Von dem Mädchen, das streikte, um die Welt zu retten

Kinokatze: Ich bin Greta

Bild: Lars Menden

Greta Thunberg – die mittlerweile 18-jährige Schwedin ist seit 2018 weltbekannt. Anders als die meisten bekannten Teenager:innen wurde sie nicht berühmt, weil sie ein aufsteigender Stern am Film, Serien oder Musikhimmel ist, sondern weil sie beschloss, freitags nicht mehr zur Schule zu gehen.  

„Es kommt mir vor als wären die letzten Monate ein Traum gewesen – oder ein Film. Aber ein Märchenfilm. Denn es ist alles so unglaublich!“ Mit diesen Worten und dem Blick auf deren Sprecherin, Greta, wie diese auf einem Segelboot mitten auf dem Atlantischen Ozean sitzt, beginnt der fast 90-minütige Dokumentarfilm Ich bin Greta. Ein harter Cut bringt die Zuschauenden dann mitten hinein in die Klimakrise: Waldbrände, Fluten und Kohlekraftwerke – alles überlagert mit Voiceover von Klimawandelleugner:innen.  
Nach den ersten, emotional aufwühlenden anderthalb Minuten wird es ruhiger. Es ist August 2018 und Greta setzt sich in Stockholm zu ihrem ersten Skolstrejk för klimatet vor das schwedische Parlament. Jeden Freitag zur Schulzeit. Nur sie, ihr selbstgemaltes Schild und ein paar selbstgemachte Info-Flyer. Das kleine, schmächtige Mädchen vor dem riesigen Parlament fällt auf. Passant:innen sprechen sie an, fragen, kritisieren oder schließen sich ihr an. Schnell werden nicht nur die Medien auf sie aufmerksam, sondern auch immer mehr Jugendliche. Erst national, und bald auch international ist die 15-jährige Asperger-Autistin für fast jede:n ein bekannter Name.  

Eine Autistin rettet die Welt auf ihre Art 

Dass dieser Film keine Dokumentation über Fridays for Future ist, wird schnell klar. Auffällig wenig Zeit nimmt sich der Film, den schnellen Prozess von dem einsamen Schulstreik hin zu der internationalen Schülerprotestbewegung Fridays for Future zu zeigen. Denn wie der Titel es bereits erahnen ließ: Ich bin Greta ist ein Film über Greta. Nicht mehr und nicht weniger. So verhelfen die immer wieder ganz privaten Momente aus Gretas Leben, sie nicht nur als Klimaaktivistin kennenzulernen, sondern vielmehr als Menschen. Und zwar als autistischer Mensch. Dass Greta Autistin ist, kommt schnell zur Sprache, dies ist der ausschlaggebende Punkt, warum sie so gehandelt hat, wie sie gehandelt hat:  
Als die junge Greta vom Klimawandel erfährt, ist sie schockiert. Die Inkonsequenz und Heuchelei der Erwachsenen kann sie nicht nachvollziehen und macht sie krank. Greta hört auf zu essen und hat lange mutistische (stumme) Phasen. Der Klimawandel und alles, was damit zusammenhängt, wird zu ihrem Spezialinteresse. Sie liest und merkt sich alles, was sie zu diesem Thema findet. Ihr Vater meint, dass sie ein nahezu fotografisches Gedächtnis habe, bei Dingen, die sie interessieren würden. „Manchmal denke ich, dass die, die wie ich Asperger haben, die einzigen mit Durchblick sind“, sagt Greta über ihren Autismus. Da Greta Schwierigkeiten in sozialen Kontexten hat, fällt ihr der Smalltalk schwer und sie ist nicht gerne unter Menschen. So beschließt sie, anstatt sich einer Klimaschutzgruppe anzuschließen, allein zu streiken. Dass sie zur Gallionsfigur einer ganzen Bewegung, einer ganzen Generation wird, hatte sie weder geahnt noch beabsichtigt.  

