Verspottung verkleidet als Kompliment

Ein Kommentar von Katrina Lodde

Bild: Satheesh Sankaran // unsplash

Leider, für einige wohl eher zum Glück, fiel Karneval dieses Jahr aus. Auch wenn Karneval im Norden nicht so traditionsbesetzt ist wie in Westfalen, wo ich ursprünglich herkomme, laufen hier zur Narren-Zeit einige kostümierte Menschen herum. Und unter ihnen immer wieder weiße Menschen verkleidet als Indianer (wie die Kostüme im Handel genannt werden), Chines:innen und selten als Schwarze. Wütend macht mich die Reaktion einiger, wenn sie auf ihr Fehlverhalten hingewiesen werden: Sie reden sich damit raus, dass „die“ sich nicht so anstellen sollen. Ja, „die“ sollen viel eher dankbar sein, dass sie, die Aufgeschlossenen, „deren“ Kultur repräsentieren. 

Dass solche Verkleidungen keinesfalls von den Imitierten als Kompliment aufgefasst werden, sollte durch jahrelange mediale Debatten und den Hashtag #mycultureisnotacostume eigentlich auch im Jahr 2021 angekommen sein. Doch auch dieses Jahr sorgte die Empörung einiger über Sternsinger:innen mit Blackface für Unverständnis und Hohn bei vielen Nichtbetroffenen. Und ich fragte mich erneut, auf welcher Grundlage weiße, unbetroffene Menschen glauben, sie dürften gegen die Empfindungen von Betroffenen argumentieren. Die Antwort lautet natürlich: Ignoranz durch Privilegiertheit. Ein weitverbreitetes Phänomen, mit dem nicht nur nicht-Weiße, sondern alle Minderheiten zu kämpfen haben. Dessen sind sich die meisten Privilegierten nicht nur nicht bewusst, sondern sie streiten es auch kategorisch ab.  
Bis zu diesem Januar war ich der Überzeugung, dass zumindest der Rassismus hinter dem Blackfacing von der großen weißen Masse anerkannt sei und darauf verzichtet würde. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Wie alle Jahre zuvor liefen Kinder mit schwarz angemalten Gesichtern von Haus zu Haus. Die Kinder können natürlich wenig dafür, aber die in der Verantwortung stehenden Erwachsenen scheinen kaum lernfähig zu sein. Sie wollen einfach nicht verstehen, dass Blackfacing seit Jahrhunderten eine gängige rassistische Methode ist, Schwarze zu diskreditieren, zu verspotten und herabzuwürdigen. 

Alles begann 1840 mit den US-amerikanischen Minstrel-Shows, in denen Schwarze von Weißen als dümmlich, naiv und stets fröhlich dargestellt und die gewaltvolle Realität der Sklaverei massiv verharmlost wurde. Die Rechtfertigungen, nachdem das Blackfacing heute gar nichts mit der Minstrel-Tradition der USA gemeinsam habe und es in Deutschland eben Tradition sei, ist weder überzeugend noch entschuldigt es das Gesichtsvollgeschmiere in irgendeiner Weise. Denn was viele Vertreter:innen der Narrenfreiheit zu vergessen scheinen, ist, dass die Diskriminierung aufgrund eben dieser nachgeahmten Attribute immer noch brandaktuell ist. Auch im „ach so weltoffenen Deutschland“. Ebenso verhält es sich übrigens mit dem Yellowfacing. Sich ‚Schlitzaugen‘ mit Tesafilm zu kleben und das Gesicht gelb anzumalen ist ebenso rassistisch.   

Den Rassismus hinter Black- und Yellowfacing können inzwischen immer mehr Weiße nachvollziehen. Wenn sie jedoch darauf hingewiesen werden, dass die handelsüblichen Indianer-Kostüme und der dazugehörige Kopfschmuck nicht nur unangebracht, sondern geradezu rassistisch sind, hört das Verständnis ganz schnell auf. „Man soll die Kinder doch Kinder sein lassen!“ oder „Man kann es auch übertreiben!“ steht als Kommentar oft unter Zeitungsartikeln, die sich mit der Problematik beschäftigen. 

