SEXARBEITERIN – Interview mit Sobo Swobodnik und Lena Morgenroth – Teil 2

In Teil 2 des Interviews mit Regisseur Sobo Swobodnik und Sexarbeiterin Lena Morgenroth auf ihrer Kino-Tour zum Film SEXarbeiterin im Traum-Kino geht es unter anderem um den buchstäblichen Höhepunkt, die junge deutsche Dokumentarfilmszene, die Definition von Sexarbeit, das Prostitutionsgesetz und die Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen.

DER ALBRECHT: Fehlt in der Medienlandschaft ein Christoph Schlingensief?

Sobo Swobodnik: Absolut. Ich glaube, es gibt in der deutschen Filmlandschaft einige, aber die sind zum Teil schlecht. Aufgrund der Demokratisierung der digitalen Medien, kann mittlerweile jeder einen Film machen. Ich habe diesen Film mit einer EOS 5D gedreht, das ist ein Fotoapparat. Nun habe ich eine Sony PXW, denn für den nächsten Film gehe ich in die Forensische Psychiatrie. Dort lass ich mich für eine Woche einsperren und dreh einen Film über suchtkranke, beziehungsweise psychisch kranke Straftäter. Ich habe im Vorfeld drei Jahre daran gearbeitet, dass ich eine Drehgenehmigung bekomme. Doch wieder zurück zum Film. Sexarbeiterin habe ich mit einer EOS 5D gedreht, das ist ein Fotoapparat mit einem Vollformat-Chip darin. Jeder kann mittlerweile mit so einem Ding Filme drehen, das finde ich toll. Das ist eine Demokratisierung von Filmkunst und trotzdem, das ist das interessante oder frappierende daran, gibt es ganz wenige vollkommen freie Filmemacher, unabhängig von TV-Sendern, Filmförderungen oder Filmhochschulen, welche auch hoch subventioniert sind, die auf diesem hohen Niveau wie ich produzieren. Jeder kann gegenwärtig einen Film drehen, es kostet nicht mehr so viel Geld und trotzdem schaffen es die Leute nicht, das verstehe ich nicht.

Ein wenig mehr braucht man schon, um oben mitzuspielen.

Sobo Swobodnik: Der Ton wird häufig total vernachlässigt, Ton und der Look eines Films. Das kann den Produktionen zum Teil angesehen oder angehört werden. Die Farbkorrektur während der Postproduktion wird in der Regel vergessen oder selbst gemacht, was jedoch die wenigsten können. Theoretisch kannst du mit dem Computer alles selber machen, aber das siehst du dem dann an. Ich habe einen ganz tollen Color Creator, der kostet normal 1 500 Euro den Tag. Der bearbeitet jedes Bild individuell, das ist unglaublich. Dadurch entsteht ein Look wie wir ihn zum Beispiel in Sexarbeiterin sehen. Der Film hat einen ganz klaren Look, eine ganz klare Ästhetik und das ist mir wichtig, der Inhalt soll eine dementsprechende Form bekommen. Dadurch gewinnst du ein paar Prozent gegenüber den Großproduktionen, mit denen du konkurrierst.

Ein Film wie Sexarbeiterin kostet ca. 200 000 Euro, wenn er normal finanziert werden würde, durch Filmförderung und TV. Uns hat er 10 000 Euro gekostet sowie unendlich viel Arbeit, weil wir uns selbst ausgebeutet und abgesehen von ein paar Externen keinen Cent gesehen haben. Was ich damit sagen will, es ist möglich, solch einen Film mit relativ wenig Geld zu machen und trotzdem gibt es nur ganz, ganz wenige, die erstens ins Kino kommen und zweitens auf den ganzen Festivals laufen.

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Sobo Swobodnik nach der Filmvorführung beim QA im Traum-Kino. Foto: ma

 

Haben Sie den Film auf Festivals eingereicht?

