TANGERINE – Filmkritik

Wenn das klassische Hollywoodkino als synonyme Traumfabrik durch Geschichten voller Glück und Hoffnung vom trüben Alltag ablenken soll, dann sind Sean Bakers bisherige Filme so weit davon entfernt, wie es nur möglich ist. Nach Take Out (2004), Prince of Broadway (2008) und Starlet (2012) hat Tangerine (in Deutschland trägt der Film aus rechtlichen Gründen den Titel Tangerine L.A.), nach einer langen Festival-Tour, endlich einen deutschen Kinostart erhalten. Angeheizt von den international lobenden Kritiken, stand ich einem Kinostart mit großer Vorfreude und etwas Skepsis, die bei mir bei jedem im Vorfeld hoch gelobten Film unbewusst mitschwingt, entgegen. Besonders wenn auf dem deutschen Filmplakat mit „Der Sundance-Hit – Auf iPhone gedreht!“ geworben wird. Wobei das Sundance Filmfestival immer noch ein Prädiktor, aber kein Garant mehr, für tolle Indie-Produktionen ist. Doch in diesem Fall wurde der Film den sprichwörtlichen Vorschusslorbeeren vollends gerecht.

Tangerine eröffnet einem für die Spielzeit von 88 Minuten den Einblick in ein Milieu, welches für viele vermutlich unbekannt sein mag, den Straßenstrich von Los Angeles. Dabei handelt es sich bei Tangerine nicht um eine Dokumentation, sondern eine Produktion, die der Independent-Film Kategorie ‚mumblecore‘ zugeordnet wird. Diese Filme sind Lowest- oder No-Budget-Produktionen, werden meist mit digitalen Kameras aufgenommen, verfügen über improvisierte Dialoge, Laienschauspieler und nutzen Innenräume und Originalschauplätze.

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Die Geschichte beginnt in einem Donut Time am Santa Monica Boulevard. Die Abendsonne steht tief und färbt das Bild leuchtend rot, die Szenen könnten ebenso gut Postkartenmotive sein. Es ist Heiligabend, Sin-Dee Rella (Kitana Kiki Rodriguez) wurde nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt entlassen und trifft sich mit ihrer Freundin und Kollegin Alexandra (Mya Taylor) um die neusten Lebensereignisse zu besprechen, die sich insbesondere um Sin-Dees Freund und Zuhälter Chester (James Ransone) drehen. Doch noch bevor Sin-Dee ihren ersten Satz beenden kann, erzählt Alexandra, dass Chester sie während ihrer Haftzeit mit einer cisgender Frau betrogen hat (oder wie sie sie nennen, Fisch). Eifersüchtig und voller Wut begibt sich Sin-Dee auf die Suche nach der Frau. Dies ist der Beginn eines Abends von dem im Nachhinein gesagt werden würde – sowas passiert nur im Film, oder auch nicht?

Sin-Dee und Alexandra sind die Figuren der Erzählung, die die Geschichte vorantreiben und denen die Empathie zuteil wird, dennoch würde ich sie nicht als einzige Protagonistinnen sehen. In Tangerine konstruiert Baker, und das wird besonders durch die Optik der iPhone 5s-Kamera deutlich, die Stadt mit all ihren Menschen darin als einen weiteren omnipräsenten Protagonisten. Die weite Tiefenschärfe setzt die Protagonistinnen dabei nicht vom Hintergrund ab, sondern erfasst sie als ein Teil der Umgebung. Darüber hinaus suggeriert das bekannte iPhone Video-Bild sowie die Handkameraführung eine gewisse Authentizität. Während das Setting, die schnell geschnittenen Bilder und der umfangreiche Soundtrack an ein Musikvideo erinnern, kann Tangerine in anderen Sequenzen ebenso ganz ruhig werden.

Sean Baker benutzt die Figuren nicht, um auf deren Kosten Lacher zu generieren. Sie verfügen über Tiefe und erzeugen dadurch Empathie. Da wäre zum Beispiel der Auftritt (Musikeinlage) von Alexandra, welcher einerseits die Freundschaft der beiden Figuren aufzeigt und andererseits durch eine kleine Geste so viel über Alexandra selbst verrät. Das Leben einer afroamerikanischen, transsexuellen Sexarbeiterin ist mit Sicherheit nicht das sorgenfreiste, aber trotzdem haben sich die Figuren ihre Träume bewahrt. In einer Stadt, die im Film als wunderschön verpackte Lüge beschrieben wird.

Einen interessanten Nebenhandlungsstrang eröffnet Baker mit dem armenischen Taxifahrer Ramzik, gespielt von Karren Karagulian. Dessen Verbindung zu den zwei Frauen, erst in Verlauf der Geschichte aufgeklärt wird. Er ist einer der Schauspieler, die häufig in Bakers Filmen mitspielt und darüber hinaus eine der besten Sequenzen im Film für sich verbuchen darf.

Den Film zeichnet die gelungene Balance zwischen Drama, Humor und Schönheit aus. Der phantastische Humor generiert sich entweder aus gesellschaftlichen und popkulturellen Bezügen („You didn’t have to Chris Brown the bitch!“), dem blitzschnell gesprochenen Soziolekt und natürlich den doppeldeutigen Anspielungen. Aus dem Grund können ein paar Fokussprünge im Kameraschwenk oder ein zu positiv konnotierter Konsum von Methamphetamin in einer Toilettensequenz, gern verziehen werden.


TangerineLA-PlakatFAZIT

Sean Baker ist mit Tangerine das wundervolle Portrait eines Mikrokosmos gelungen, das die Balance zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Drama und Komödie gekonnt austariert und dadurch einen herrlichen Film erschafft. In Teilen erinnert er an frühere Werke, wie zum Beispiel Blue in the FaceGummo oder die Filme von John Waters.


WERTUNG: 8,0 Kinokatzenpunkte


 

 

Bildquellen: Magnolia Pictures

Autor*in

Marc studierte Politik, Soziologie und Medienwissenschaft in Kiel. Für den ALBRECHT schreibt er seit 2015 insbesondere für das Kulturressort und dessen Filmsparte KinoKatze.

Marc Asmuß
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