SPOTLIGHT – Filmkritik

„If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse one.” Dieser Satz spiegelt die Kernaussage der erzählten Geschichte in Spotlight wider, die auf wahren Begebenheiten basiert. Im Jahr 2001 erhält die Tageszeitung The Boston Globe einen neuen Chefredakteur, Marty Baron (Liev Schreiber). An diesem Punkt beginnt McCarthys Film über die kleine investigative Redaktion vom The Boston Globe die titelgebend für die Verfilmung Spotlight ist. Erzählt wird, wie die mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnete Arbeit der vier Spotlight-Redakteure, die sexuelle Misshandlung von 70 Kindern durch Priester in Boston sowie die systematische Vertuschung der Ereignisse durch die Kirche aufdecken. Infolge dieses Artikels meldeten sich weitere Opfer beim Boston Globe, sodass allein in Boston über 1000 Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester bekannt wurden.

The Boston Globe ist eine Institution – gegründet von Bostoner Geschäftsleuten wurde die Zeitung lange Zeit von Privatunternehmen verlegt. Nach einem Börsengang 1973 wurde The Boston Globe 1993 von der New York Times übernommen. Die Mitarbeiter der Chefetage sind alte Hasen des Zeitungsjournalismus, geboren und aufgewachsen in Boston und dementsprechend vernetzt sowie integriert. Die Printmedien befindet sich an einem Wendepunkt des Informationszeitalters. Das wird einerseits durch den neuen Chefredakteur deutlich, der nicht aus Boston stammt, die Übernahme kleinerer Zeitungen durch globale Medienunternehmen, sowie die Vernetzung durch das World Wide Web.

Fünfzehn Jahre nach den Ereignissen liest sich der Film verstärkt als Hommage an den Zeitungsjournalismus und an jene Zeit, als eine lokale Zeitung über die Macht und das Vertrauen der Leser verfügte, welche sie durch gut recherchierten investigativen Journalismus über Jahrzehnte hinweg gewonnen haben. In dramatisch montierten Sequenzen entwickelt sich die Recherche der vier Spotlight-Redakteure zu einem Thriller. Es werden papierene, digitale sowie auf Mikrofilm gespeicherte Archive durchsucht, Zeugen, Anwälte sowie potentielle Täter ausfindig gemacht. In zum Teil extremer Aufsicht verfolgt die Kamera, wie Mitarbeiter des Archivs Artikel aus Bergen von Akten, in, durch die Großaufnahme unendlich wirkende, Karteikästen und Mikrofilmen suchen. Bis die Hauspost die Akten zur Spotlight-Redaktion geliefert hat, bleibt der Fokus überwiegend auf den Zeitungsschnipseln, Ausdrucken und Ordnern. Darüber hinaus werden bestimmte Stereotypen des Journalismus bedient, die einen nicht überraschen, sondern erwartet werden. Das Privatleben der Protagonisten leidet unter dem hohen Arbeitspensum, welches sie sich selbst auferlegen (Mike lebt mit einer Frau zusammen, die jedoch nie zu sehen ist, selbst wenn er von Zuhause arbeitet), wenn etwas gegessen wird, dann ist es Fast Food und Unterhaltungen werden gerne auf dem Weg von Punkt A zu Punkt B geführt. Zeit ist ein kostbarer Faktor, ebenso wie eine Diskrete aber sorgfältige Recherche. Arbeiten sie zu offensiv, werden andere Zeitungen auf die Story aufmerksam. Die Erzählgeschwindigkeit nimmt in nur wenigen Sequenzen ab, zum Beispiel wenn Mike einen Erwachsenen Mann zu seinen Misshandlungsfällen in der Kindheit befragt. Mikes Notizblock verschwindet währenddessen unter dem hohen Tisch, damit niemand auch nur einen kurzen Blick auf ihn werfen könnte. In besonders bedeutsamen Gesprächen wie diesem, beugen sich die Figuren auffällig häufig nach vorne, um noch konzentrierter zuzuhören.

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Die Konstruktion des Filmraums setzt McCarthy nicht besonders subtil ein. Jeder soll die Metaphern und Motive erkennen, wenn die Kamera die Protagonisten mehrmals von der Großraumredaktion über Treppen und Korridore bis zum kleinen Spotlight-Kellerbüro begleitet, in dem sie vom Rest der Redaktion und der Außenwelt abgeschirmt wirken. Dort arbeiten Ressortleiter Walter Robinson (Michael Keaton) zusammen mit Mike Rezendes (Mark Ruffalo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und Matt Carroll (Brian d’Arcy James) an den Nachforschungen, die in der Regel mehrere Monate andauern. Kellerräumen werden im Verlauf per se noch wichtige Funktionen zukommen. Darüber hinaus zieren in vielen der Außenaufnahmen Kirchen den Hintergrund, die die Allgegenwärtigkeit der Kirche nicht vergessen lassen.

Auch wenn die Sympathien klar verteilt sind, gibt es nicht die Guten oder die Bösen. Tom McCarthy und Josh Singer haben allen Positionen positive sowie negative Attribute zugeschrieben. Die Redakteure und Anwälte werden nicht als Helden und die Priester nicht durchweg als Täter inszeniert. Das anfängliche Zitat kann stellvertretend als Aussage der Verfilmung gelesen werden. Es handelt sich dabei nicht um Einzelfälle, sondern um ein über Jahrzehnte entstandenes komplexes Netz in das viele Institutionen verstrickt sind. Daher bedarf es einer Figur die von außen kommt, um den Prozess zu initiieren. In diesem Fall nimmt Chefredakteur Marty Baron diese Funktion ein.

Die verfestigten Institutionen und vernetzen Strukturen der Figuren sowie der tolle Cast tragen dazu bei, dass der Film bei der zweiten Sichtung noch mehr Vergnügen bereitet, da Details neu interpretiert werden können. Davon abgesehen, dass Mark Ruffalo beim Schauspielen zuzusehen generell Spaß macht, ist seine Leistung in dieser Rolle darüber hinaus beeindruckend. Spotlight ist ein gut adaptiertes Biopic, welches hier und da den Hollywoodeinfluss nicht verleugnen kann. Diese Sequenzen treten jedoch nicht allzu häufig auf.

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Quelle: Paramount Pictures

FAZIT

Spotlight ist ein positives Beispiel für die Adaption eines Biopics. Josh Singer und Tom McCarthy haben versucht die Figuren in 128 Minuten Laufzeit so vielschichtig wie möglich darzustellt. In ein, zwei Sequenzen übertreibt McCarthy es mit der Dramatik, um einen kleinen Spannungsbogen aufzubauen, ansonsten ist das Drehbuch gut geschrieben. Die Redakteure sind keine Helden und nicht alle Priester sind Täter. Die Bilder von Kameramann Masanobu Takayanagi (Black Mass, Out of the Furnace) fangen die Stimmung der Situation gut ein. Doch am besten ist die schauspielerische Leistung von Mark Ruffalo, Rachel McAdams und Liev Schreiber.


WERTUNG: 8,5 Kinokatzenpunkte


Spotlight
Tom McCarthy; USA 2015
Cast: Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery

Filmstart: 25. Februar 2016
Zu sehen im Studio Filmtheater am Dreiecksplatz und CinemaxX Kiel

Quelle Titelbild: Paramount Pictures

Autor*in

Marc studierte Politik, Soziologie und Medienwissenschaft in Kiel. Für den ALBRECHT schreibt er seit 2015 insbesondere für das Kulturressort und dessen Filmsparte KinoKatze.

Marc Asmuß
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