Sobo Swobodnik: Ja, in Leipzig und auf der Berlinale, die wollten ihn beide nicht haben. Bei den kleineren habe ich ihn gar nicht mehr eingereicht. Mein Blick auf die Festivals hat sich eh verändert. Am Anfang war es mir sehr wichtig und die einzige Möglichkeit, meine Filme einem breiten Publikum vorzustellen. Mit Der Pabst ist kein Jeansboy war ich auf der DOK in Leipzig, dort waren die Vorstellungen ausverkauft. Aufmerksamkeit in dieser Form bekamen meine Filme sonst nicht, deswegen fand ich die Festivals interessant. Relativ wichtig war mir ebenso die Reputation Preise abzugreifen, mittlerweile ist es mir eher wichtig, einen Film ins Kino zu bringen oder einfach eine ordentliche Verwertung hinzukriegen.
Ich versuche Kino wieder anders zu denken, einen Film eine Woche zu einer schlechten Zeit laufen lassen bringt nicht so viel, in den gehen dann zehn Leute. Bei solch schwierigen Themen muss der Film begleitet werden, eine Veranstaltung wie heute finde ich super, das wird eine gute Diskussion, das spüre ich. Die Leute gehen mit einem viel größeren Mehrwert aus der Veranstaltung raus. Ich betrachte mich als politischen Filmemacher. Mit solchen Themen kann man wirklich was bewegen. Wie Lena es bereits sagte, an die Vorstellungen der Besucher ein Fragezeichen pinnen. Darin liegt das Reizvolle, das funktioniert nur, wenn man relativ viel Engagement zeigt. Ich glaube dieser Film wird noch seine Zuschauer bekommen, allein auf der Tour haben wir über tausend Zuschauer generiert, was schon super ist. Darüber hinaus gibt es ein großes Interesse bei Veranstaltungen wie zum Beispiel beim Autonomen Feministischen Referat der Uni Oldenburg, bei der Aidshilfe Osnabrück und der Queer AG der interventionistischen Linken Bielefeld – da passiert etwas, dort kann eine Diskussion entfacht werden.

Die Eröffnungssequenz zeigt den Orgasmus einer Kundin. Wollten Sie zu Beginn den buchstäblichen Höhepunkt vorwegnehmen, um gleichzeitig die Spannung abzubauen?

Sobo Swobodnik: Wir haben lange darüber diskutiert, ob wir den Film mit einer solch langen, fast vermessenen Sequenz beginnen lassen, weil es im wahrsten Sinne des Wortes der Höhepunkt ist. Schlussendlich haben wir uns dazu entschieden, um eine klare Ansage zu machen: Freunde, hier geht es um alles, hier geht es um das Wesentliche. Wir haben mit dieser Irritation begonnen, weil der Film von Anfang bis Ende die Vorstellungen über den Begriff der Sexarbeit dekonstruiert, indem er mit den Klischees und Stereotypen, die im Kopf existieren, auf ganz unterschiedliche Weisen bricht.
Die Eröffnungssequenz ist ein Beispiel dafür, die meisten denken vermutlich, dass es sich bei der Frau in der Unschärfe um Lena handelt, weil sie sich nicht vorstellen können, dass Lena ebenso sexuelle Dienstleistungen für Frauen anbietet.

Lena Morgenroth: …und dass Frauen diese tatsächlich auch in Anspruch nehmen.

Sobo Swobodnik: Damit wird das Klischee welches die Menschen im Kopf haben von Beginn an durch die Luft gewirbelt. Denn unsere Vorkenntnisse sind selektiv durch die Boulevardmedien geprägt. Erst später wird aufgelöst, dass eine Frau diese Dienstleistung in Anspruch nimmt. So läuft der ganze Film ab, alles was ihr euch vorstellt und erwartet wird im nächsten Moment wieder gebrochen. Wenn der Film in Kooperation mit dem Fernsehen entstanden wäre, hätte es nie funktioniert die dramaturgische Abfolge so zu verzerren. Der Film hat nicht einmal einen Titel, den haben wir ans Ende gesetzt.

Auf dem Flyer zum Film ist das Wort Sex in Sexarbeiterin groß geschrieben, im Film steht das Privatleben jedoch gleichgestellt der Arbeit gegenüber. Warum diese Schreibweise?

