Sport, Sport, Sport!

Es wird wieder Sommer. Während die Sonnenstrahlen üble Wintergedanken zerstreuen und bisher versteckte Körperflächen bescheinen, fällt ihr Licht auch auf die Laufschuhe, die sich erfolgreich im fahlen Licht des grauen Kieler Frühlings in die Ecke verdrücken konnten.
So drängt sich, mit steigenden Temperaturen und fallenden Hüllen, nach und nach ein unliebsames Thema unvermeidlich in den Vordergrund: der Sport. Konnte man sich bisher auf glitschige Straßen, die geschlossenen Freibäder oder penetranten Nieselregen berufen, bringen einen die Schönwetterwolken in kreative Bedrängnis, wenn es um das Meiden sportlicher Aktivitäten geht. Zunehmend scheint man Stellung beziehen zu müssen: Sport oder kein Sport.
Doch während Minuten des inneren Kampfes im Für und Wider vor den Laufschuhen verstreichen, wirken im Hintergrund ganz andere Kräfte. Sehen wir der Realität ins Auge.
Die Gesellschaft ist sich einig: Während es Mark um elf im Bett mit Schlaf in den Augen offenkundig an Selbstkontrolle mangelt, hat Marie in alter CEO-Manier um sieben mit den Sportschuhen in der Hand ihr Leben unter Kontrolle. Die Medizin ist sich einig: Sport, am besten täglich, reduziert das Risiko für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hält geistig und körperlich fit, vom Körpergewicht ganz zu schweigen. Und auch die Mütter schließen sich nickend an, wenn sie beruhigt feststellen, dass der Sprössling neben dem ganzen Studienstress auch noch einen gelungenen sportlichen Ausgleich gefunden hat.
Die Zauberformel auf der ewigen Suche nach Glück und Gesundheit scheint so schnell abgeleitet. Aus „Wer Sport treibt, ist erfolgreich, schlank und ausgeglichen“ wird „Mache Sport, um all das zu werden“.
So wird auch die Freizeit zur Arbeit und der Sport überladen mit Erwartungen, die er auf diese Art und Weise nicht erfüllen kann. Viel zu häufig geht es bei der Entscheidung, die Schuhe überzuziehen oder stehen zu lassen weniger um das Körpergefühl, die Freude an der Verausgabung oder an der Natur: Vielmehr dreht sich alles um den Sommerkörper, den dringend nötigen Ausgleich von der überbordenden Arbeit oder eben darum, den drohenden Herzinfarkt doch noch zu verhindern.
Der Sport selbst rückt dabei in den Hintergrund und verkommt zu einem lästigen Mittel zum Zweck. Kaum verwunderlich, würde die Bikini-Figur oder der Astralkörper statt auf der Schlackenbahn erkämpft, doch viel lieber an der Supermarktkasse mitgenommen werden.
Solange Sätze mit: „Ich müsste eigentlich noch“ begonnen und mit „einfach nicht mehr geschafft“ beendet werden, überrascht es wenig, dass sich auch nach der vierten Runde um den Schrevenpark neben Kaltschweiß und Seitenstichen keine neuen körperlichen Horizonte eröffnen, der nächste Anlauf nicht weniger Überwindung kostet.
Ein neues Verhältnis zum Sport muss her. Nur befreit von dieser Zweckmäßigkeit kann er seinen Sinn wieder in sich selbst finden: dem Spaß an der Bewegung, der Freude am Spiel und Wettkampf oder der Ästhetik körperlicher Leistung. Was es dazu braucht, ist eine wirkliche Wahlmöglichkeit, die uns nicht durch noch detailliertere Forschung oder günstigere Fitnessstudios gegeben werden kann. Vielleicht braucht es dazu weniger gute Argumente für den Sport, sondern mehr solche dagegen.

Titelbild: Nick Harris (flickr)

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Über Hauke Wilcken 6 Artikel
Hauke studiert Humanmedizin an der CAU und ist seit Juni 2016 Teil der Redaktion.

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