Shotgun, Friska!

Joakim Sveningsson, Markus Bergqvist und Daniel Johansson heizten mit ihren restlichen Bandkollegen der Kieler Pumpe ordentlich ein

Friska Viljor – ein Bandname, der zwar immer noch vieler Orts fragende Blicke auf sich zieht, doch die am 30. Oktober 2015 mit Menschen gefüllte Kieler Pumpe bewies, dass die Schweden-Combo schon längst kein unbekannter Musikerzusammenschluss mehr ist. Volles Haus zum Tourauftakt der Band, die sich in einem nächtlichen Kneipentreffen im Jahre 2005 um die zwei Freunde Joakim Sveningsson und Daniel Johansson bildete. Seit diesem, der Legende nach mit Alkohol getränkten, Abend und der Deklarierung neugewonnener Freiheit im Beginn des Musikerdaseins, haben Friska Viljor bereits sechs Indie-Rock-Alben veröffentlicht. Die neueste, im Mai dieses Jahres veröffentlichte LP trägt den Titel My Name is Friska Viljor und das Abbild eines Beagles auf dem Cover. Mit seinen treuen Hundeaugen blickte dieser Beagle auch von großen Transparenten auf die in freudiger Erwartung verweilenden Konzertbesuchenden hinunter. Doch bevor die Schweden die Bühne betraten, machte die kanadische Singer-Songwriterin Mo Kenney den Auftakt des Abends zu einem ersten kleinen Highlight. Fesselnde Bühnenpräsenz und schieres musikalisches Können plädieren für das Fanwerden von dieser Künstlerin.

Nachdem Kenney die Bühne verließ, wurden die Nerven der eifrig Wartenden noch etwas auf die Folter gespannt, doch der Moment des Jubelgeschreis kam: Die schwedischen Götter in Weiß und Skinny Jeans betraten die Bühne. Die fünf Freunde begannen – wie sollte es anders sein – mit We are happy now (La La La), der flotteren Version von Shotgun Sister, dem absoluten Publikumsliebling und Friska Klassiker, und sorgten somit schon ganz zu Anfang für Ekstase im Publikum. Den ganzen Konzertabend über wirbelten viel blondes Haar und in Weiß gehüllte, lange dünne Beine über die Bühne und körperliche Extremitäten durchs Publikum. Es herrschte ausgelassenste Stimmung – kein Wunder, bei der guten Laune, die Friska Viljor in ihren Liedern versprühen. Die Highlights eines jeden Albums waren dabei stets halbwegs bis sehr textsicher vom Publikum begleitet. „Kindermusik mit erwachsenen Texten“, so bezeichnete Sänger Joakim Sveningsson einmal den Musikstil seiner Jungs. Richtig so, denn eins der Aushängeschilder Friskas ist sicherlich der Gebrauch von vielen „Lalalas“ und „Ooohs“, wodurch sich ihre Songs so zum Mitschmettern eignen und unfassbare Lebens- uns Spielfreude vermitteln. Wer die Freude hatte, schon auf einem Konzert der Band gewesen zu sein, kann diese ausgelassene, kindliche Attitüde auch mit ihrer Bühnenshow bestätigen. Es wurde auch dieses Mal viel gelacht und gescherzt, Bier getrunken und verführerische Blicke zugeworfen. Das hat besonders Joakim perfektioniert. Immer wieder schaute er Augen aufreißend ins Publikum und gab den im dunklen Konzertsaal abgehenden Menschen somit das Gefühl, gerade einen persönlichen Seelenbund mit ihm einzugehen.

Joakim Sveningsson, Sänger und Gitarrist der Band Friska Viljors, auf Flirtkurs mit dem Publikum
Joakim Sveningsson, Sänger und Gitarrist der Band Friska Viljor, auf Flirtkurs mit dem Publikum

 

Jeder der Schweden ist allerdings auch unweigerlich eine Erscheinung für sich. Während Sänger und Gitarrist Daniel die schon erwähnte einheitlich weiße Kleidung bis in die letzte Faser durchschwitzte, stand Joakim noch immer im Jackett und mit Ballonmütze auf dem Kopf sich fröhlich hin und her wiegend vor seinem Mikrofonständer. Keyboarder Emil Nilsson strahlte das ganze Konzert hinweg über eine derart freundliche Ruhe aus, dass man sich dem Bann seines Angesichts kaum entziehen konnte, während Schlagzeuger Markus Bergqvist das Publikum mit Fistpumps und Klatsch-Aufrufen anheizte. Bassist Mattias Areskog hüpfte dagegen über die Bühne und rastete musikalisch und körperlich völlig aus. Der Funke sprang über und das Publikum tat es ihm gleich.

