Vergessene Konflikte: Somalia

Vor dem Krieg war die Stadt Merca am Indischen Ozean ein beliebter Urlaubsort, jetzt kommen nur noch Soldaten dorthin. // Quelle: AU-UN IST PHOTO / TOBIN JONES

Lehrbuchbeispiel eines ‚failed state‘

Somalia ist immer ganz vorne mit dabei. Seit die amerikanische Stifung Fund for Peace 2005 zum ersten Mal den Fragile State Index veröffentlicht hat, findet sich das Land an der Ostküste Afrikas jedes Jahr unter den ersten zehn der instabilsten Staaten der Welt. Im Fall von Somalia bedeutet dieses Staatsversagen, dass seit 1990 ein brutaler Bürgerkrieg das Land fest im Griff hält und die Aufrechterhaltung einer staatlichen Ordnung unmöglich gemacht hat. Die Folgen sind für die Bevölkerung tiefgreifend: Ob nun die erschwerte Hilfe durch internationale Organisationen bei der momentan in Ostafrika grassierenden Hungersnot, die fehlende Rechtsstaatlichkeit oder Piraterie und Ablagerung von Giftmüll mangels staatlicher Kontrolle, das Land ist eines der gefährlichsten der Welt. Doch gerade aus Somalia dringen wenige Nachrichten in die Medien – eine Tatsache, die keinesfalls einem Mangel an Hiobsbotschaften anzulasten ist. Der einfache Grund: Die Lage in der Region ist seit Jahrzehnten so unübersichtlich, dass nur wenige Medienvertreter es wagen, sich für Recherchen ins Land zu begeben.

Als funktionierender Staat hat Somalia seit dem Sturz des Diktators Siad Barre im Jahr 1991 aufgehört zu existieren. Nachdem 1969 seine Militärregierung nach der Ermordung des vorherigen Präsidenten in einem Putsch die Gewalt an sich gerissen hatte, wollte er die Gesellschaft zunächst nach sowjetischem Vorbild umformen, wandte sich später aber den USA als Schutzmacht zu. Auch vor seiner Machtergreifung hatten die Somalier nur eine kurze Phase der Demokratie erleben können: Nachdem der Staat 1960 aus den vereinigten Kolonialgebieten Britisch-Somaliland und Italienisch-Somaliland entstanden war, gab es nur zwei demokratisch gewählte Präsidenten bis zur Machtübernahme Siad Barres. Schon diese beiden Regierungen machten sich durch Korruption und Nepotismus derart unbeliebt, dass es für den Militäroffizier Barre ein Leichtes war, den Staat unter seine Kontrolle zu bringen. Während seiner mehr als 20 Jahre währenden Herrschaft brachte er die Bevölkerung durch einen aussichtslosen Krieg gegen Äthiopien nebst einer fehlgeleiteten Wirtschaftspolitik immer tiefer in Bedrängnis. Nachdem sich die USA nach Ende des Kalten Krieges von ihm abgewandt hatten, fiel es Barre immer schwerer, seine Macht zu erhalten. Schließlich wurde er durch ein Bündnis zweier Clans aus der Hauptstadt Mogadischu vertrieben.

Das Staatsgebiet von Somalia ist im Laufe des Bürgerkriegs immer weiter zerfallen. // Quelle: Martin Wunder
Das Staatsgebiet von Somalia ist im Laufe des Bürgerkriegs immer weiter zerfallen. // Quelle: Martin Wunder

Die Existenz eines Clansystems ist eine Besonderheit Somalias. Die Bevölkerung ist in fünf große Clanfamilien eingeteilt, die sich wiederum in unzählige Untergruppen aufspalten. Nach dem Sturz des Diktators scheiterte der Aufbau einer neuen Staatsordnung an Machtkämpfen unter den großen Clans, die nun schon seit mehr als 20 Jahren anhalten. Immer wieder bilden sich unterschiedliche Bündnisse, die wegen Streitigkeiten über fruchtbare Landstriche, Ressourcen und Auslegung des Islams schnell zerbrechen und es nicht schaffen, einen auch nur ansatzweise funktionierenden Staat aufzubauen. Im nördlichen Somaliland waren die Bemühungen einiger Clanführer um Einigkeit von Erfolg gekrönt, 1991 erklärte sich die Region für unabhängig und weist seitdem relativ demokratische und stabile Strukturen auf.
Das restliche Somalia versank währenddessen immer weiter im Chaos und entwickelte sich zu einem zunehmend rechtsfreien Raum. Ein Recherche-Team französischer Journalisten legte 2011 die jahrelange Verklappung radioaktiver Abfälle und Giftmülls vor der Küste des Landes offen. Illegale Fischtrawler aus anderen Ländern beraubten im Laufe der Jahre die Fischer am Indischen Ozean ihrer Lebensgrundlage, sodass viele von ihnen nun als Piraten die Gewässer am Horn von Afrika für internationalen Schiffsverkehr nahezu unpassierbar machen.

Das Eingreifen einer UN-Friedensmission von 1992 bis 1995 scheiterte kläglich, während die Nachbarländer Kenia, Äthiopien und Eritrea sich immer wieder zur Verfolgung ihrer eigenen Ziele in den Konflikt einmischen. Seit 2009 versuchen Peacekeeping-Truppen der Afrikanischen Union unter anderem mit Unterstützung der USA das Land zu befrieden; 12 000 Soldaten sind mittlerweile in Somalia stationiert.

So wurde 2011 die IS-nahe al Shabaab-Miliz aus Mogadischu vertrieben. Deshalb gibt es seit 2012 wieder eine offizielle Regierung und eine neue Verfassung, die Somalia als föderalen Staat definiert. Seitdem haben auch Regionen wie Jubaland im Süden sowie zwei Provinzen an der Ostküste Landesregierungen aufgestellt, die in Zusammenarbeit mit der Zentralregierung den Wiederaufbau des Landes und die Errichtung staatlicher Strukturen vorantreiben sollen. Trotzdem ist Somalia nach wie vor das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen der Welt; große Gebiete sind weiterhin in der Hand der al Shabaab-Miliz, die auch den Rest des Landes mit der Hauptstadt Mogadischu immer wieder mit brutalen Anschlägen überzieht. Mitte April hat US-Präsident Donald Trump große Gebiete außerhalb Mogadischus zur Kriegszone erklärt und die Luftangriffe in den Gebieten der al-Shabaab forciert. Selbst wenn diese Bemühungen wider aller Erwartungen Erfolg haben sollten, ist es für die Bewohner des Landes noch ein langer Weg bis in friedliche Stabilität.


Titelbild: AU-UN IST PHOTO / TOBIN JONES

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Eva ist seit November 2015 in der Redaktion. Sie studiert Biochemie und Molekularbiologie an der CAU. Als Ressortleiterin hat sie sich bis Anfang 2019 um den Hochschulteil der Zeitung gekümmert, mittlerweile schlägt ihr Herz für Online.

Eva-Lena Stange
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