Sobo Swobodnik: Das ist marketingbedingt. Nein, im Film steht er normal in Großbuchstaben. Wir haben das nur auf dem Flyer so gedruckt. Es sind zwei Dinge die nicht zusammenpassen, der Titel an sich ist bereits umstritten. Ich hatte überlegt, ob wir ihn nicht Nutte, Hure oder Schlampe nennen. Doch ihn Sexarbeiterin zu nennen fand ich dann noch provokanter als zum Beispiel Nutte. Zum einen ist es ein selbst gewählter Begriff von Sexarbeiterinnen, zum anderen verleugnen die Gegensprecher die Existenz von Sexarbeit. Eine Arbeit mit Sex ist kein Beruf oder Arbeit. Deswegen haben wir den Titel gewählt, der Titel sagt – es ist anders als ihr es euch vorstellt.

Wie definieren Sie den Begriff Sexarbeit?

Lena Morgenroth: Für mich ist das, was ich in dem Film mache Sex. Es ist darüber hinaus interessant einem Film, in dem kein Schwanz in der Möse landet den Titel Sexarbeiterin zu geben. Ich finde die Vorstellung davon, was Sex ist, ist sehr verengt und heterosexuell geprägt. Wenn ein Schwanz in der Möse landen muss, um Sex zu haben, dann können Frauen miteinander überhaupt keinen Sex haben. Wenn es hingegen Sex ist, einer Frau meine Hand in die Möse zu stecken, dann sollte es auch Sex sein, wenn ich einem Mann meine Hand in den Arsch stecke und er dabei kommt. Für mich ist das auf jeden Fall Sex, was ich da im Film mache.

Sobo Swobodnik: Für mich auch. Sex ist was viel Bandbreitigeres. Ich finde, es ist Sexarbeit, wenn Geld fließt.

Lena Morgenroth: …und Sex muss schon auch passieren.

Sobo Swobodnik: Ja klar, sonst wäre es ja keine Sexarbeit. Aber Sex hat mit diesen bürgerlichen Vorstellungen nicht unbedingt etwas zu tun.

Lena Morgenroth: Ich würde mich ebenso als Tantramasseurin oder manchmal als Domina bezeichnen, aber Sexarbeit ist ein politischer Begriff, den ich sehr bewusst verwende, um zum Beispiel auf die Arbeit hinzuweisen und auch, weil ich denke, dass es ein Begriff ist, der die verschiedenen Tätigkeiten vereinen kann. Die Tantramasseurinnen grenzen sich traditionell gegenüber den Prostituierten ab. Wenn wir sagen, wir veranstalten einen Hurenkongress, da fallen uns die ganzen Dominas, Erotikmasseure, Tantramasseure und Sexualbegleiter raus, weil sie keine Huren sind. Das ist Blödsinn, da wir von den gleichen Gesetzen betroffen sind. Manchmal ist das ein wenig strittig, aber im Großen und Ganzen gelten für uns die gleichen Gesetze, egal ob da Schwänze in die Mösen gleiten oder nicht. Wir sind vom gleichen Stigma betroffen, Leute, die unter Einsatz ihres Körpers mit Sex arbeiten. Wir werden vielleicht im unterschiedlichen Maße komisch angeguckt, weil wir in irgendwelcher Form Sex gegen Geld anbieten. Deswegen haben wir alle mit Konsequenzen zu rechnen, wenn es bekannt wird, dass wir dies in irgendeiner Form praktizieren. Und deswegen finde ich es wichtig, einen Begriff zu haben, unter dem wir uns zusammenfinden können. Sexarbeit ist einer davon, manche sagen lieber Sexdienstleistung oder sexuelle Dienstleistung, in dem Fall steht der Dienstleistungsbegriff im Vordergrund. Wenn sich Leute mit dem Begriff Sex gar nicht anfreunden können wäre eine Option erotische Dienstleistung. Letztendlich ist das ein Feld von Begriffen, die aus der politischen Sexarbeitsbewegung stammen.

Sobo Swobodnik: Ich finde, dass es Arbeit ist. Es ist einfach Arbeit, darum auch die Diskussion um Zwang und nicht Zwang. Teilweise macht man die Arbeit nicht weil sie geil ist oder sie Spaß macht, ebenso wie in anderen Berufen, sondern weil man weiß, das ist mein Beruf, den muss ich machen, damit ich mit meinem VW Passat in den Urlaub nach Italien fahren kann, zum Beispiel.

