Und irgendwo grast Rosalie, die Lückenkuh

Die Studierendenzeitungen der CAU erzählen Geschichten aus sieben Jahrzehnten

Kieler Student 1948: Der Kieler Student war die erste Studierendenzeitung an der CAU nach dem zweiten Weltkrieg.

Wir haben den aktiven Streik beschlossen“, schreibt die Studierendenzeitung rote skizze im Juni 1969 und veröffentlicht Tipps, wo am Kultusministerium Material zur „Selbstverteidigung“ zu finden sei. „Streik“ titelt auch die res nostra und widmet dem Protest ein Extrablatt. 1969 liegt der Fokus der Berichterstattung auf dem studentischen Protest, gegen Hochschulgesetz und Ordnungsrecht. Die zeitgleich erscheinenden res nostra und rote skizze, sind nur zwei der Kieler Studierendenzeitungen, die ab 1945 erscheinen. Das Gründungsjubiläum des ALBRECHTS im Dezember und der damit verbundene Rückblick auf die Geschichte der Zeitung warf die Frage nach den Vorgängern des ALBRECHT auf. Ein Blick ins Archiv zeigte: Von denen gab es einige.

Der Kieler Student erschien unabhängig bis 1950

Die erste ist der Kieler Student, er erscheint zum ersten Mal im November 1948, zu Beginn noch mit einer vorläufigen Lizenz des beratenden Presseausschusses. Ein Quiz stellt die Frage, was unter einem Seminar zu verstehen ist: ein geheizter Arbeitsraum für Studenten, ein Flächenmaß, ein Halbidiot oder doch die Ausbildungsstätte für Marinefeuerwerker? Dass der Krieg noch nicht lange vorbei ist, ist der Zeitung anzumerken. Praktisches wie Kochtipps gehören ebenso zum Repertoire wie Erfahrungsberichte aus dem Krieg. Eine Meinungsumfrage unter den Studierenden stellt im Dezember 1948 fest, dass 44 Prozent mit einem dritten Weltkrieg bis einschließlich 1950 rechnen.

Dass sie nicht Recht behalten, kommt dem Profil zugute. Ab 1951 erscheint der Nachfolger des Kieler Studenten. Ihrem Selbstverständnis nach bietet es allen Studierenden, jeder studentischen Gruppe die Möglichkeit mit Gedanken, Wünschen und Kritik an die Öffentlichkeit zu treten. Schwerpunkt des Profils ist das studentische Leben. Veröffentlicht werden Vorstellungen von Fakultäten oder Artikel wie „Möchten Sie Ihren Ordinarius duzen?”, aber auch Buch- und Filmrezensionen finden ihren Weg in die Zeitung. Schon 1952 erscheint Profil zum letzten Mal, ihr folgt die skizze nach.

Wer ist Christian-Albrecht? Ein fiktives Interview mit Christian-Albrecht beantwortete die Frage der Titelseite

Im November 1952 ist es so weit. Mit einer Auflage von 4 000 Exemplaren ist die skizze eine der auflagenstärksten Zeitungen der CAU. Die Parallelen zur Vorgängerzeitung Profil sind nicht zu übersehen. Gemeinsamer Herausgeber ist die Studentische Arbeitsgemeinschaft Bühne und Publizistik im Studentenwerk Kiel, später wird die skizze von der studentischen Arbeitsgemeinschaft im Studentenwerk Kiel aufgelegt. Auf der letzten Seite finden sich Kurznachrichten aus ganz Deutschland. Im Dezember 1952 wird unter anderem vermeldet: „Anzeige in der ‚Welt am Sonntag'“ vom 18.11.1952: „Studienrat bietet entzückender Blondine viel Herz und Fröhlichkeit, eventuell auch Kind. und Eine ‚Miss-Mensa 1952‘ wurde in Utrecht gewählt. Besagte Miss ist ein Schwein.

1961 wird die Mauer gebaut, Juri Gagarin ist der erste Mensch im All und in Kiel erscheint die Agora. Sie ist die erste Zeitung an der CAU, die von der Arbeitsgemeinschaft für aktive Hochschulpolitik herausgegeben wird. Neben Artikeln zum studentischen Leben in Kiel und zur Hochschulpolitik erscheinen auch Texte mit Titeln wie: „Rassenfrage: Problem des 20. Jahrhunderts?” oder „Der politische Akademiker – ein Zwitter‬”. Gedichte werden ebenso abgedruckt, wie nicht ganz ernst gemeinte Vorschläge zur Verkürzung des Studiums. „Die Professoren haben immer noch die Angewohnheit, die Vorlesung mit der Anrede ‚Meine Damen und Herren!‘ oder gar ‚Kommilitoninnen und Kommilitonen!‘ zu beginnen. Das hat aus Gründen der Studienverkürzung künftig zu unterbleiben.”

