinem Bestseller Utopia for Realists auf: Umverteilung. Je reicher die gesamte Gesellschaft durch den mit der KI-Revolution einhergehenden ökonomischen Fortschritt werde, umso ineffektiver sei der Arbeitsmarkt als effizienter Verteilungsmechanismus dieses Wohlstandes. Während einige wenige massiv von den Umbrüchen profitieren, gäbe es eine breite Masse an Menschen, die leer ausgingen. Die ohnehin schon gewaltige Schere zwischen Arm und Reich könnte noch wesentlich massivere Dimensionen annehmen. „Wenn wir an den Segen der Technologie festhalten wollen, bleibt ultimativ nur eine Wahl übrig und diese ist Umverteilung. Massive Umverteilung”, schreibt Bregman. 

Die von ihm geforderte monetäre Umverteilung ist so simpel wie radikal zugleich. Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens sei der erste logische Schritt. Das mag je nach Standpunkt radikal, visionär oder gar naiv klingen, ist aber keinesfalls unmöglich. Der zweite Schritt sei eine deutliche Besteuerung von Vermögen und Konzernen, durch die eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes auf die Gesamtgesellschaft möglich wäre. Wer sich die mickrigen Steuerzahlungen der Amazons, Apples und Trumps dieser Welt anschaut, entdeckt schnell, um bei der Analogie zu bleiben, massives Optimierungspotential.  

Und vielleicht ist es gerade dieser Bereich, in dem Künstliche Intelligenz und Algorithmen den entscheidenden Beitrag für eine florierende Zukunft – und nicht den Weg in eine Dystopie – liefern werden. Trotz all dem herausragenden Fortschritt, den die Technologie in der jüngeren Vergangenheit geliefert hat, scheint eine Entwicklung bisher nicht die größte Priorität der Think-Thanks der Tech-Konzerne gewesen zu sein: ein Algorithmus, der dabei hilft, die Großkonzerne angemessen zu besteuern. Die gerechtere Verteilung von Wohlstand mit Hilfe von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz zum Wohle der Gesamtgesellschaft sollte technisch ein Kinderspiel sein. Jetzt hängt es an uns als Gesellschaft, uns die Möglichkeiten der Technologie für eine bessere Zukunft zunutze zu machen.  

Autor*in

Arne studiert Poltikwissenschaft und Soziologie an der CAU. Seit 2020 ist er als Redakteur Teil des ALBRECHT und leitet seit 2021 den Weißraum.

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Arne studiert Poltikwissenschaft und Soziologie an der CAU. Seit 2020 ist er als Redakteur Teil des ALBRECHT und leitet seit 2021 den Weißraum.

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