Wie stehen Sie zu Alice Schwarzer oder Organisationen, die für Sexarbeiterinnen sprechen?

Lena Morgenroth: Die treten mit dem Anspruch an, für Sexarbeiterinnen zu sprechen und zwar für die ungehörte Mehrheit, die sich nicht selber in einem Berufsverband organisieren können. Ihre eigene Darstellung finde ich nicht legitim, schließlich ist die große schweigende Mehrheit nicht zu denen hingegangen und hat gesagt „Leute, nun fordert mal bitte in unserem Namen ein Verbot der Prostitution“. Da hat keine Legitimation stattgefunden. Es ist wahr, eine große Anzahl von Sexarbeiterinnen wird einfach nicht repräsentiert, weil sie sich in den Medien nicht selbst darstellen können. Denn ein Outing hat unheimlich viele Konsequenzen, darüber hinaus haben viele nicht den Nerv, noch politische Arbeit zu machen, wenn sie gucken müssen, wie sie das Mittagessen auf dem Tisch bekommen. Es ist sehr schwierig und ein Problem, für sie Gehör zu finden. Ich finde es fragwürdig, wenn ein paar Frauenverbände hingehen und sagen „wir wissen wie es ihnen geht und was wir für sie fordern müssen“. Wenn man ehrlich ist und diesen Leuten eine Stimme geben möchte, dann muss man denen eine Stimme geben. Durch eine anonymisierte Umfrage zum Beispiel, es ist notwendig, ihr Vertrauen zu gewinnen und danach werden sie schon sagen, was sie brauchen. Sie werden wahrscheinlich nicht sagen, ich brauche dringend eine Kriminalisierung meiner Kunden, sondern werden vermutlich sagen, ich brauch ein Dach übern Kopf, eine Krankenversicherung und außerdem mehr Geld. Denn wenn ich besser verdienen würde, könnte ich mehr Freier wegschicken, die mir nicht passen. Da fehlt die Erdung an die Basis. Sexarbeit ist ein Thema das die feministischen Kreise extrem spaltet. Es gibt parallel viel Unterstützung aus dem feministischen Umfeld, die eine völlig andere Haltung dazu haben, bei der die Selbstbestimmung viel mehr im Vordergrund steht. Wenn wir sie ernst nehmen wollen, dann müssen wir sie auch ernst nehmen, wenn sie Ja zu Sex für Geld sagen.

Sobo Swobodnik: Leute wie Alice Schwarzer sprechen Sexarbeiterinnen diese Fähigkeit ab. Das ist eine Arroganz und Überheblichkeit gegenüber den Sexarbeiterinnen, welche sie mit dem Etikett des Zwangsmissbrauchs und der Traumatisierung versehen. Dass es sich dabei um ein Totschlagargument handelt, erkennen sie nicht.

Lena Morgenroth: Eigentlich gibt es verschiedene Vorstellungen über ein Verbot oder die Kriminalisierung der Kunden in Deutschland. Doch weder in der Bevölkerung noch in der Regierung existiert eine Mehrheit dahingehend. In einer Variante dieses Gesetzentwurfs, ich weiß nicht ob es in der finalen ist, steht, dass die Beamten, die die Registrierung entgegen nehmen, prüfen müssen, ob die Frauen über die ausreichende Einsichtsfähigkeit verfügt, um selber entscheiden zu können, diesen Beruf auszuüben. Da muss ein Beamter in drei Minuten entscheiden, ob ich zurechnungsfähig bin oder nicht. Sowas schreiben die ins Gesetz und denken, es sei eine gute Idee. Vermutlich gibt es Teile in der Regierung, denen das nicht recht ist und die Sexarbeit eindämmen wollen. Ich würde darauf wetten, dass die Hälfte der Leute, die hinter diesem Gesetzesentwurf stehen, tatsächlich der Meinung sind, dass das eine gute Idee ist. Dann frage ich mich, wie muss eine Gesellschaft drauf sein, dass Leute drauf kommen, dass das eine gute Idee ist.

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Lena Morgenroth (z.v.r.) beim QA im Traum-Kino. Foto: ma

 

Erhält man von den Behörden im Gegenzug etwas zurück? Schutz?