1969 streikten die Studenten der CAU um gegen das geplante Hochschulgesetz zuprotestieren // Quelle: J. Drühl, W. Hamer/ res nostra

Die res nostra ist die zweite Zeitung, die von der Arbeitsgemeinschaft für aktive Hochschulpolitik herausgebracht wird, 1964 ersetzt sie die Agora. Die res nostra ist nach eigenen Angaben die größte Studierendenzeitung Schleswig-Holsteins, sie bringt vor allem Hochschulpolitik und das, was die KN verschweigen”. Mit dabei ist auch Rosalie, die Lückenkuh, das Maskottchen der Zeitung. Die Lückenkuh taucht da auf, wo es mit dem Layout der Zeitung nicht ganz gepasst hat. Manchmal auch mit einer Träne im Auge, als würde sie die Artikel kommentieren. Im Dezember 1965 schreibt ein zukünftiger Ministerpräsident für die res nostra, Uwe Barschel. Sein Artikel, Unser Mann in Bonn, informiert über Gerhard Stoltenberg.

Die res nostra stirbt schließlich den Finanzierungstod, ihre Nachfolgerin die cosa nostra erscheint im Selbstverlag. In den Jahren 1969 und 1970 sind die Kieler Studierendenzeitungen am politischsten. cosa nostra und rote skizze, die auf die skizze folgt, konzentrieren sich auf den Protest gegen das geplante Hochschulgesetz und gegen das Ordnungsrecht. Die rote skizze veröffentlicht die Erklärungen von Basisgruppen, wie der Widerstand zu organisieren sei. Bei der cosa nostra beschäftigt man sich mit der Frage, ob Gewalt im Widerstand gerechtfertigt ist.

Nach dem Aus beider Zeitungen 1970 dauert es, bis wieder eine Studierendenzeitung veröffentlicht wird. Im selben Jahr wie das erste Retortenbaby erblickt die Zeitung Kieler Studenten 1978 das Licht der Welt. Die Zeitung, die vom Pressereferat des AStA herausgegeben wird, ist vor allem studiumsbezogen. Veröffentlicht werden Berichte aus den Fachbereichen, Artikel zur Regelstudienzeit, aber auch Texte wie „Machen Jeans die Figur kaputt?”

Die Lückenkuh Rosalie (oben r.) ist das Maskottchen von res nostra und cosa nostra

Mit der Kassandra erscheint ab 1984 eine weitere vom AStA herausgegebene Zeitung. Sie ist als Projekt von und für Kieler Studierende gedacht und veröffentlicht bis 1987 zu ausgewählten Themengebieten wie Hochschule und Bildung oder Wissenschaftskritik.

1990 versucht es die skizze noch einmal. Herausgegeben wird sie vom AStA und der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft. Die skizze soll restauriert werden, heißt es im ersten Editorial der Redaktion, die aus Studierenden und Lehrenden besteht, „um Statushierarchien allmählich aufzubrechen”. Thema sowohl in der skizze von 1966 als auch in ihrer Wiederauflage 1990: „Die Parkraumnot an der Kieler Universität”. Sonst widmet sich die neue skizze hochschulpolitischen Themen, aber auch Artikel wie: „Der Papst hält eine Rede – ein Drama in 8 Akten?!” werden veröffentlicht.

1995 wird die Skizze eingestellt, ab 1999 erscheint DER ALBRECHT. Er ist die am längsten bestehende Studierendenzeitung der CAU und die Erste mit einem Onlineauftritt. Die in den letzten Monaten rasant gewachsene ALBRECHTRedaktion besteht heute zu einem Großteil aus Redakteurinnen unter der Leitung eines komplett weiblichen Führungsteams. Seit 2017 begleitet der Walbrecht den ALBRECHT. Warum ein Wal als Maskottchen für eine Studierendenzeitung? Zur Berichterstattung über die StuPa-Wahl 2017 titelt der ALBRECHT: „Was war das für 1 Wa(h)l?”. Damals noch mit einem Blauwal illustriert, gesellt sich bald ein plüschiger Orca zum ALBRECHT – von da an ist klar, der Walbrecht gehört zur Redaktion und schwimmt hoffentlich noch lange durch seine Seiten.

 

Janika Schönbach
Über Janika Schönbach 6 Artikel
Janika studiert Politik- und Islamwissenschaft an der CAU. Sie ist seit November 2016 beim Albrecht dabei.

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