Vom Zoom-Meeting zum Dokumentarfilm

Wie ein Projektseminar des musikwissenschaftlichen Instituts Kiels eine ganz neue Richtung einschlagen musste

Bild: Theater Kiel

Mitte März bot sich für unsere Redaktion eine besondere Gelegenheit. Wir durften teilhaben an den Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm, verwirklicht durch eine Kooperation des Theaters Kiel und der Universität. Dieses Projekt, dessen Ergebnis seit dem 17. April auf YouTube zu sehen ist, entstand aus einer Notsituation heraus. Die digitale Lehre im vergangenen Jahr hatte einige Opfer verlangt, doch ein kleines, besonderes Seminar in der Musikwissenschaft ließ sich nicht entmutigen und schuf etwas, mit dem niemand vor einem Jahr gerechnet hätte: Vom Onlinekurs zur Konzertdokumentation und Der Albrecht war live dabei, um Fragen zu stellen. 

Ein Praxisseminar ohne Praxisbezug? 

Für den Kurs Konzertdramaturgie, Orchestermanagement und Vermittlung im Kulturbetrieb des Masterstudiengangs Musikwissenschaft wurde im vergangenen Jahr Waltraut Anna Lach gewonnen, ihres Zeichens Konzertdramaturgin und Musikvermittlerin am Theater Kiel. Das als ursprünglich praxisnah geplante Seminar zur Vermittlung von Konzertplanung musste jedoch schnell umstrukturiert werden. „Die ersten zwei Wochen haben wir noch gehofft, dass der Präsenzunterricht doch noch stattfinden kann. Das war dann aber nicht der Fall”, erzählte sie im Interview. Der neue Plan sah vor, den Studierenden zunächst einmal den Theorieteil von Konzertplanung nahe zu bringen. „Normalerweise wären wir an dem Punkt auch ins Konzerthaus gegangen und hätten uns das alles angeschaut. Das ging jetzt natürlich leider nicht.”  

Trotzdem wurde am ursprünglichen Ziel des Kurses festgehalten: Ein philharmonisches Konzert, gespielt vom Orchester des Kieler Theaters und in Gänze geplant durch die Studierenden des Masterkurses. 

Es dauerte nur wenige Wochen, bis sich die Vorteile des neuen Online-Formates offenbarten. Leonore Reuleke, eine der Kursteilnehmer:innen, berichtet von der neuen Möglichkeit, Gäste in den Kurs einzuladen, die aufgrund der räumlichen Entfernung normalerweise nicht anwesend sein könnten. „Einmal war der Pianist Fabian Müller, der derzeitige Artist in Residenz am Kieler Theater und Solist für das geplante Konzert, mit dabei und hat mit uns darüber diskutieren können, welches der fünf Beethoven Klavierkonzerte gespielt werden soll.” Müller befand sich zu dem Zeitpunkt in Köln und hätte unter anderen Umständen nicht Teil des Unterrichts sein können.  

Auch Benjamin Reiners wurde auf diese Weise mit in das Unterrichtsgeschehen eingebunden. Dem Dirigent und General Musikdirektor des Theater Kiel gefiel die Idee, Studierenden dieses Level an Praxisnähe zu bieten. „Ich war zu Studienzeiten selber ein Verfechter von praxisnahem Unterricht”, sagt Reiners. Durch seine Mitarbeit und Kooperation entwickelte sich die anfänglich vorsichtige Idee eines fiktiv geplanten Konzertes, schlussendlich der konkrete Plan einer tatsächlichen und stattfindenden Aufführung des Symphonie Orchesters. „Wennschon, dennschon, dann machen wir eines der drei geplanten philharmonische Konzerte des Theaters frei und schreiben ins Programmheft ‚Wird von Studierenden der CAU geplant.’ 

Ein Konzert entsteht 

Mit dieser Hürde von Seiten des Theaters aus dem Weg, konnten die Studierenden mit der Planung beginnen, allen voran die Auswahl der Musikstücke. Die einzige Vorgabe an die Kursteilnehmer:innen war, dass der Pianist Fabian Müller anlässlich des 250-jährigen Geburtstags des Komponisten in 2020, eines der fünf Klavierkonzerte Beethovens spielen sollte. „Praktischerweise hat er alle im Repertoire”, sagt Waltraut Lach über Fabian Müller. „Aber wir mussten uns natürlich auch mit ihm abstimmen. Und dann hatten wir diese corona-bedingten Einschränkungen, die dazu kamen und sich auch von Woche zu Woche verändert haben. Mal dachten wir, wir könnten noch ein normales Konzertprogramm mit 90 Minuten Länge und Pause spielen, mit einem größeren Orchester. Dann kristallisierte sich zunehmend heraus, dass die Beethoven-Besetzung mit beinahe fünfzig Musiker:innen so das größte ist, was wir auf die Bühne kriegen würden.” 
„Wir haben zwischenzeitlich auch an zwei Konzertkonzepten gebastelt”, berichtet Masterstudent Martin Platte. „Das hat sich, je nach Situation, auch dynamisch zur Corona Situation entwickelt.”  

Die Student:innen entschieden sich am Ende für die Werke vierer Komponist:innen. Neben dem Beethoven-Konzert würden sowohl Stücke des deutschen Komponisten Max Bruch, als auch jüngere Stücke der US-Amerikanerin Jessie Montgomery und des Japaners Toru Takemitsu ins Programm aufgenommen werden. Eine weitere Kursteilnehmerin, Jana Kossyk, sagt: „Das lag uns als Studierenden sehr am Herzen, dass vor allem auch neue Musik, Stücke aus dem zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert gespielt werden.”  

Gäste aus aller Welt dank des Online-Seminars 

Mit der Komponistin Jessie Montgomery konnten die Studierenden sogar ein Interview über Zoom arrangieren, eine weitere glückliche Fügung der Umstände. Leonore Reuleke erzählt: „Sie hat eine gute Stunde über ihre Musik gesprochen und wir durften Fragen stellen. Das wäre in vor-digitaler Zeit nicht möglich gewesen.” 

Schlussendlich konnte das lange und sorgfältig geplante Konzert im November jedoch nicht stattfinden. Auch die anfängliche Hoffnung eines Nachholtermins im Januar musste verworfen werden. Benjamin Reiners hoffte auf etwas Besonderes: „Wir waren alle gesättigt von den vielen Digitalkonzerten im letzten Jahr.” Die Besonderheit seiner Entstehung war das Alleinstellungsmerkmal des Konzertes und dies sollte sich auch in seiner Präsentation widerspiegeln. Eine Konzertdokumentation, die zeigt, was hinter den Kulissen passiert und den Entstehungsprozess dokumentiert, war geboren. „Es soll eben eine Geschichte erzählen und die Leute irgendwie ansprechen. Auch unterschiedlichstes Publikum. Deshalb freuen wir uns eben auch sehr, mit den Studierenden zusammen arbeiten zu dürfen”, erklärt Lach die Gedanken hinter der Produktion, die in Zusammenarbeit mit der Kieler Filmproduktionsfirma 3KOMMA3 und der Universität anstand. „Man könnte all dies zeigen, dass dieser Prozess eben auch spannend ist, neben der Darbietung der Stücke, die natürlich auch in voller Länge zu sehen sein werden.” 

Das Ergebnis dieses spannenden Projektes nennt sich Nähe und Ferne und gibt es seit dem 17. April auf der YouTube-Seite des Theater Kiels und auf kiel.live zu sehen. Und für alle, die an dem Wochenende schon anderweitig verplant sind, bleibt die gesamte Dokumentation noch bis zum 30. September auf YouTube erhalten. 

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*