Lena Morgenroth: Eigentlich nicht, das Gesetz, welches wir jetzt diskutieren schafft eigentlich nur neue Verpflichtungen und keine neuen Rechte für Sexarbeiterinnen. Die Idee, die sie propagieren ist einfach, Sexarbeiterinnen sind schlecht zu erreichen und nicht gut darüber informiert, wo sie Hilfe erhalten können, wenn sie sie brauchen. Sie wissen nicht, dass sie zum Gesundheitsamt gehen können, um dort medizinische Versorgung zu bekommen oder allgemein Rechte haben. Um diese wichtigen Informationen zu erhalten, müssen alle mindestens einmal zur Registrierung ins Amt. Die Idee ist, man soll dort etwas bekommen, der Witz ist, im gleichen Zuge werden die Beratungsstellen nicht ausgebaut. Ich halte die Idee für total naiv. In einigen Bundesländern gibt es keine Beratungsstellen für Sexarbeiter, teilweise machen das dort die Gesundheitsämter, wobei die nur auf den Gesundheitsbereich fokussiert sind.

Wenn die Frauen sich nicht beim Finanzamt als Prostituierte anmelden, hat der Staat keinen Kontakt zu ihnen und deswegen müssen sie jetzt eine Anmeldepflicht einführen. Können die mal drei Sätze denken, wenn die sich bereits beim Finanzamt nicht melden, dann werden sie sich ebenso wenig bei der Polizei oder Registrierungsbehörde melden! Das wird einfach nicht passieren.

Sobo Swobodnik: Erzähle Ihnen deine Geschichte mit dem Finanzamt, Lena.

Lena Morgenroth: Meine erste berufliche Tätigkeit war die Sexarbeit, davor habe ich studiert und nebenbei angefangen. Als ich dann meine erste Steuererklärung anfertigen musste, hatte ich keine Ahnung, wusste aber das Finanzamt muss Auskunft darüber erteilen, wie sie ausgefüllt wird. Dann habe ich dort angerufen und der Mitarbeiter fragte mich, in welcher Branche ich tätig sei. Nachdem ich ihm sagte, in welcher Branche ich tätig bin, verwies er mich an die Steuerfahndung, er sei nicht der richtige Ansprechpartner dafür. Erst später wurde mir erklärt, die Steuerfahndung hat Außendienstler und viele Sexarbeiter geben keine Steuererklärung ab, sondern führen ihre Steuer nach dem Düsseldorfer Verfahren ab. In dem Fall behält der Bordellbetreiber die Steuer pro Tag pauschal ein, unabhängig davon, wie viel sie verdient. Wenn sie einen Tag arbeitet behält der Bordellbetreiber 20 Euro ein und führt diese ans Finanzamt ab, wenn die Frau keinen einzigen Kunden und somit keine Einnahmen hat, so hat sie trotzdem 20 Euro Steuern bezahlt. Ein sehr fragwürdiges Verfahren, rechtlich auch nicht unumstritten. Die Steuerfahnder besuchen die Bordelle und sammeln dort die Kohle ein, die die Bordellbetreiber von den Sexarbeitern eingezogen haben, häufig werden auch keine Quittungen ausgestellt – sehr fragwürdig. Aus diesem Grund ist die Steuerfahndung dafür zuständig, der Mitarbeiter beim Finanzamt hatte jedoch keine Ahnung, wie die Aussage auf mich wirkt – für Sie ist die Steuerfahndung zuständig! Ich wollte doch eine richtige Steuererklärung ausfüllen und wusste nicht, was dieses eine Feld 73a bedeutet. Nachdem ich sagte in welcher Branche ich arbeite, hat er mir nicht mehr zugehört, das war dann abgehakt für ihn, melden Sie sich bei der Steuerfahndung.

Aber ist es nicht wichtig, den Menschen, die zur Sexarbeit genötigt werden, durch dieses Gesetz zu helfen?

