The Kids are not allright!

Die 1990er waren eine Zeit, die von Schwermut und Depression dominiert wurde. Auf dem Höhepunkt der Grunge-Ära besangen Soundgarden das „Black Hole Sun“, das doch bitte kommen und die ganze schäbige Welt verschlingen sollte, während sich Kurt Cobain gleich eine Kugel in den Kopf jagte. In den Kinos präsentierte Larry Clarks Skandalfilm „Kids“ eine desillusionierte Jugend, deren Lebensinhalt nur aus Sex und Drogen bestand. Es war eine Zeit, in der wir uns ständig Sorgen um unsere Zukunft machten – bis uns schließlich klar wurde, dass wir überhaupt keine hatten.

Illustration: Charles Burns; Copyright für die deutsche Ausgabe: Reprodukt.

Als Chronist dieser Dekade entpuppte sich der amerikanische Comiczeichner Charles Burns, der 1994 die Arbeit an der Reihe „Black Hole“ begann. Bis 2005 veröffentlichte er zwölf Ausgaben, die nun erstmals in einer knapp 400seitigen Gesamtedition erscheinen. Zwar hat Burns die Handlung seiner Geschichte in die siebziger Jahre verlegt, der Ort an dem sie spielt gibt aber eine eindeutige Stoßrichtung vor: Es ist Seattle, die Wiege des Grunge. Hier haben die Teenager allen Grund sich zu sorgen – oder gleich um ihr Leben zu fürchten.

Schließlich grassiert eine unbekannte, sexuell übertragbare Krankheit, die zu grausigen Mutationen führt. So wachsen plötzlich neue Körperöffnungen oder die Haut beginnt sich abzuschälen. Von der Gesellschaft verstoßen, suchen die Infizierten Zuflucht im Wald, wo es bald den ersten Toten zu beklagen gibt. Unter diesen Umständen hat eine unschuldige Teenagerliebe eine geringere Halbwertszeit, als ein Flachmann auf dem Abschlussball: Keith schwärmt für seine Mitschülerin Chris, doch die stellt nach dem Sex mit einem anderen plötzlich fest, wie sich ihr Körper rapide verändert. Von der Situation überfordert, driftet sie immer weiter in Apathie und Alkoholismus ab. Keiths Versuche sie zu retten scheinen zum Scheitern verurteilt.

Wie Chris gibt sich auch der Leser bereitwillig der Dunkelheit hin, die hypnotischen Schwarz-WeißZeichnungen ziehen ihn immer tiefer ins Ungewisse. Das mag faszinierend sein, ist aber vor allem Eins: Unheimlich. Und zwar so richtig. Würde man „Black Hole“ auf die Leseliste amerikanischer Highschools setzen, hätten sich die Probleme mit Teenager-Schwangerschaften und vorehelichem Sex ein für alle mal erledigt. Und auch beim erwachsenen Leser setzen nach der Liaison mit dem Comic Veränderungen ein: Plötzlich entdeckt er seinen Hang zu Selbstmitleid und Schwermut wieder, den er seit dem Kauf des letzten Nirvana-Albums für überwunden hielt. Schon bald ersetzt er die lächerlich-positiven Verhaltensweisen, mit denen man die 2000er Jahre verschwendet hat und man fragt sich, was man damals an solchen Albernheiten wie Liebe, Glück und Hoffnung eigentlich mal gefunden hat.

Charles Burns: Black Hole. Gesamtausgabe. Reprodukt. 368 Seiten (s/w), Klappenbroschur. 24 Euro.

