Robin Hood spielen für den Klimaschutz

Was ist Divestment eigentlich?
Divestment bedeutet wörtlich übersetzt Deinvestition. Ziel der Bewegung ist es, öffentliche Einrichtungen dazu zu bewegen, früher investiertes Kapital wiederzubeschaffen. Dabei handelt es sich nicht um wahllose Investitionen, sondern um jene in Unternehmungen, die umweltschädlich oder antisozial handeln. Da die Investoren staatliche Institutionen, Universitäten, Stiftungen, Pensionsfunds oder Gesundheitsdienstleister sind, die im Dienste der Öffentlichkeit stehen und moralische Verantwortung übernehmen, finanziert der Steuerzahler zum Teil die fragwürdigen Geldanlagen gesellschaftlicher Organe. Aktivist*innen fordern in Petitionen, öffentlichen Diskussionen, Protestaktionen und Demonstrationen zum Divestment auf. Firmen, die die Aktivist*innen damit gezielt treffen wollen, sind Teil der Top 200 der fossilen Energieriesen, wie zum Beispiel Gasprom oder ExxonMobil. Gleichzeitig wollen sie damit bewirken, dass das wiedergewonnene Kapital in umweltfreundliche und prosoziale Unternehmungen investiert wird.

Woher kommt die Idee und wie lange gibt es die Bewegung schon?
Die Idee, Einrichtungen des öffentlichen Lebens oder Unternehmungen dazu aufzurufen, im großen Stil Geld zu deinvestieren, war während des Apartheid-Regimes in Südafrika erstmals erfolgreich. War diese Methode auch nicht ganz unumstritten, so schafften es die USA und einige andere westeuropäische Staaten, ab 1984 die Wirtschaft des Landes ins Wanken zu bringen. Dies soll aktiv zum Ende des Apartheid-Regimes beigetragen haben. Im Laufe der letzten Jahre ist Divestment als Strategie wieder beliebter geworden. Bekannt ist es hauptsächlich im Kontext fossiler Energien, andere Branchen, wie zum Beispiel die Atom-, Tabak-, Rüstungsindustrie sowie Unternehmungen, die mit Kinderarbeit, Gentechnik oder Lebensmittelspekulation in Verbindung gebracht werden, sind allerdings auch im Blickfeld der Aktivist*innen.

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DATEN: Wikipedia

Wer unterstützt die Divestment-Bewegung?
Divestment wird weltweit von prominenter Seite unterstützt: Präsident Barack Obama, Weltbankchef Jim Yong Kim und der ehemalige Erzbischof Desmond Tutu haben sich öffentlich dafür ausgesprochen. Moralische Autorität erhalten die Aktivist*innen außerdem von den Vereinten Nationen, einerseits durch eine 1988 beschlossene Resolution, die den „Schutz des globalen Klimas für heutige und künftige Generationen“ als Priorität benennt, andererseits durch den Generalsekretär Ban Ki-moon persönlich.

Warum ist die Divestment-Bewegung so stark gegen die Investitionen in fossile Energien?
Laut dem Greenpeace-Klimaexperten Karsten Smid sind sich rund 97 Prozent der Wissenschaftler*innen einig, dass der Klimawandel kommen und für die Menschheit drastische Konsequenzen nach sich ziehen wird, wenn es ihr nicht gelingt, aktiv Schadensbegrenzung zu betreiben. „Menschen, mit denen wir sprechen ist noch gar nicht bewusst, dass man mit fossilen Rohstoffen eigentlich gar kein Geld mehr machen kann und dies eigentlich ein Verlustgeschäft ist“, so Leandra Praetzel, Divestment-Aktivistin aus Münster, im Gespräch mit Deutsche Welle. Praetzel spielt damit auf die sogenannte Carbon Bubble an. Hinter diesem Schlagwort verbirgt sich die These, dass es derzeit etwa drei- bis fünfmal so viel Kohle, Gas und Öl gibt, wie sich verbrennen ließe ohne – mit fünfzigprozentiger Chance – das angestrebte zwei Grad Ziel zu überschreiten. Wissenschaftlich gestützt wird sie beispielsweise durch die englischen Klimaforscher Christophe McGlade und Paul Ekins, die im Januar 2015  einen Artikel im amerikanischen Fachjournal Nature veröffentlichten. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass die Aktien aus fossilen Energien an der Börse stark an Wert verlieren werden, wenn das Problem auch öffentlich erkannt wird; die Folge wäre eine Finanzblase. Wenn Kommunen, Universitäten und Stiftungen ihr Geld entziehen, hat dies also nicht nur einen positiven Umwelteinfluss, sondern schont auch den Geldbeutel der Steuerzahler. So hält die Stadt Essen beispielsweise 18 Millionen RWE-Aktien, im vergangenen Dezember fiel der Wert von fast 100 Euro auf unter zehn das Stück. Für eine Stadt, die tief in den roten Zahlen steckt, war dies ein enormer Verlust.