Nach einer Weile kündigte Joakim an, sie würden jetzt die Bühne verlassen und die Crowd könne mit ihrem Applaus entscheiden, ob dies ein kurzes oder langes Konzert würde. Natürlich wurde es ein langes. Es ging weiter mit einigen experimentierfreudigeren Songs, etwas elektronischer als gewohnt. „This is what young people do nowadays“, erklärte Joakim mit einem Grinsen. Friska Viljor breiteten jedoch den Abend über ihr gesamtes Repertoire so großzügig aus, dass von ruhigeren Songs über Synthie bis hin zur fulminanten Indie-Rock-Ekstase alles dabei war. Daniel packte zwischendurch seine Trompete aus und Joakim trat versehentlich die gerade neu angeschaffte, natürlich in Hochglanz-Weiß glänzende Mandoline von ihrem Ständer. „She’s okay“, teilte er dem Publikum erleichtert mit.

Friska Viljors Leichtigkeit ist in Songs und Bühnenshow zu fühlen
Friska Viljors Leichtigkeit ist in Songs und Bühnenshow zu fühlen

 

Nach einer gefühlten, jedoch viel zu kurzen Ewigkeit im glückseligen Konzerttraumland verabschiedeten sich die Jungs von der Bühne. Allerdings hatten sie angesichts des völlig durchdrehenden Publikums keine andere Wahl, als noch einmal die Instrumente in die Hand zu nehmen. Joakim tauchte dabei theatralisch aus dem Bühnennebel auf und feierte sein mysteriöses Erscheinen selbst so extrem, dass er diesen nebligen Schachzug noch einmal durchführte, bevor er erneut das Spielen begann. Nach der großzügigen Zugabe schien das Publikum nicht glücklicher sein zu können, was es, als Friska Viljor scheinbar endgültig die Bühne verließen, in seinem erneuten andauernden Applaus, Jubelrufen und positivem Pfeifkonzert zum Ausdruck brachte. Doch da die fangemachte Geräuschkulisse einfach nicht abklingen wollte, geschah, was den Konzertsaal zum Überkochen brachte: Joakim und Daniel betraten ein weiteres Mal die Bühne und verabschiedeten sich mit einem erneuten Shotgun Sister, dieses Mal in der Akustikversion, begleitet von einem Chor aus „hands in the air wavenden“ Fans, die noch glücklicher nicht hätten gemacht werden können. Joakim bedankte sich herzlich für diesen so emotional gefeierten Tourauftakt und das großartige Konzert.

Während einige an der Bar der Pumpe noch in musikalischer Erinnerung an das eben Erlebte schwelgten, waren auf den Straßen rund um das Kieler Kulturzentrum immer wieder „Shotgun Sister“ und „Lalala“ Gesänge zu hören, in die Nacht hinaus klingend, verursacht von kleinen Menschengruppen, die sich mit unendlicher schwedischer Glückseligkeit auf den Nachhauseweg machten.
Noch bis Mitte November ziehen Friska Viljor durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Wer sich ein solches Konzerterlebnis nicht entgehen lassen will, sollte sich schnellsten an die Ticketschalter begeben.

 

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Leona Sedlaczek
Über Leona Sedlaczek 69 Artikel
Leona ist seit Juni 2014 Teil der Redaktion und war von Dezember 2014 bis Februar 2017 Chefredakteurin der Print-Ausgabe des ALBRECHT. Anschließend leitete sie die Online-Redaktion bis Mitte 2018. Leona studiert Englisch und Französisch an der CAU, schreibt für verschiedene Ressorts der Zeitung und kritisiert Land, Leute, Uni und den Status Quo ebenso gerne wie Platten.

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