Lena Morgenroth: Zum einen: Nicht alle Frauen die aus Osteuropa kommen wurden mit falschen Versprechungen hierher gelockt. Sehr viele von ihnen haben sich dazu entschieden, sie wissen genau, was sie hier machen werden. Die Vorstellung alle Migrantinnen, die in Deutschland Sexarbeit betreiben wären getäuscht oder gezwungen worden ist nicht wahr. Außerdem impliziert es einen rassistischen Unterton, die Roma-Frauen können sich nicht selbstbestimmt entscheiden, aber die deutschen, die können das. Punkt zwei: Natürlich gibt es viele, die Unterstützung brauchen. Ich glaube, die Beratungsstellen würden besser angenommen, wenn die Arbeit statt von staatlichen Stellen von NGOs übernommen wird, die meine Daten nicht an die Polizei oder das Finanzamt weitergeben, und wenn sie anonyme Beratungen anbieten, Vertrauen aufbauen und in der Sprache der Sexarbeiterinnen mit ihnen sprechen können. In Städten in denen Begegnungsorte vorhanden sind, finden diese guten Zuspruch. Die Sexarbeiter in den entsprechenden Städten wissen um diese Stellen und nehmen sie wahr, teilweise werden sie sogar überrannt. In anderen Städten leiden die Gesundheitsämter unter Personalengpässen, weil sie der Nachfrage nicht gerecht und ebenso überrannt werden.
Es ist wichtig, dass Hilfsangebote verfügbar sind, diese jedoch im besten Fall von NGOs angeboten werden, da sehr viele der Sexarbeiterinnen skeptisch gegenüber dem Staat sind. Sie erleben den Staat in Razzien, man baut kein Vertrauen auf, wenn zwanzig Mann mit Gewehren in die Bude rennen und die Leute halb nackt aus ihren Zimmern rausholen. In ihren Heimatländern haben sie bereits schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht und hier geht es weiter. Diejenigen, die zum Beispiel aus Rumänien stammen, wo Sexarbeit ein Straftatbestand ist und die Polizei eventuell nicht so zuverlässig wie in Deutschland arbeitet. Stichwort Korruption.

Die Ausbeutung von Sexarbeitern stellt also eher eine Ausnahme dar?

Lena Morgenroth: Ich möchte keine Zahlen nennen.

Sobo Swobodnik: Wir haben mit den Mitarbeitern der Beratungsstellen gesprochen, die konkret mit diesen Fällen zu tun haben, es besteht ein Unterschied zu der Sexarbeit, die Lena ausübt. Sie geht nicht zur Beratungsstelle, weil sie keinen Bedarf hat. Zu den Beratungsstellen gehen nur die, die akut beratungsbedürftig sind. Dadurch entsteht eine verzerrte Wahrnehmung bei den Beratungsstellen. Es gibt Zwangsprostitution, das ist ein Straftatbestand, welcher zu ahnden ist! Aber viele Menschen aus Rumänien oder Bulgarien kommen freiwillig hierher, weil sie zum einen die Arbeit dort nicht ausüben dürfen und zum anderen aufgrund der Armutssituation. Die machen das nicht zum Vergnügen, sondern damit sie hier Geld verdienen und ihre Familie in Rumänien finanzieren können. Ähnlich wie in der fleischverarbeitenden Industrie oder auf dem Bau – die machen das auch nicht, weil sie es so geil finden, deutsche Häuser zu bauen oder deutsche Schweine auseinander zu nehmen, sondern weil sie der Armut in ihren Heimatländern entfliehen können. Diese Aussage stammt von den Beratungsstellen, nicht von mir. Mit Zahlen und Statistiken muss man ganz vorsichtig sein, Alice Schwarzer sagt 99,99 Prozent der Frauen werden zur Sexarbeit gezwungen. Es ist kein Mensch, der sie nötigt, es ist eine Situation, wie will man die Armut in Rumänien zu Rechenschaft ziehen?

Lena Morgenroth: Es gibt eine Polizeistatistik über Menschenhandel, die führt so ein paar hundert Fälle jedes Jahr. Darin ist die Dunkelziffern jedoch nicht inbegriffen. Um einen Blick für die Größenordnung zu bekommen: Es werden vermutlich mehr als die 600 Fälle sein.