Bild 1 Divestment

Warum ist Divestment gerade jetzt entscheidend?
In seinem Bericht The Stern Review, in Auftrag gegeben vom späteren Premierminister Gordon Brown, untersuchte der englische Wirtschaftsexperte Nicholas Stern bereits 2006 die wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels. Er prognostizierte, dass das weltweite BIP um 20 Prozent sinken würde und eine Wirtschaftskrise wie in den 1920er Jahren wahrscheinlich die Folge wäre. Stern spricht davon, dass – einmal eingetreten – diese Entwicklung nur schwer oder gar nicht rückgängig zu machen sei und rät dazu, ab sofort zwei Prozent jährlich des weltweiten BIP für den Kampf gegen den Klimawandel auszugeben – getreu dem Motto: „Vorsorge ist besser als Nachsorge.“ Daraus lässt sich auch ableiten: Je früher die Menschheit anfängt gegen den Klimawandel zu arbeiten, desto größer sind die Erfolgschancen. Allerdings, so The Guardian-Redakteurin Emma Howard, zählen die Unternehmungen der Energiebranche zu den reichsten Firmen der Welt und es würde erhebliche Probleme geben, wenn zu viele Aktionär*innen zu viel Geld auf einmal entnehmen würden. Dieses Szenario könne sich ebenfalls zu einer globalen Wirtschaftskrise entwickeln, schreibt Howard.

Welche Erfolge wurden bisher erzielt und was für Kampagnen gibt es derzeit?
Laut Fossil Free, einem Sammelbecken für Divestment-Kampagnen, deinvestieren derzeit rund 518 Organisationen weltweit, dabei werden der fossilen Energien Branche ungefähr 3,4 Billionen US-Dollar entzogen. Bekannte Organisationen, die sich verpflichtet haben, zu deinvestieren beziehungsweise schon deinvestiert haben, sind zum Beispiel die Stadt Oslo (sieben Millionen US-Dollar), die Stiftung der Öl-Dynastie Rockefeller (50 Milliarden US-Dollar), die Church of England (zwölf Millionen Pfund) und der norwegische Pensionsfund (900 Milliarden US-Dollar). Im Gegensatz zu den Erfolgen stehen einige Organisationen, die sich bislang standhaft weigern. Die Bill & Melinda Gates Foundation ist mit einem Kapital von 43 Milliar den US-Dollar die größte philanthropische Stiftung weltweit. Trotz ihres Engagements für den Klimaschutz hielt sie 2013, laut The Guardian, rund 1,4 Milliarden US-Dollar in Aktien der Firmen Royal Dutch Shell, BP und Pearbody Coal. Die Aktivist*innen der Kampagne Gates Divest sehen die Investitionen unvereinbar mit der Arbeit der Stiftung und prangern sie als schlechtes Vorbild an. Eine weitere Kampagne von Fossil Free hat die römisch-katholische Kirche im Blick. Als Religionsgemeinschaft mit 1,2 Milliarden Mitgliedern verfügt der Vatikan über unglaublichen Reichtum, der teilweise auch aus fossilen Brennstoffen stammt. „Wir wissen, dass die Technologie, die auf der sehr umweltschädlichen Verbrennung von fossilem Kraftstoff beruht, fortschreitend und unverzüglich ersetzt werden muss”, schreibt Papst Franziskus in seiner vielbeachteten Enzyklika. Trotz der Meinung ihres Oberhaupts und der sozialen Verantwortung, die sie trägt, scheint die Kirche bisher noch nicht reagiert zu haben; online ruft Fossil Free nach wie vor zum Unterschreiben einer Petition auf.

