Von Bohlen bis Black Metal

Der Startschuss fällt am 1. und 2. Juni, wenn in Ellerdorf bei Rendsburg die 15. Auflage des Wilwarin-Festivals beginnt. Wie gewohnt besticht die Veranstaltung durch ihre traditionell eklektische Bandauswahl, die auf vier Bühnen so ziemlich alles auffährt, was sich weit genug abseits des Mainstreams positioniert. Kleines Beispiel gefällig? An der Spitze des Line-Ups stehen die reunierten Techno-Punks Atari Teenage Riot neben der Kieler Bloodrock-Legende Smoke Blow und den schwedischen Hellsongs, die Heavy-Metal-Hymnen als liebliche Folk-Songs interpretieren.

In eine ähnliche Kerbe schlägt das Ackerfestival (14.-15. September) in Kummerfeld bei Elmshorn, das in den letzten Jahren durch die Verpflichtung von Acts wie Casper oder Kraftklub von der privat organisierten Kleinveranstaltung zur ernstzunehmenden Konkurrenz für die Etablierten aufstieg. 2012 lockt man unter anderem mit dem Klassentreffen der jungen norddeutschen Punkschule, für das sich die Streber von Turbostaat, Vierkanttretlager und Frau Potz bereits angekündigt haben.

Wacken bei Nacht: Ein Höhepunkt der Festival-Saison.

Internationaler geht es beim RD-Rock Festival in Hanerau-Hademarschen (in der Nähe von Nichts was man kennen müsste) zu, wo das Diktum am 6. und 7. Juli lautet „Punk, Alternative und Metal“. In der ersten Reihe stehen dabei die New Yorker Turbo A.C.s und die englischen Ur-Punks Peter & the Test Tube Babies. Wer es lieber mainstreamiger mag, bevorzugt vielleicht das dreitägige Dithmarscher Rock Festival (vom 16.-18. August in Marne), mit Bands wie Lotto King Karl, Royal Republic und die Emil Bulls.

Die Festivalsaison macht halblang – Die Eintägigen.

Oder er pilgert am 14. Juli zum „Superstar Open Air“ an den Eckernförder Südstrand, wo  das hauptberufliche TV-Jury-Mitglied Dieter Bohlen einen Reigen aus Teilnehmern seiner Show „Deutschland sucht den Superstar“ anmoderiert. Neben dem Sieger der laufenden Staffel, treten in einer AB-Maßnahme auch die Gewinner der Jahre 2007-2011 auf – eine feine Sache, dann sind die zumindest für einen Tag mal weg von der Straße.

Eine interessante Eintagsfliege verspricht auch das diesjährige Jübek Open Air zu werden, das am 25. August in der Nähe von Schleswig stattfindet. Neben dem Headliner Jupiter Jones befinden sich bisher die Donots, Fiddlers Green und die volltätowierten Teddybären von Haudegen im Line-Up. Programm für einen Abend auf zwei Tage aufgeteilt präsentiert hingegen das Baltic Open Air (8.-9. September, Schleswig), das neben drei lokalen Bands mit Uriah Heep, Doro und Torfrock aufwartet.

Itzehoe is Hell – Die Harten.

Irgendwas muss im Kreis Itzehoe ins Grund(oder Brau-)wasser eingesickert sein, dass den Menschen dort eine größere Affinität zum Heavy Metal verleiht als irgendwo anders im Norden. Jahr für Jahr manifestiert sich hier das Epizentrum harter Musik, zunächst in Brande-Hörnerkirchen, wo vom 6.-7. Juli erst das Hörnerfest mit einem opulenten Angeboten an Folk- und Mittelalter-Metal und anschließend das Headbangers Open Air stattfindet. Vom 26.-28. Juli spielen auf dieser „Heavy Metal-Gartenparty“ Kapellen auf, deren gemeinsamer Nenner die „Trueness“ ist, sprich die keinen Zentimeter von Sound oder Styling der Achtziger Jahre abweichen.

Seinen Höhepunkt erreicht die Festivalsaison jährlich aber eine Woche später, wenn am ersten Augustwochenende auf den Feldern des Örtchens Holstenniendorf das Wacken Open Air stattfindet, dem mit normalen Kategorien gar nicht mehr beizukommen ist. Trotz saftiger Erhöhung der Ticketpreise und einem Line-Up, das deutlicher schwächer als in den Vorjahren ausfällt, sind die geschätzt 100.000 Tickets bereits seit November ausverkauft und nur noch zu Fantasiepreisen auf eBay erhältlich. Beim Wacken handelt es sich mittlerweile weniger um ein Festival im eigentlichen Sinne, als um einen Mythos dem gleichermaßen lokal wie international gehuldigt wird: Während die Äcker Holstenniendorfs unter Mtealfans in ganz Europa, Südamerika und Japan als Pilgerstätte gelten, ist der Besuch für die norddeutsche Jugend zu einer Art Initiationsprozess geworden, den zu durchlaufen vielfach zur Adoleszenz gehört wie der erste Vollrausch.

Autor*in

Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

Janwillem Dubil
Über Janwillem Dubil 64 Artikel
Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

1 Kommentar

  1. Sehr geehrtes Der-Albrecht-Team,

    Ich hätte weniger einen Kommentar, als vielmehr eine Anfrage zu eurem Artikel. Über das Internet bin ich auf den Bericht „Von Bohlen bis Black Metal. Ein Streifzug durch Schleswig-Holsteins Festivalsaison“ aufmerksam geworden, besonders auf das enthaltene Foto mit der Unterschrift „Wacken bei Nacht: Ein Höhepunkt der Festival-Saison.“
    Könntet ihr mir bitte sagen, wer dieses Bild geschosse hat und wie ich denjenigen erreichen kann. Selber Wackengänger würden wir (ein paar Kommilitonen und ich) dass Motiv gerne für einen Posterdruck verwenden, um es einem Freund zum Geburtstag zu schenken. Zu diesem Zweck würde ich mich gerne einmal mit dem Fotographen in Verbindung setzen.
    Für eure Hilfe wäre ich sehr dankbar.

    Mit studentischem Gruße
    Marc Niehsen

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