Sobo Swobodnik: Das bestimmende Bild der Öffentlichkeit sieht die Sexarbeit durchsetzt von Zwangsprostitution, Zuhältern und Kriminalität. Das mag es alles geben, aber so wie ich es über die zwei Jahre wahrgenommen und viele Sexarbeiterinnen kennengelernt habe und weiterhin kennenlerne, ist es anders. Wir haben eine 55-jährige Regensburgerin kennengelernt, mit vier Kindern, die verheiratet war und ein ganz normales Leben führt und jetzt zur Sexarbeit gewechselt hat. Sie ist eine richtig bodenständige Bayerin, die ihren Beruf freiwillig und selbstbestimmt ausgewählt hat. In solchen Fällen ist es zu tolerieren. Dennoch gibt es keinen anderen Beruf, der so stark stigmatisiert wird, obgleich die Dienstleistung von hunderttausend Menschen, vor allem Männern, wahrgenommen wird. Das ist ein Armutszeugnis des 21. Jahrhunderts.

Lena Morgenroth: Es regt mich immer wieder auf, die Erfahrung zu machen, wie festgefahren manche Ideen sind, egal was ich dazu sage. Fachleute, die zu dem Gebiert forschen oder Sexarbeiter beraten, werden in der öffentlichen Debatte überhaupt nicht wahrgenommen. Selbst die Beratungsstellen für Opfer von Menschenhandel, welche sich um die wirklich getäuschten, gezwungenen und gewalterfahrenen Menschen kümmern, finden die neue Gesetzgebung scheiße und haben sich gegen viele der Punkte ausgesprochen. Zu den Anhörungen der Bundesregierung werden die Beratungsstellen noch zugezogen, aber in den Medien spielen sie keine Rolle.

Dann nervt mich noch, dass die Probleme der Branche sehr stark auf die Zwangsprostitution und Menschenhandel beschränkt werden. Wobei die Probleme die sich auf den Menschenhandel beziehen mit Strafverfolgung gar nicht zu handhaben sind, zum Beispiel, dass sie nicht krankenversichert sind und ergo keine medizinische Versorgung erhalten, obwohl sie hier arbeiten. Sie haben einen Anspruch darauf, aber die Krankenversicherungen wollen erst einmal versuchen, dies zu verwehren. Es sind schließlich Ausländer und vielleicht wissen sie nicht, dass sie einen Rechtsanspruch darauf haben. Ein Aufgabenbereich, den die Beratungsstellen übernehmen, ist es, mit denen zum Jobcenter und zur Krankenversicherung zu gehen, um dort zu helfen, ihren Rechtsanspruch einzuklagen, welcher ihnen aufgrund ihrer Herkunft erst einmal nicht gewährt wird.

Sobo Swobodnik: Die Fachleute und Wissenschaftler aus dem entsprechenden Bereich finden den Film großartig, das fand ich interessant. Die DVD soll darüber hinaus über Bonusmaterial verfügen, in welchem eine Diskussionsrunde mit Fachleuten und Wissenschaftlern, die über Prostitution geforscht haben, wie zum Beispiel Jenny Künkel, gezeigt wird. Sie hat in Berlin und Hamburg untersucht, wie Städte von Prostitution gereinigt werden, weil Starbucks an dem Standort eine Filiale eröffnen möchte. Eine sehr interessante Studie. Dann hat die Bundesregierung ein Modellprojekt zum Ausstieg aus der Prostitution gefördert, diese Teilnehmer sind begleitet worden und die Ergebnisse zum Thema Stigma sind frappierend.

 

DER ALBRECHT dankt herzlich Sobo Swobodnik, Lena Morgenroth, Andreas Steffens und dem Traum-Kino für das Interview. Das Interview führte Marc Asmuß.

Bildquelle Titelbild: Partisan Filmverleih

Autor*in

Marc studierte Politik, Soziologie und Medienwissenschaft in Kiel. Für den ALBRECHT schreibt er seit 2015 insbesondere für das Kulturressort und dessen Filmsparte KinoKatze.

Marc Asmuß
Über Marc Asmuß 44 Artikel
Marc studierte Politik, Soziologie und Medienwissenschaft in Kiel. Für den ALBRECHT schreibt er seit 2015 insbesondere für das Kulturressort und dessen Filmsparte KinoKatze.

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