Spielzeug auf den Gräbern

Kinder-, Tier- und Seefriedhof: Orte der Erinnerung in Kiel

Ein kleiner Gummiknochen liegt neben einem abgespielt aussehenden Fußball und einem silbern glänzenden Metall-Napf. Auf der Erde steht ein hölzernes Kreuz – selbstgebastelt mit dem Namen eines Tieres, daneben ein Foto. Dieses und circa 50 weitere Gräber finden sich auf dem Tierfriedhof in Kiel-Russee. Da in Schleswig-Holstein die Erd- und Feuerbestattung neben der Seebestattung erlaubte Bestattungsarten sind, können die Haustiere dort in Sarg oder Urne bestattet werden. Eine Beerdigung ohne Sarg ist aus Gründen des Gesundheits- und Umweltschutzes nicht erlaubt.

Haustiere sind häufig treue Begleiter des Menschen. Sie können für ihren Besitzer Freund oder Familie sein und so trifft ihr Tod die Menschen oft genauso hart wie der eines geliebten Menschen. Obwohl die meisten der heute existierenden Tierfriedhöfe in den vergangenen 20 Jahren entstanden sind, reicht die Tradition bis in die Anfänge der Menschheit zurück. In Palästina und dem Alten Ägypten gab es bereits 1200 v.Chr. Gräber für die Freunde des Menschen. Zur Zeit der Völkerwanderung wurden verstorbene Fürsten zum Teil mit ihrem Pferd oder Hund gemeinsam unter die Erde gebracht.

Wie in früheren Zeiten unterliegen Tiere heute immer noch keiner Bestattungspflicht. Sie können jedoch auf Wunsch des Besitzers auf einem Tierfriedhof beerdigt werden. Die Nutzungszeiten und Preise variieren je nach Größe und Gewicht des Tieres von drei bis zehn Jahren und 39 bis 261 Euro für ein Einzelgrab oder 19 bis 183 Euro für einen Platz in einem Gemeinschaftsgrab. Diese Gemeinschaftsgräber sind von den Tierbesitzern ganz unterschiedlich geschmückt. Fotos, Steine mit Sprüchen oder das Lieblingsspielzeug des Haustieres sind unter den Säulen mit den Namen zu finden.

Spielzeuge sind auch auf den Gräbern von Kinderfriedhöfen zu finden, wie beispielsweise auf dem Nordfriedhof. Der metallene Eingangstorbogen ist mit einem Teddybären, einem Ball, einer Eisenbahn und einem Brummkreisel geschmückt. Obwohl er mitten im Areal des Nordfriedhofs liegt, ist der Ort der letzten Ruhe für Kinder sehr versteckt. Die knapp 30 kleinen Gräber sind zumeist sehr gepflegt und liebevoll dekoriert. Neben den Grabsteinen sind viele kleine Engelsfiguren zu finden. Rot, gelb, blau und grün leuchtend drehen sich Windspiele und Windmühlen. Heidepflanze, Buchsbaum oder Rhododendron stehen auf dem Grab neben einer Teddyfigur oder einem Spielzeugauto. Von den Bäumen hängen eine Fähnchen-Girlande, Dekoschmetterlinge und Glücksbringer. Den Grabsteinen ist zu entnehmen, dass die beerdigten Kinder unterschiedlich alt wurden. Gerade Tot- und Fehlgeburten sind rechtlich ein schwieriger Fall. In Schleswig-Holstein gilt als Totgeborenes laut Landesgesetz „ein totgeborenes oder in der Geburt verstorbenes Kind mit einem Gewicht von mindestens 500 Gramm, bei dem sich nach vollständigem Verlassen des Mutterleibes kein Lebenszeichen (Herzschlag, natürliche Lungenatmung oder pulsierende Nabelschnur) gezeigt hat“. Auch Föten aus Schwangerschaftsabbrüchen gelten ab 500 Gramm als Totgeborene. Bei ihnen greift die Bestattungspflicht, die in Paragraph 13 des Landesgesetzes geregelt ist.

