THE REVENANT – DER RÜCKKEHRER – Filmkritik

Im Januar laufen zwei bildgewaltige Filme in den Kinos an. Zum einen Quentin Tarantinos, auf analogen 65mm Film aufgenommenen, The Hateful Eight sowie Alejandro González Iñárritus The Revenant, aufgenommen mit einer digitalen 6K Kamera.
Iñárritus letzter Film Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance) (USA 2014) wurde vom Publikum und Kritikern zurecht hoch gelobt, nicht zuletzt aufgrund der herausragenden Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki. Für seinen neuen Film arbeiten Regisseur Iñárritu und Kameramann Lubezki wieder zusammen.
Die Geschichte spielt in Nordamerika des 19. Jahrhunderts. Eine Gruppe Trapper ist fern ab ihres Camps auf der Suche nach Pelzen, als sie von amerikanischen Ureinwohnern überfallen werden. Einige Trapper, darunter John Fitzgerald (Tom Hardy), Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson), Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) sowie sein „Sohn“ Hawk (Forrest Goodluck) können sich vor den Angreifern retten, um vor der nächsten Herausforderung zu stehen, die wunderschöne aber wilde winterliche nordamerikanische Natur. Nachdem Glass auf der Flucht von einem Bären lebensgefährlich verletzt wird und die Gruppe ihn über den steilen Gebirgspfad nicht tragen kann, bleiben Fitzgerald, Bridger (Will Poulter) und Hawk mit Glass zurück, während die Gruppe um Captain Henry ihren Weg fortsetzen. Fitzgeralds Antipathie gegenüber Glass hat er zuvor bereits ausgesprochen aber für Geld würde er vermutlich vielen tun. Es dauert nicht lange, bis Fitzgeralds bezahlte Treue erlischt und er Glass lebendig begraben zurück lässt. Natürlich ist der Film an diesem Punkt noch nicht beendet, Iñárritu nimmt sich insgesamt 156 Minuten Zeit, um diese Rachegeschichte zu erzählen. Glass kann aus dem Grab auferstehen und schwört Rache an denen, die ihn zurückgelassen haben.
Die Bilder und der Voice-over der Eröffnungssequenz erinnern an die neueren Filme von Terrence Malick und The New World (USA/UK 2005) im Speziellen. Das ist nicht verwunderlich, denn Emmanuel Lubezki hat ebenso einen Großteil von Malicks Werken gefilmt. Während die Protagonisten in Panik geraten, brennende Pfeile durch die Luft schießen oder mit schweren Gepäck das Gebirge und eiskalte Flüsse durchqueren, schwebt die Kamera in langen, ruhigen Steadycam-Aufnahmen an den Menschen vorbei. Dabei ist sie mal ganz nah an den Figuren, so dass man ihren Körpergeruch, eine Verbindung aus Schweiß, Dreck und Blut förmlich riechen kann und ein andermal sind die Figuren im Vordergrund nur Nebendarsteller der atemberaubenden long-shots. Die Schönheit der Natur steht dabei im Kontrast zum schmutzigen Menschen, der durch Verletzungen, Narben und Dreck gezeichnet ist. Woher diese Verletzungen stammen, wird in den brutalen Kampfszenen explizit dargestellt. Den Rest erledigt die Natur, zum Beispiel wenn sich die Figuren durch Schlamm, Dreck, eiskalte brausende Flüsse und einiges mehr kämpfen müssen, um an ihr Ziel zu gelangen. Doch Iñárritu schafft es selbst darin, eine Ästhetik des Hässlichen zu konstruieren.
Iñárritu wollte den Film möglichst authentisch inszenieren, um die Illusion des Films zu verstärken, wurden die Aufnahmen, mit Ausnahme der Lagerfeuerszene, ohne künstliche Lichtquellen aufgenommen. Diese Idee ist nicht neu, Stanley Kubrick hat für Barry Lyndon (UK/USA 1975) komplett auf künstliches Licht verzichtet. In einigen Szenen von The Revenant durchbricht Iñárritu die Vierte Wand und zerstört somit die Illusion, zum Beispiel als der warme Atem vom Bären die Kameralinse beschlagen lässt. Dies wirft einen jedoch nicht aus der Geschichte, sondern führt dazu, dass der implizite Zuschauer verstärkt in den Moment hereingesogen wird. Ganz im Gegenteil zu einem sehr harten Schnitt, in der Mitte des Films. Das verstärke Bedürfnis nach Authentizität verliert sich jedoch durch die überhöhte Passionsgeschichte mit folgenden Auferstehungs- und Geburtsmotiven. Das Leid, die Verletzungen sowie die darauf folgende körperliche Regeneration des Protagonisten, die rückschließend auf die starken Verletzungen erstaunlich schnell heilen, sind dann doch zu sehr Hollywood. Wenn Glass ein Unheil widerfährt, dann ist es so extrem, dass niemand anderes es überleben würde. Während die Gruppe Schwierigkeiten hat, das Camp unverletzt zu erreichen, stehen zwischen Glass und seinem Ziel, die Natur, verfeindete Menschen und der langsam verfaulende Körper. Seine Motivation weiterzumachen zieht der Protagonist aus einer Backstory Wound, die über die Laufzeit verteilt, in Form von Traumsequenzen, erzählt wird. Getreu dem Hollywoodprinzip sag es dreimal lässt Iñárritu keinen Zweifel am Leid des Protagonisten und baut gleichzeitig Empathie für sein Handeln auf.
In der Summe ist The Revenant dennoch ein beeindruckender Film, der unbedingt im Kino gesehen werden sollte.

Quelle: Twentieth Century Fox
Quelle: Twentieth Century Fox

FAZIT

The Revenant ist für das Kino gemacht. Auf einer großen Leinwand entfaltet er seine überwältigende Kraft. Mit 156 Minuten Laufzeit nimmt sich Iñárritu Zeit, um die leicht überhöhte Passionsgeschichte um Hugh Glass zu erzählen, dennoch wird man sich an Emmanuel Lubezkis Bildern so schnell nicht sattsehen können.


WERTUNG: 7,5 Kinokatzenpunkte


 

The Revenant – Der Rückkehrer

Alejandro González Iñárritu, USA 2015, 156 Minuten
Cast: Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter, Paul Anderson

Filmstart: 06.01.2016

Zu sehen im Studio Filmtheater am Dreiecksplatz und CinemaxX Kiel
(Quelle Titelbild: Twentieth Century Fox)

 

Autor*in

Marc studierte Politik, Soziologie und Medienwissenschaft in Kiel. Für den ALBRECHT schreibt er seit 2015 insbesondere für das Kulturressort und dessen Filmsparte KinoKatze.

Marc Asmuß
Über Marc Asmuß 44 Artikel
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