Toleranz statt Gekeife

Ein Kommentar von Seraphina Müller

Foto: TVNow

In diesem Sommer ging die neue Staffel der RTL-Datingshow Prince Charming auf der Streaming-Plattform TVNow in die zweite Runde. Eine Datingshow, die im Gegensatz zu ihren Vorbildern – den altbekannten Sendungen Bachelor und Bachelorette – Offenheit und Toleranz in den Mittelpunkt stellt.  

In dieser Sendung ist ein Junggeselle auf der Suche nach der großen Liebe, die er unter den 20 Teilnehmern im besten Fall findet. Kein Genderzeichen? Richtig so! In dieser Sendung suchen ausschließlich Männer nach einem neuen Partner.  

Die ersten Prinzen Nicolas Puschmann und Alexander Schäfer wirken aber so gar nicht, wie man sich konventionell schwule Männer vorstellt. Und genau darum geht es: Die Show vermittelt, bei all ihrem Trash-Gehalt, der bei einer RTL-Produktion zu erwarten ist, diverse Bilder von (schwuler) Männlichkeit. Mit Beachtung der zweiten Staffel, die aktuell auf TV-Now läuft, stehen bei der traditionellen Gentlemansnight (wie die Rosenvergabe, nur werden hier schwarze Krawatten getragen beziehungsweise abgegeben) so verschiedene Typen nebeneinander, dass es im linearen Fernsehen überrascht. 

Bei der Gentlemans-Night muss der Prince Alex eine Entscheidung treffen. Foto: TVNow

Toleranz untereinander schafft Freiraum für den Einzelnen 

Der Erste ist von Kopf bis Fuß mit Tattoos übersät, ein Zweiter, der nur gelbe Kleidung trägt, und ein Dritter, der aussieht, als würde er im Fitnessstudio wohnen – all das und noch viel mehr ist vertreten und wird den Zuschauer:innen als selbstverständlich vorgesetzt. Niemand macht sich dort über einen Einzelnen lustig, der heraussticht. Im Gegenteil: Bei einem der Kandidaten, der sich gerne extrovertiert schminkt und kleidet, fällt ein „You go Girl“ statt eines vernichtenden Kommentars. Weitere Kandidaten treten ab und zu gern als Frau auf, ohne Drag zu sein. Auch das wird von den anderen Mitbewerbern unterstützt und nicht hinterfragt. Eine Atmosphäre der Freigebigkeit wird geschaffen, die ihre Basis in Jahrzehnten des Kampfes findet. 

Prince Alexander Schäfer und Lauritz Hoffmann tauschen Zärtlichkeiten aus. Foto: TVNow

Die Männer geben ihren Gefühlen viel Platz in der Show, feiern ausgelassen und haben doch immer im Hinterkopf, ihre Community zu repräsentieren. Und so erinnern sich die Kandidaten gegenseitig: „Du kannst dich hier nicht so daneben benehmen, wir repräsentieren hier!“  

Durch jahrzehntelangen Kampf für Gleichberechtigung scheinen diese Männer ein größeres Potenzial der Selbstreflexion in sich zu tragen. Alles was sie tun, geschieht bewusst. Ob es nun der Mann ist, der nur gelb trägt und das damit begründet, dass seine Jugend zu wenig Sonne in sich getragen hat oder der große, schmale, der immer schon der Komische war und gerade deshalb jetzt vor die Kamera tritt. Es ist oft dieses „Jetzt erst Recht“-Gefühl, das fast greifbar ist. Gegenseitiges Empowerment, Zusammengehörigkeitsgefühl und Toleranz scheinen die Geheimzutaten für eine lebendige, kämpferische Community zu sein, die wahre Veränderung schafft.  

Die Offenheit und Toleranz der Männer beeinflusst auch ihre Kommunikation untereinander. Die Akzeptanz, mit der eventuelle Kritik aufgenommen wird, ist beeindruckend und so weit weg vom Idealbild eines Mannes, der „sich das nicht gefallen lassen muss“. Ist es die gesteigerte Selbstreflexion allein, die offene Kommunikation möglich macht? Vielleicht ist es zudem das Unterscheiden-können zwischen Kritik und vernichtender Intoleranz, die immer wieder angesprochen wird. Viele der Teilnehmer berichten von Ängsten und Schwierigkeiten in Bezug auf ihre Familiengeschichte, insbesondere in der Beziehung zum eigenen Vater und lassen damit den intimen Einblick zu, dass Homosexualität in vielen Familien immer noch eine beinahe unüberwindbare Hürde darstellt. 

Chance zu echter Veränderung, die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde 

Da Prince Charming in genau diesem Punkt Veränderung schaffen kann, wurde sie vergangenes Jahr mit dem Grimme-Preis gekürt. Die Jury begründete ihre Entscheidung mit der gesellschaftlichen Öffnung, die die Sendung hervorrufe. Prince Charming ließe seine Hetero-Vorbilder im Vergleich ziemlich alt aussehen. Wo in Bachelor und Bachelorette Keifen und Streiten stehe, würde bei Prince Charming einfach geknutscht. 

Der Prince Nicolas Puschmann und Lars Tönsfeuerborn genießen die romantische Zeit gemeinsam. Foto: TVNow

Die Teilnehmer der Show versuchen darauf zu achten, kein bestimmtes Bild der Männlichkeit zu vermitteln, sondern lassen ihre eigenen Persönlichkeiten für sich sprechen. Viele, für die diese Show weit außerhalb ihrer Bubble liegt, überrascht das sicher – doch für lernwillige Zuschauer:innen ergibt sich durch diese Show eine großartige Chance sich weiterzubilden, indem man die Toleranz der Männer bewundert und sich an die eigene Nase fasst. Die Akzeptanz und das Verständnis gegenüber der schwulen Community wird durch diese Show weiter vorangetrieben, da ein Einblick in eine Truppe gewährt wird, die bunter kaum sein könnte. Die Männer zeigen sich in ihrer Diversität und schaffen damit Veränderung, die einhergeht mit einer Stunde lockerer Unterhaltung pro Woche. 

Autor*in

Seraphina studiert seit 2018 Deutsch und Geschichte an der CAU. Seit November 2020 ist sie nun Redakteurin beim Albrecht und schreibt gerne über gesellschaftliche Themen, alle anderen Ressorts sind aber auch herzlich willkommen!

Über Seraphina Müller 3 Artikel
Seraphina studiert seit 2018 Deutsch und Geschichte an der CAU. Seit November 2020 ist sie nun Redakteurin beim Albrecht und schreibt gerne über gesellschaftliche Themen, alle anderen Ressorts sind aber auch herzlich willkommen!

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