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Auch im Kohleland Deutschland regt sich langsam Widerstand.

Wie steht es um Divestment in Deutschland?
Die bisher erfolgreichsten deutschen Kampagnen gibt es in Münster und Freiburg. Im November 2015 erzielten die Aktivist*innen den ersten großen Erfolg in Deutschland: Die Stadt Münster versprach zu deinvestieren. Zwei städtische Fonds mit einem Volumen von 30 Millionen Euro dürfen ab diesem Jahr kein Geld mehr in fossile Energien investieren und auch an Fonds, die an Fracking, Gentechnik oder Kinderarbeit verdienen, darf sich die Stadt sich nicht mehr beteiligen. In Freiburg konnten die Aktivist*innen die Albert-Ludwigs-Universität vom Divestment überzeugen, die Stadt und Erzdiözese sind weitere Ziele.

Kampagnen und Aktionen in Kiel
Seit September 2015 gibt es auch eine Fossil Free Gruppe in Kiel. Ihr Ziel ist es, die möglichen Investitionen Kiels in die Top 200 Unternehmen der fossilen Energiebranche aufzudecken und der Stadt nahezulegen, ihr Geld zu deinvestieren. Im April 2016 haben sie dafür bereits die Grünen in der Ratsfraktionssitzung besucht, um mit einer ersten politischen Partei ins Gespräch zu kommen. Auf Bundesebene hat die Partei Divestment bereits auf ihre Agenda gesetzt. Trotz dieses Besuchs will die Gruppe parteiunabhängig bleiben, betont Katharina Sander im Gespräch mit dem ALBRECHT. Fossil Free versucht, Kiel als Vorbild zu gewinnen und als Landeshauptstadt mit gutem Beispiel voranzugehen. Die Anlagen der Stadt betrugen Ende 2013 knapp 1,5 Milliarden Euro, ein Großteil davon in Sachwerten, wie zum Beispiel dem Hafen oder Theater. Interessant ist das Kapital der Stiftungen der Stadt Kiel, das in drei Fonds gehalten wird. Im März 2016 gehörten ihre Anteile unterschiedlicher Fonds in Höhe von rund 370.000 Euro, wovon etwas mehr als 18.000 Euro aus fossilen Energien stammen, darunter bekannte Firmen wie zum Beispiel BP, Royal Dutch Shell, Chevron oder Total. Weil die Stadt relativ wenig Geld in diese Branche investiert hat, rechnen sich die Mitglieder von Fossil Free Kiel hohe Erfolgschancen aus. Zwiespältig sehen sie den Beschluss der Stadt, ein Gaskraftwerk zu bauen. „Eigentlich wollen wir ja auch aus Gas deinvestieren. Die Grundlast kann aber bisher nicht über erneuerbare Energien gedeckt werden“, so Katharina Sander, „eventuell müssen wir Gas als eine Zwischenlösung anerkennen“. Neben den umweltschädlichen Investitionen hält die Gruppe auch nach anderen antisozialen Anlagen Ausschau. „Die Versorgungsrücklage investiert in durchaus spürbarem Maße in Banken, die sowohl Kernenergie als auch Atombomben finanzieren“, ergaben interne Recherchen. Bei den Finanzanlagen insgesamt könnte sich die Stadt also noch verbessern.

Jeden zweiten und vierten Freitag trifft sich Fossil Free Kiel
Mehr Infos unter: www.fossilfree-kiel.de

Autor*in

Rebecca war von 2014 bis 2019 teil der ALBRECHT-Redaktion. In der Zeit hat sie für ein Jahr das Lektorat geleitet und war ein weiteres Jahr die stellvertretende Chefredakteurin.

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