Seit Jahren kämpfen Native Americans dafür, dass auf ihrer Kultur basierende Kostüme, Maskottchen und Teamnamen aus dem gesellschaftlichen Bild verschwinden. Letztes Jahr gelang ihnen ein kleiner Teilerfolg: Das American Football Team Washington Redskins änderte seinen Namen in Washington Football Team. Bei den Kostümen jedoch treffen sie seit jeher auf Unverständnis. Die YouTuberin und Native American Carly Cheyenne erklärt in einem rund 16-minütigen Video, warum sie sich so sehr gegen diese Kostüme einsetzt. Anders als viele meinen, handelt es sich bei diesen Kostümen nicht um historische Nachahmungen, sondern um eine Nachahmung und Sexualisierung von immer noch aktueller traditioneller, kultureller und spiritueller Kleidung. „Diese Kostüme verspotten die Dinge, die für uns heilig sind. Für uns sind Zeremonien, bei welchen die traditionelle Kleidung noch heute getragen wird, Heilung und Religion”, sagt Carly in ihrem Video. Wem das als Grund nicht ausreichen sollte, sich nicht als Native American zu verkleiden, sollte wissen, dass eben diese Äußerlichkeiten durch aktive Kulturvernichtung, Vertreibung und Genozid ausgelöscht werden sollten. Fast 500 Jahre lang versuchten die europäischen Einwanderer, die „Wilden“ zu kolonisieren. So verabschiedeten sie 1876 den „Indian Act”, in dem unter anderem die kulturelle Auslebung verboten wurde. Die europäischen Einwanderer nahmen den Native Americans die Kinder weg, sperrten diese in Internate (residential schools), um sie von den Eltern und deren Einflüssen fernzuhalten. Ihnen wurde ihre Muttersprache verboten, die Haare abgeschnitten und sie wurden in kolonistische Kleidung gezwungen. Auch körperliche Gewalt war hier an der Tagesordnung.  

Schön und gut, mögen einige jetzt denken, aber das ist ja alles weit in der Vergangenheit. Und genau da liegt der Irrtum. Nicht nur, dass die letzte residential school erst 1996 geschlossen wurde, auch haben die Native Americans wie keine andere Ethnie der USA und von Kanada weiterhin mit Diskriminierung, Armut und Gewalt zu kämpfen. Als ich 2015 in der Pine Ridge Indian Reservation war, sagte einer der Bewohner:innen zu mir: „In den USA gibt es eine klare Hierarchie: Zuerst kommen die Weißen, dann die Schwarzen und Latinos, dann das Ungeziefer und dann die Native Americans.“ Inwieweit das nachvollziehbar ist, lässt sich statistisch zeigen: Native Americans, besonders Frauen, leiden auch in Kanada massiv unter Gewaltverbrechen. Die weiblichen Native Americans machen in Kanada gerade einmal 4 % der Population aus, aber 16 % der ermordeten Frauen in Kanada zwischen 1980 und 2012 waren indigen. Ähnliche Zahlen gelten auch für die USA. 
Verständlich, dass sich Menschen wie Clary Sorgen machen, was eine massive Sexualisierung von indigenen Frauen durch sexy Pocahontas-Kostüme für Folgen hat. Das Problem hinter diesen Kostümen ist zusammengefasst ein kulturelles, historisches, und auch kriminologisches. Auch wenn viele Kritiker:innen der Kritik all dies vielleicht nicht wissen, würden viele sich selbst davon nicht den „Spaß verderben“ lassen. Denn was haben sie hier in Deutschland mit den Problemen der Native Americans am anderen Ende der Welt zu tun? Eine Ausrede, die im Zeitalter der Globalisierung und der sozialen Medien meiner Meinung nach keinen Bestand hat.  

Autor*in

Katrina studiert Deutsch und Soziologie an der CAU. Sie ist seit Juli 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion und schreibt hauptsächlich für die Ressorts Hochschule und Gesellschaft. Seit November 2020 unterstützt Katrina das Lektoratsteam und hat außerdem seit März 2021 den Leitungsposten Bild inne.

Über Katrina Lodde 9 Artikel
Katrina studiert Deutsch und Soziologie an der CAU. Sie ist seit Juli 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion und schreibt hauptsächlich für die Ressorts Hochschule und Gesellschaft. Seit November 2020 unterstützt Katrina das Lektoratsteam und hat außerdem seit März 2021 den Leitungsposten Bild inne.

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