Johanna Rädecke

Toleranz wird vor dem Hörsaal abgegeben

Written by Johanna Rädecke. Posted in RANDNOTIZ

Tagged: , ,

Eltern Uni // Quelle: Leona Sedlaczek

Published on November 24, 2017 with 3 Comments

Wir Studierende sind ganz gut in Selbstbeweihräucherung. Ob nun die Arbeit mit niedlichen Koalababys während unserer lebensverändernden drei Monate im Outback, dem freiwilligen Deutschunterricht mit Geflüchteten oder die vierteljährliche Greenpeace-Spende: Tolerant und aktiv zu sein ist eben in der heutigen Welt ein Muss. Was jedoch stört, ist die Kleingeistigkeit und Doppelmoral vieler Kommiliton*innen. Es stört dich nicht, Fleisch ungeachtet seiner Herkunft zu essen? Das ist okay und dein gutes Recht. Hast du trotzdem ein schlechtes Gewissen, hilft es aber mit Sicherheit nicht, zur Biogurke zu greifen. Schlimmer jedoch als der Fleischkonsum ist die Doppelmoral zur Ausgrenzung von Minderheiten. Und ich möchte zur Abwechslung nicht auf Religion, Sexualität oder Hautfarbe eingehen.

Auslöser meiner Wut sind anonym gepostete Kommentare auf der Social-Media-Plattform Jodel. Sie richten sich – man mag es sich kaum vorstellen – gegen Eltern. Kommentare, die mit „Ich hab generell nichts gegen Kinder…“ starten, ernten rege Zustimmung und schreien geradezu nach einem „Ich bin kein Nazi, aber…“-Vergleich. Anonyme Studierende wettern gegen störendes Giggeln oder Weinen in Vorlesungen, Bevorzugung der Eltern in der Seminarvergabe oder andere ‚Extrawürste‘.

Es passt nicht in das Bild eines toleranten Menschen, „Refugees welcome“ auf seinen Uniordner zu kleben, dann aber gegen Familien zu wettern.

Es gibt Situationen, da muss ein Kind mitgebracht werden. Punkt. Da hat weder die KiTa geöffnet, noch kann die Oma einspringen. Also heißt es: Uni verpassen oder Kind mitbringen. Dass dies manche Mitstudierende nervt, ist verständlich. Aber Aussagen wie „Das ist hier kein Kindergarten!“ oder „Dann muss die Mutter eben zu Hause bleiben“ sind absolut unangebracht.

Eltern sind auch nur Studierende, die das gleiche Recht auf Lehre haben, dieses Recht aber mit einem Vollzeitjob der Elternschaft managen müssen. Sie werden in der Seminarvergabe bevorzugt? Frag‘ dich, wie du es als Kind gefunden hättest, hätte deine Mama blöderweise im Windhundverfahren nur noch das 18-Uhr-Seminar ergattern können. „Kinder gehören nicht in die Vorlesung“, meinen manche und fühlen sich zu Recht gestört. Ich frage mich nur, warum über diese Art Ruhestörung viel öfter Beschwerden zu lesen sind als über laute Gespräche zum letzten Cheap Cheap oder den pene-tranten Knoblauchgeruch, weil in der letzten Reihe Döner gegessen wird. Komischerweise habe ich in meinen drei Jahren Studium noch nie eine Lärmbelästigung durch Kinder erlebt. Zwei Mal musste eine Mutter ihr Kind mit in die Vorlesung nehmen, weil die KiTa geschlossen hatte. Oh ja, das war schon denkwürdig. Was fällt diesen sich vermehrenden Minderheiten ein, uns jungen Akademikern mit ihren Sprösslingen auf die Nerven zu gehen? Die Zukunft des Landes liegt schließlich nicht in den Kindern, sondern in alleinstehenden Akademikern, die Eltern aus Universitäten vergraulen.


Quelle Titelbild: Leona Sedlaczek

Diesen Artikel teilen

About Johanna Rädecke

Johanna Rädecke

Johanna schreibt seit Anfang 2015 vornehmlich für das Ressort Gesellschaft. Seit Februar 2017 ist sie Chefredakteurin des ALBRECHTS. Sie studiert seit dem Wintersemester 2014 Deutsch und Soziologie an der CAU.

Browse Archived Articles by

3 Comments

There are currently 3 Comments on Toleranz wird vor dem Hörsaal abgegeben. Perhaps you would like to add one of your own?

  1. Hallo, ja, ich weiß. Ich kommentiere häufig. Ich finde es auch sehr, sehr schade, dass ich auf dieser Seite kaum andere Kommentare als meine eigenen finde. Ich finde, alles hat seine Grenzen, auch die Toleranz. Kinder in Hörsälen habe ich noch nicht erlebt und möchte es auch nicht. Es reicht schon, wenn besonders dreiste Studenten zur Vorlesung erstmal zu spät kommen, sich dann hinflezen und ihre Salatschüssel auspacken und kräftig durchmengen, während der Dozent vorne natürlich schon längst seinen Vortrag angefangen hat. Das stößt bei mir auf totales Unverständnis. Ich wundere mich, dass der Dozent die betreffenden Studis nicht hinausgeworfen hat. Wussten Sie, dass die Uni einen eigenen Kinderhort für Kinder von Studenten anbietet, gleich neben der Mensa 2? Insofern solte es da keine Probleme geben. Die studierende Mutter ist überhaupt nicht gezwungen, ihr Kind mit in die Vorlesung zu nehmen, wenn die Oma keine Zeit hat.