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Die Gräber auf dem Kinderfriedhof werden von trauernden Eltern liebevoll dekoriert.

Föten, die dieses Mindestgewicht nicht erfüllen, gelten als Fehlgeburten. Sie bekommen nur eine Grabstätte, wenn die Eltern dies wünschen und es ärztlich bescheinigt wird. Ansonsten besteht die Möglichkeit, sie mit dem medizinischen Abfall entsorgen zu lassen. Kinder unter 500 Gramm, die ‚Sternenkinder‘, können in Kiel auf dem Kindergrabfeld Eichhof beerdigt werden. Dort können Eltern in Ruhe Abschied von ihren viel zu früh gegangenen Kindern nehmen.

Etwas schwieriger gestaltet sich ein Grabbesuch bei der Seebestattung. An die Begräbnisstätten im Wasser kommen die Hinterbliebenen nur mit dem Schiff. In Kiel ist eine Seebestattung möglich. Von Strande aus können die Angehörigen den letzten Weg der Verstorbenen begleiten. Mit der MS Mira geht es knapp zwei Stunden raus aufs Meer, da die Beisetzungsorte mindestens drei Seemeilen von der Küste entfernt liegen sollen. Die zwei Begräbnisstätten an der Kieler Küste sind der Stoller Grund und die Kieler Tiefe . Der Bestatter kümmert sich um eine seegerechte Urne. Laut schleswig-holsteinischem Gesetz muss sie wasserlöslich und biologisch abbaubar sein. Außerdem muss die Urne mit Sand oder Kies so beschwert werden, dass sie nicht wieder auftauchen kann. Metallteile an der Urne oder den Trauergestecken sind verboten. Letztere müssen sich mit der Zeit zersetzen und sollen nach Möglichkeit nicht länger auf dem Wasser schwimmen.

Bei der Fahrt aufs Meer kann die Urne geschmückt und neben Bildern und anderen Erinnerungsgegenständen an Deck aufgebaut sein. Währenddessen haben die Angehörigen Zeit, auf ihre Weise zu trauern. An der Beerdigungsstelle angekommen wird die Schiffsglocke geläutet und die Beerdigungszeremonie beginnt. Diese kann mit Musik, Trauerredner oder ganz schlicht erfolgen. Der Kapitän trägt die Urne zum Heck, stellt sie an der Reling auf und hält eine Rede. Die Freunde und Angehörigen können sich verabschieden, bevor die Urne ins Wasser gelassen wird. Bei einer abschließenden Runde besteht die Möglichkeit, Blumen, Blütenblätter, Steine oder Gestecke ins Wasser zu werfen. Ein dreimaliges Hupen des Schiffes wünscht dem Verstorbenen eine gute Reise, dreht um und fährt in den Hafen zurück. Wollen die Angehörigen später noch einmal an diese Stelle fahren, ist ihnen das bei wenigen Gelegenheiten, zum Beispiel den jährlichen Gedenkfahrten oder der Buchung einer Erinnerungsfahrt möglich.

In Kiel gibt es zahlreiche Orte, an denen man innehalten kann, um an Menschen oder Tiere, die einem etwas bedeutet haben zu denken.

 ( Foto: alo )

 

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Anna Lisa ist seit dem Herbst 2010 als Redakteurin beim Albrecht tätig. Sie schreibt besonders gern Opernkritiken und Theaterrezensionen und leitete mehrere Jahre das Kulturressort. Der kulturelle Schwerpunkt begründet sich im Studium der Fächer Deutsch und Europäische Ethnologie/ Volkskunde.

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Anna Lisa ist seit dem Herbst 2010 als Redakteurin beim Albrecht tätig. Sie schreibt besonders gern Opernkritiken und Theaterrezensionen und leitete mehrere Jahre das Kulturressort. Der kulturelle Schwerpunkt begründet sich im Studium der Fächer Deutsch und Europäische Ethnologie/ Volkskunde.

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