Comics des Monats:

Zeichner: Sam Kieth
Titel: Batman – Arkham Asylum: Madness
Verlag: Panini Comics. 116 Seiten (farbig), Softcover. 14,95 Euro.
Werung: ★★★

Wenn Batman Feierabend macht, beginnt die Arbeit für die Mitarbeiter des Arkham Asylums. Hier werden die Erzfeinde des dunklen Ritters inhaftiert und medizinisch behandelt. Wer allerdings glaubt, ein psychopathischer Superschurke vom Rang des Jokers sei auch nur im Ansatz therapierbar, muss sich Sorgen um seine eigene geistige Gesundheit machen. Und endet schlimmstenfalls tot auf dem Klinikboden… Zeichner Sam Kieth, der sich bereits mit der Miniserie „Secrets“ als einer der scharfsinnigsten Analytiker Gotham Citys erwies, gelingt mit „Arkham Asylum: Madness“ ein optisch eindrucksvolles Werk: Der Wechsel zwischen cartoonig-verspielten, schroff-realistischen und surreal-verstörenden Bildern zieht dem Leser den Boden unter den Füßen weg und schleudert ihn direkt in den Wahnsinn Arkhams. Bei einer derartigen Tour de Force versteht es sich fast von selbst, dass man an den Figuren keinen echten Anteil nimmt. So fühlt es sich am Ende der 116 Seiten an, als würde man nach 72 Stunden zur psychiatrischen Beobachtung aus der Anstalt entlassen: Man wird den Aufenthalt nicht so schnell vergessen, doch kann es kaum erwarten, schnellstens wieder nach Hause zu kommen.


Zeichner: Olivier Peru/Sophian Cholet
Titel: Zombies Teil 1: Die göttliche Komödie
Verlag: Splitter Verlag. 48 Seiten (farbig), Hardcover. 13,80 Euro.
Werung: ★★★★

Zombies. Punkt. Inhaltsangabe überflüssig. Generell reicht es bei dieser Thematik anzugeben, ob sich ein Comic seinem Thema ernsthaft oder humorvoll widmet. Im Auftaktband der dreiteiligen Reihe mit dem nicht sonderlich originellen Titel ist Ersteres der Fall: Wieder einmal sucht ein Einzelgänger im verwüsteten Amerika nach seinen Angehöriger und bekommt es dabei nicht nur mit den Untoten, sondern auch mit anderen Überlebenden und ihren Vorstellungen vom Wiederaufbau zu tun. Was hier nach gezeichnetem Gammelfleisch zwischen zwei Buchdeckeln klingt, ist in der Praxis äußerst appetitlich. Das aufgetischte Gericht mag ein alter Hut sein, das französische Autor/Zeichner-Gespann Peru/Cholet kredenzt es aber mit so frischen wie schmackhaften Zutaten: Hochwertige Zeichnungen, temporeicher Erzählstil und an der richtigen Stelle platzierte schwarzhumorige Pointen. Für eine Comic-Epidemie wie sie „The Walking Dead“ vor einigen Jahren auslöste, dürfte das nicht reichen, aber schön ansteckend ist „Zombies“ auf jeden Fall.


Zeichner: Andreas Dierßen
Titel: Die besten Zeiten
Verlag: Carlsen Comics. 160 Seiten (s/w), Hardcover. 19,90 Euro.
Werung: ★★★★

In Andreas Dierßens Hamburg gibt es keine Farben, dafür aber eine reiche Palette an Grautönen. Bunt ist nur der Strauß von Figuren, deren Schicksale sich in „Die besten Zeiten“ kreuzen: Da gibt es Senioren, die sich ihre Rente mit Taschendiebstählen aufbessern und eine männliche gute Fee, die den Menschen eigentlich nur ihre Wünsche erfüllen will, dafür aber auf offener Straße Prügel einstecken muss. Robert hingegen möchte einfach nur seine Ruhe haben. Unnötig zu erwähnen, dass daraus nichts wird. Als „gezeichneten Episodenfilm“ preist der Verlag „Die besten Zeiten“ durchaus zutreffend an: Elegant und scheinbar mühelos verknüpft Dierßen die einzelnen Geschichten zu einem stimmigen Ganzen und wahrt dabei stets die Balance zwischen Tristesse und Albernheit. Und am Schluss beweist er mit dem wohl lakonischsten Happy-End des Jahres eindrucksvoll eine alte Weisheit: Das Leben ist hart, aber lustig.


