Und was nimmst du so?

Warum immer mehr Studierende den Weg des Medikamentenmissbrauchs einschlagen

Der Horror für viele Student*innen: enormer Leistungsdruck und die Angst zu versagen // Bild: Ann-Kathrin Path und Eileen Linke

Hausarbeiten, Referate, Geldprobleme, Nebenjob, Seminare, Zukunftsangst: Der*die Durchschnittsstudierende kann sich mit den verschiedensten Problemen während der Studienzeit konfrontiert sehen. Das Bild vom lockeren Leben während des Studiums ist in den meisten Fällen falsch. Auf der Tagesordnung steht allzu oft Stress. Anstatt dem zum Beispiel mit Sport entgegen zu wirken, greifen einige zu Ritalin, auch ‚Ersatz-Speed‘ oder ‚Hirndoping‘ unter den Studierenden genannt. Laut einer Studie [1] zu leistungssteigernden Drogen der Universität Mainz, die im Jahr 2013 veröffentlicht wurde, hat bereits jede*r fünfte Studierende Erfahrung mit Ritalin gemacht. Aber auch andere Medikamente und Drogen, vor allem Cannabis, finden Anklang.

Wie wirkt Ritalin?

Ritalin ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, dessen Wirkstoff Methylphenidat dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt ist und das vor allem bei der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) eingenommen wird. Methylphenidat sorgt dafür, dass die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin nach ihrer Ausschüttung nicht wieder in die Nervenzelle aufgenommen werden können und so über einen längeren Zeitraum als gewöhnlich Wirkung zeigen.

Bei kontrollierter, bestimmungsmäßiger Einnahme sorgt Ritalin für eine bessere Konzentration, vertreibt Müdigkeit und hebt die Laune. Die Leistungsfähigkeit wird rapide gesteigert, ein Plus für Studierende, die unter enormem Druck stehen. Ritalin macht die Nacht zum Tag, sodass das 30-seitige Projekt rechzeitig beendet werden kann. Doch selbst hier können schon Nebenwirkungen wie Reizbarkeit, Übelkeit oder Schlafstörungen auftreten. Wer Ritalin missbräuchlich verwendet, kann sich allerdings auf viel Schlimmeres einstellen: Angststörungen, Wahnvorstellungen und sogar Herzrhythmusstörungen oder Krampfanfälle können als Nebenwirkungen auftreten. Dennoch greifen viele Studierende zu der Droge, die geschluckt, gespritzt und gesnieft werden kann. Woran liegt das?

Leistungsdruck als Auslöser

Hauptgrund für die Einnahme von Ritalin und anderen Substanzen ist der steigende Leistungsdruck, der bereits genannt wurde. Viele Studierende erlauben es sich nicht, sich Zeit zu nehmen und sich zu orientieren oder sich auf nur eine Sache zu konzentrieren. Am besten wird alles in der Regelstudienzeit geschafft, noch besser sogar ein Semester schneller, und dabei wird das drei-monatige Praktikum während der vorlesungsfreien Zeit absolviert, während der eigentlich Zeit für die vier Hausarbeiten à 15-20 Seiten sein müsste. Danach stehen wieder Klausuren an und es werden Nachtschichten für das bulimische Lernen eingelegt. Freizeit, Familie, Freunde? Für viele Studierende Fehlanzeige. Überforderung, Panik und Aussichtslosigkeit machen sich stattdessen breit.

Die Situation in Kiel

Auch in Kiel stehen viele Studierende vor diesem Problem und wollen mit dem Neuroenhancement, sprich dem Hirndoping, Abhilfe schaffen. 2018 wurden an der FH Kiel im Rahmen einer Studienleistung von fünf Studierenden eine Umfrage zu dem Thema durchgeführt. Dabei äußerten sich Studierende der FH anynom zu Leistungsdruck und dem daraus resultierenden Drogenkonsum. Diese Umfrage stellt zwar keinen repräsentativen Querschnitt aller Studierenden dar, spiegelt aber einige Meinungen wider. So stellte sich zum Beispiel heraus, dass die meisten der Befragten zu Cannabis greifen. „Cannabis bewirkt je nach Sorte unterschiedliche Dinge: Es kann gezielt zur Aktivitätssteigerung eingesetzt werden, um den langen Tag an der FH plus Arbeit, plus Familie durchzuhalten und trotzdem abends noch zu lernen“, antwortete eine Person. Andere nehmen (vor allem in den Prüfungsphasen) auch Ritalin oder andere Medikamente wie Lorazepam, Metamizol oder Tramal – also Schmerz- und Beruhigungsmittel. „Ich nehme es, damit der Tag-Nacht-Rhythmus nicht so stark kippt, um Prüfungsangst zu mildern und gelegentlich auch um ‚Urlaub‘ zu haben von allen Verpflichtungen“, äußerte sich eine weitere Person zu dem Thema. Trotzdem waren die meisten der Befragten derselben Meinung, dass der Konsum schädlich ist und nicht übertrieben werden darf.

Doch egal ob Studierende wegen Angstzuständen, Leistungsdruck oder zum Entfliehen des stressigen Alltags konsumieren, wichtig ist, dass Vorsicht geboten wird. Und bevor zu verschreibungspflichtigen Medikamenten gegriffen wird, die möglicherweise auf dem Schwarzmarkt beschafft wurden und gestreckt sind, sollten andere Möglichkeiten zur Stressbewältigung in Betracht gezogen werden. Meditation, Sport oder ein besseres Zeitmanagement können schon viel zu einem entspannteren Leben beitragen. Denn letzten Endes ist das Studium immer noch die beste Zeit unseres Lebens – und die sollten wir genießen können. Viel wichtiger jedoch: Was kann die Gesellschaft tun, damit sich junge Menschen nicht mehr überfordert fühlen? Denn irgendetwas scheint schief zu laufen, wenn Studierende keinen anderen Ausweg als Medikamenten- oder Drogenmissbrauch sehen.


[1] https://accpjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/phar.1166

Ann-Kathrin studiert Deutsch und Anglistik im Master an der CAU. Da sie nicht auf Lehramt studiert, hielt sie es für klug, im Oktober 2017 Teil der ALBRECHT Redaktion zu werden. Von Februar 2018 bis Februar 2019 war sie Leiterin des Ressorts Gesellschaft und übernahm dann den Posten der stellvertretenden Chefredakteurin.

Eileen studiert BWL und ist seit Oktober 2018 Teil der Redaktion. Sie leitet seit Februar das Ressort für Gesellschaft. Außerdem werden viele der Illustrationen im Albrecht von ihr gezeichnet.

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