    • Sehr geehrter Herr Stadler,

      Vermutlich haben Sie selbst keine Kinder und sich daher mit den Betreuungsangeboten für Kleinkinder noch nicht auseinandergesetzt.
      Zur Betreuung an der Uni:
      Diese ist erst ab einem gewissen Alter möglich und auch nur in der Zeit von 8.30h – 15.30h geöffnet. Abgesehen davon kann man sein Kind dort nicht nach Lust und Laune abgeben, sondern benötigt einen Betreuungsplatz. Wahrscheinlich wissen Sie selbst, dass es Vorlesungen gibt, die außerhalb dieser Zeiten liegen und dennoch verpflichtend sind – oftmas ohne Alternativveranstaltug.
      Ähnliche Zeiten gelten auch für andere Betreuungseinrichtungen.
      Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass Eltern ihre Kinder nicht aus Spaß zu universitären Veranstaltungen mitbringen, sondern in Ermangelung an alternativen Betreuungsmöglichkeiten.
      Sicher mag auch Toleranz begrenzt sein, aber was Sie formulieren, sieht mir mehr nach purem Egoismus aus. Ein kleiner Tipp, der Ihnen auch im Berufsleben helfen kann: Lassen Sie sich einfach nicht von anderen stören. Sollten Sie einmal in einem Großraumbüro arbeiten, werden Sie sich zurücksehnen nach Vorlesungen, in denen sich hinter Ihnen über fachfremde Inhalte unterhalten wurde. Wahrscheinlich haben Sie, Herr Stadler, auch genügend Zeit, zwischen den Veranstaltungen Mittag zu essen, weil Sie nicht möglichst viele Seminare und Vorlesungen an einem Tag besuchen müssen, damit Sie an den anderen Tagen Ihren Lebensunterhalt verdienen, Ihre Kinder betreuen und/ oder sich um Angehörige kümmern müssen. Wahrscheinlich nicht, sonst hätten Sie nicht die Zeit, so häufig zu kommentieren. Vielleicht ist das aber auch Ihre Freizeitbeschäftigung, jedem das seine.
      Ich will damit nicht jene verteidigen, die es nicht schaffen pünktlich um 14.15h zur Veranstaltung zu erscheinen, weil die letzte Nacht so kurz war oder jene Personen, die meinen, ihre überzeugte Abneigung gegen regelmäßige Mund – und Körperpflege mit ihren Mitmenschen teilen zu müssen. Und ja, ich stimme sogar zu, dass auch private Unterhaltungen, wenn sie denn so dringend sind, während einer Vorlesung auch im Grupoenchat beim Messangerdienst nach Wahl getätigt werden können, wie sonst auch.
      Vielleicht sollten Sie, Herr Stadler,
      aber ab und an reflektieren und aus Ihrer eigenen Position heraustreten und sich in die Lebensumstände anderer hineinversetzen.
      Emotionale Intelligenz, und somit auch Empathievermögen, ist auf dem Arbeitsmarkt immer gefragter. Sie würden sich damit also auch selbst etwas Gutes tun.
      Wenn Sie in Kiel studieren, nutzen Sie die Chance und legen Sie sich etwas von der norddeutschen Gelassenheit zu. Dann klappt das auch mit der Toleranz.
      Ich habe es tatsächlich bereits öfters erlebt, dass Kommilitoninnen ihre Kinder – und andere auch ihre Hunde- mitgebracht haben und was soll ich sagen: niemanden hat es gestört. Tatsächlich haben andere Kommilitonen dies nicht einmal mitbekommen.
      Zu sagen, dass man Kinder nicht in einer Veranstaltung sehen will, kommt dem Ausschluss von Menschen aus der Universität aufgrund von Herkunft, Aussehen, Geschlecht oder Religion gleich. Es ist diskriminierend und tatsächlich einmal nicht zu tolerieren. Die Maßnahmen, die es zur Unterstützung von studierenden Eltern gibt, sind gut, aber nicht ausreichend.
      Und bevor Sie anführen, dass man dann im Studium keine Kinder bekommen sollte, recherchieren Sie gründlich ( bspw. woher die Rente kommt, wie lange Frauen Kinder bekommen können, welchen Effekt es hat, wenn Frauen im Beruf Kinder bekommen und was es mit dem demografischen Wandel auf sich hat).

      • Sehr geehrter Herr Robin Hood , Sie unterstellen mir mehr als gesagt habe. Ja, auch ich muss neben dem Studium arbeiten. Ich arbeite in kleinen Nachhilfeklassen mit 5-7 Jugendlichen zugleich, auch im OGS-Bereich habe ich an öffentlichen Schulen gearbeitet. Glauben Sie mir, ich habe sehr viel Toleranz, aber es gibt Grenzen, nur das habe ich gesagt.. Aber Sie haben Recht, es ist im Hörsaal nicht meine Aufgabe, die Leute zu ermahnen, sondern die des Dozenten. Ich habe mich nur über das Verhalten mancher Studis gewundert, hätte selbst anders reagiert. Natürlich soll man auch mit einem Kind studieren können, und dass man ein Kind hat darf natürlich nicht über den Zugang zu Bildung entscheiden. Da sind wir uns völlig einig. Da gebe ich auch der Autorin natürlich Recht. Man könnte ja auf der anderen Seite mal mit der CAU zusammen überlegen, das Betreuungsangebot für Kinder von Studierenden auszuweiten, also eine Ganztagsbetreuung. Die Altersbeschränkung in Kindergärten haben Sie überall. Kindergärten nehmen erst ab 4 Jahren auf, das ist auch richtig so, damit gewisse Dinge schon klappen, Sie verstehen?

Leave a Comment

%d Bloggern gefällt das: