Studentenansturm verursacht Wohnungsnot in Kiel

Da denkt sich der Student, er hätte die schwierigste Hürde genommen und es mit seinem Abi- Schnitt in einen ganz erträglichen Studiengang an die Uni geschafft, doch dann hapert es ausgerechnet an einer passenden Unterkunft. Viele Studienanfänger hatten in den vergangenen Wochen und Monaten große Probleme, in Kiel ein WG-Zimmer oder einen Wohnheimplatz zu finden. Denn in Kiel findet ein Ansturm von jungen Menschen auf die Studienplätze der CAU statt. Zum Wintersemester 2011/2012 erwartet die CAU etwa 5 000 Erstsemester. Das bedeutet einen Zuwachs von 500 Studierenden im Vergleich zum Vorjahr.

Dafür gibt es mehrere entscheidende Gründe: Zum einen tragen die geburtenstarken Jahrgänge bis 1990 zum Anstieg der Zahl der Studienanfänger bei. Zum anderen machen durch die verkürzte Gymnasialausbildung in vielen Bundesländern gleich zwei Jahrgänge zeitgleich Abitur, deren Studenten dann auch nach Schleswig-Holstein strömen. Im Jahr 2011 entlassen die einwohnerstarken Bundesländer Niedersachsen und Bayern doppelte Abiturjahrgänge. Das Schlimmste steht den Unis allerdings erst noch bevor: 2012 erfolgt in Brandenburg, Baden- Württemberg, Berlin und Bremen die Umstellung. 2013 ist unter anderem das Land mit den meisten Schülern dran: Nordrhein- Westfalen.

Zudem kommt in diesem Jahr in allen Bundesländern noch das Aussetzen der Wehrpflicht hinzu. Die Hochschulrektorenkonferenz schätzt deshalb, dass allein dadurch 30 000 bis 40 000 Studienanfänger zusätzlich an die Universitäten strömen werden. Die Unis sehen sich deshalb einer Erstsemester-Flut ausgesetzt. Mehr als eine halbe Million Erstis sollen es deutschlandweit bis zum Jahreswechsel sein. So viele wie nie zuvor.

Das Studentenwerk Schleswig-Holstein bietet den Studenten in Kiel etwa 1 860 Wohnheimplätze an. Damit lassen sich nach eigenen Angaben etwa sieben Prozent des studentischen Bedarfs an Wohnraum abdecken. Der Bundesschnitt liegt aber bei zwölf Prozent. „In anderen Bundesländern sieht es auf dem Wohnungsmarkt deutlich besser für Studenten aus. Das ist dann eben ein Standortvorteil für andere Universitäten. Dann werden sich in Zukunft Studenten eher für Greifswald als für Kiel entscheiden“, sagt Geschäftsführer Klaus Kellotat des Studentenwerks Schleswig- Holstein. Dort wurden bis Ende September 2 100 Anträge für ein Zimmer in diesem Wintersemester eingereicht. Knapp 630 Studenten, darunter 120 ausländischen Studenten konnte bis jetzt eine Unterkunft vermittelt werden. „882 ausstehenden Bewerbern muss jetzt noch endgültig abgesagt werden“, sagt Klaus Kellotat. Nach Informationen des Studentenwerks sind derzeit keine Plätze in Wohnheimen mehr verfügbar.

2004 wurde das letzte Wohnheim gebaut. Danach konzentrierte sich das Studentenwerk auf die Sanierung bereits bestehender Wohnkomplexe. „Wir appellieren an die Landesregierung, Fördermittel zum Ausbau der sozialen Infrastruktur freizustellen. Allerdings sind diese aufgrund der Haushaltskonsolidierung derzeit nicht in Sicht“, zeigt sich Kellotat enttäuscht.

Und doch scheint es, als sei diese Wohnungsnot absehbar gewesen. So wird die Uni Kiel durch den Hochschulpakt dazu verpflichtet, mehr Studenten aufzunehmen. Es war dem Land weiterhin bekannt, dass mehr junge Menschen hochschulzugangsberechtigt sind als in den Vorjahren. Trotzdem investierte die Landesregierung nicht in den Wohnraum. Die CAU ist sich daher keiner Schuld bewusst. „Es liegt nicht in unserer Macht, die Wohnsituation zu verbessern. Wir können nur mit unseren Mitteln darauf aufmerksam machen, dass Handlungsbedarf besteht“, sagte Ralf Johanning von der Stabsstelle Presse und Kommunikation der CAU.

Auch auf der privaten WG-Zimmer-Suche sieht die Situation ähnlich schwierig aus. Inzwischen bewerben sich bis zu 40 Erstsemester auf ein freigewordenes Zimmer. „Auch Wohnheime, die komplett in privater Hand wären, könnten das Problem nicht beheben – dann könnten Studenten mit dem normalen BAföG-Satz die Mieten nicht mehr bezahlen“, ist sich Klaus Kellotat sicher. Das Studentenwerk richtet sich mit seinen Wohnheimplätzen vornehmlich an Studenten mit einem BAföG-Satz bis 597 Euro und Studierende, die bis zu 700 Euro verdienen. Die Zimmermiete in den Wohnheimen beträgt rund 210 Euro.

Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Uni Kiel sieht in dieser Notsituation erheblichen Bedarf für schnelles Handeln. Er hat aus diesem Grund eine Online-Wohnungsbörse sowie ein Online-Couch-Sharing auf seiner Internetseite eingerichtet, damit Studierende auf Wohnungssuche nicht zu den zahlreichen Aushängen des AStA laufen müssen. Außerdem können auf der AStA-Homepage Angebote und Gesuche zu den Themenbereichen Couchsurfing sowie Möbel und Einrichtung eingesehen werden. Zudem steht der AStA der CAU mit vielen Wohnungsbaugesellschaften in Kiel in ständiger Verbindung, um über die Situation auf dem Wohnungsmarkt auf dem Laufenden zu sein.

Unterdessen haben die CAU, die Fachhochschule Kiel (FH), die Muthesius Kunsthochschule, das Studentenwerk Schleswig-Holstein, der AStA der CAU und der FH sowie die Landeshauptstadt Kiel eine gemeinsame Erklärung abgegeben, in der sie an Wohnungseigentümer appellieren, jungen Menschen freie Wohnungen und Zimmer kostengünstig zur Verfügung zu stellen. Gesucht werden vor allem möblierte Zimmer, die dicht an der Uni liegen. „Dies wäre ein sichtbares Zeichen der Solidarität und der Fürsorge gegenüber jungen Menschen, die die Zukunft unserer Stadt und unseres Landes entscheidend mitbestimmen und -prägen werden“, sagte der Vizepräsident der CAU Frank Kempken. Kieler Bürger, die Studenten ein solches Zimmer anbieten möchten, werden aufgerufen, sich beim AStA zu melden.

Doch zurzeit sieht es noch so aus, als ob viele neue Studierende erst einmal von ihrem Heimatort zur Uni pendeln oder von einer Schlafmöglichkeit zur nächsten wandern müssten. Denn so schnell wird das Wohnraumangebot in Kiel wohl nicht ausgebaut werden können.

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Marcel Kodura ist seit Oktober 2010 als Redakteur beim Albrecht tätig. Er schreibt vor allem über gesellschaftliche Themen.

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