Die unfreiwillige Anführerin  

Nur vier Monate nach ihrem ersten Schulstreik fährt Greta mit ihrem Vater nach Katowice, Polen. Sie wurde eingeladen, um auf der UN-Klimakonferenz zu sprechen. Es folgen Aufnahmen von weiteren Großveranstaltungen. Greta spricht vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos, sowie vor dem Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss in Brüssel. Die Kamera und ihr Vater begleiten sie stets, egal ob Greta vor Politiker:innen oder Klimaaktivist:innen spricht. Ein Jahr lang tourt Greta von Veranstaltung zu Veranstaltung durch ganz Europa. Gelegentlich mit einem E-Auto, meist aber mit dem Zug. Wie unterschiedlich sie wahrgenommen wird, zeigt sich schnell. Von den Politiker:innen wird sie bestenfalls geduldet, meist belächelt. Ist Greta aber zu Gast bei einem Fridays for Future Event, wird sie wie ein Popstar gefeiert. Sie selbst scheint das alles wenig zu beeindrucken. Häufig betont sie, dass es nicht um sie, sondern um alle gehe. Ihre mediale Aufmerksamkeit wächst und wächst, bekannte Persönlichkeiten werden auf sie aufmerksam und so wird sie nicht nur von Emmanuel Macron (Präsident Frankreichs), sondern auch von dem Papst und Arnold Schwarzenegger zu einem Gespräch eingeladen. Aber Greta macht auch nicht vor Kritiker:innen und Hatern halt. Klimawandelleugner:innen versuchen, die Jugendliche zu deformieren: Sie sei ja bloß ein geistig behindertes Kind. Allgemein scheinen Ableismus und Altersdiskriminierung die Grundbausteine der Argumente ihrer Gegner:innen zu sein. Die Doku erweckt den Eindruck, dass Greta sich wenig an dem Hass, der ihr entgegengebracht wird, zu stören scheint. Lachend liest sie die Hassnachrichten, die sie über die sozialen Medien erhält, vor. Ihr Vater sitzt niedergeschlagen daneben. Dieser auffällig lockere Umgang mit dem Hass überrascht. 

Doch nur ein ganz normales (autistisches) Mädchen 

Dass für Greta die Europa-Tournee, mit all den öffentlichen Auftritten, Demonstrationen und Gesprächen nicht immer ganz einfach und locker ist, zeigt der Film eindrucksvoll in den Szenen abseits des Trubels. Mehr als einmal zieht ihr Vater sie aus einer Situation, wenn er merkt, dass sie kurz vor einem autistischen Shutdown ist. So überredet er sie, mit ihm abseits einer Fridays for Future Demonstration zu gehen, sich etwas auszuruhen und eine Kleinigkeit zu essen. Dass ihr Vater alles für sie tut und sie mit all seinen Mittel beschützen möchte, zeigen auch die privaten, zweisamen Momente der beiden: Wenn Greta ihre Reden schreibt, legt sie so einen Perfektionismus und eine Verbissenheit an den Tag, dass sie es kaum schafft, sich von ihrer Aufgabe abzuwenden. Alles Appellieren des Vaters, nachdem der Text gut sei, wie er ist, hilft Greta nicht, aus ihrem Hyperfokus hinauszukommen. Der Film zeigt aber nicht nur negative Situationen im Privaten, sondern auch schöne Momente zwischen Greta und ihrer Familie. So weint Gretas Mutter in einer Szene beim gemeinsamen Backen mit ihrer Tochter vor Freude, da es Greta endlich wieder gut gehe. Besonders schön sind auch die Szenen, in denen sie ganz für sich alleine stimmed (stimming = selbstregulierendes Verhalten).  

Dieser Film soll den Menschen hinter dem weltweiten Phänomen Greta Thunberg zeigen – Wer ist sie? Was treibt sie an? Wie denkt sie? All diese Fragen beantwortet der Dokumentarfilm. Und doch ist er viel mehr als nur ein Film über Greta und die Klimakrise. Es ist auch ein Film über Autismus. Denn ohne, dass Ich bin Greta den Anspruch hätte dies zu sein, stellt er dennoch die meisten Dokumentationen über Autismus in den Schatten. Dies tut er, indem er ungeschminkt Greta in ihrer ganzen Persönlichkeit zeigt. Es wird nichts beschönigt, aber auch nichts verteufelt. Der Film zeigt einfach unverfälscht die Wirklichkeit.  

Ihr wollt diesen Film gucken? Er ist kostenlos verfügbar in der ARD-Mediathek
9 von 10 Kinokatzenpunkte 

Autor*in

Katrina studiert Deutsch und Soziologie an der CAU. Sie ist seit Juli 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion und schreibt hauptsächlich für die Ressorts Hochschule und Gesellschaft. Seit November 2020 unterstützt Katrina das Lektoratsteam und hat außerdem seit März 2021 den Leitungsposten Bild inne.

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Katrina studiert Deutsch und Soziologie an der CAU. Sie ist seit Juli 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion und schreibt hauptsächlich für die Ressorts Hochschule und Gesellschaft. Seit November 2020 unterstützt Katrina das Lektoratsteam und hat außerdem seit März 2021 den Leitungsposten Bild inne.

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