Zeichner: Warren Ellis/Paul Duffield
Titel: Freakangels Bd.1+2
Verlag: Panini Comics. Je 152 Seiten (farbig), Softcover. 16,95 Euro.
Werung: ★★★

Als eines Nachts in England zwölf blasse Kinder mit lila Augen geboren werden, misst man diesem Ereignis keine große Bedeutung zu. Ein Fehler, wie sich sechs Jahre später herausstellt, als die telepathisch veranlagten Gören ihre Kräfte vereinigen und die Apokalypse herbeiführen. Mittlerweile feiert das dreckige Dutzend mit Superkräften seinen 23. Geburtstag und hört auf den Kollektivnamen „Freakangels“. Gemeinsam wird versucht zu erhalten, was man von der Gesellschaft übrig gelassen hat. Bis einer aus der Reihe tanzt… Die auf fünf Bände angelegte Dystopie entstammt der Feder von Star-Autor Warren Ellis („Transmetropolitan“, „R.E.D.“), der mit cleverer Handlungsführung und herrlich abgewrackten Figuren zu begeistern weiß. Einen Dämpfer erhält der Spaß jedoch durch die Zeichnungen von Paul Duffield, die zumeist kalt, grobschlächtig und detailarm wirken. Zudem lässt die misslungene Mimik die Figuren aussehen, als wären sie permanent zugedröhnt. „Don‘t you wish your Girlfriend was a Freak like me?“ Eher nicht.


Zeichner: Hayao Miyazaki
Titel: Nausicaä aus dem Tal der Winde Bd. 6
Verlag: Carlsen Manga. 157 Seiten (zweifarbig), Softcover. 12,00 Euro.
Werung: ★★★★★

Im Tal der Winde hat man ähnliche Probleme wie jüngst in Deutschland: Das Gemüse will einem ans Leder. Nur handelt es sich in diesem Fall nicht um EHEC, sondern um das „Meer der Fäulnis“, einen Wald aus giftigen Pflanzen, der die Erdoberfläche zu verschlucken droht. Und als wäre die Situation nicht schon ernst genug, fördert dieser Zustand nicht die Solidarität der Menschen, sondern Imperialismus und Bürgerkriege. Alle Hände voll zu tun also für die junge Prinzessin Nausicaä, die laut einer Prophezeihung die Einzige ist, die Mensch und Natur wieder versöhnen kann. Band 6 bildet den vorletzten Teil von Hayao Miyazakis epischer Fantasy-Saga, die mittlerweile shakespearesche Ausmaße angenommen hat: Komplexe Figuren, kontinuierliche Vertiefung der Handlung und ein niemals versiegendes visuelles Einfallsreichtum kennzeichnen diese Ausnahmeserie über die Macht des Einzelnen in dunklen Zeiten. Sie nährt zudem die Hoffnung, dass auch Mensch und Salat bald wieder in alter Eintracht zusammenleben können.


Wiederveröffentlichung des Monats: „Eine Braut, für die man mordet”

Zeichner: Frank Miller
Titel: Sin City 2 – Eine Braut, für die man mordet
Verlag: Cross Cult. 224 Seiten (s/w), Hardcover. 22 Euro.
Werung: ★★★★★

In deinem Herzen wohnt ein Monster, dein einziger Freund ist ein gewalttätiges Riesenbaby, das mit einer Handbewegung töten kann und deine Ex-Freundin will, dass du den Mann umbringst, für den sie dich verlassen hat. Kein Zweifel: Du bist in Sin City. Zum zehnjährigen Verlagsjubiläum präsentiert Cross Cult Comics eine edle Neuausgabe ihres siebenteiligen Topsellers. Den Anfang machen dabei die Bände „Stadt ohne Gnade” und eben „Eine Braut für die man mordet”. Bei Letzterem handelt es sich um den vielleicht besten Teil der Reihe: Tiefschwarz sind hier Humor und Weltanschauung wenn Femme Fatale Ava den Privatdetektiv Dwight in eine Intrige lockt, deren Ausmaße wohl auch den abgebrühtesten Krimi-Kenner überraschen würden. Und natürlich stellt Comicgenie Frank Miller („The Dark Knight Returns“, „300“) bei all dem eine Zeichenkunst aus, die das „Metropolitan Museum of Art” im Alleingang füllen könnte.

Autor*in

Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

Janwillem Dubil
Über Janwillem Dubil 64 Artikel
Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

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