Von wegen frische Seeluft

Kiel ist eine der Städte mit den höchsten Stickoxidwerten bundesweit - woran liegt das?

Schiffe und Autos stoßen beide Ruß aus.

Der fünfte Platz auf dieser Rangliste ist kein rühmlicher: 2015 “kürte” der wissenschaftliche Dienst des Bundestages Kiel zu einer der Städte mit der schlechtesten Luftqualität in ganz Deutschland. Der Grund: Für Stickstoffdioxid, ein ätzendes Gas, das bei der Verbrennung verschiedener Stoffe entsteht, wurde im Jahresmittelwert am Theodor-Heuss-Ring in Kiel eine Konzentration von 67 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen. Erlaubt sind 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Stickstoffdioxid und Feinstaub, giftige Teilchen, die so klein sind, dass manche von ihnen direkt über die Lunge ins Blut aufgenommen werden können, sind die zwei Hauptgründe für Luftverschmutzung. Weltweit sterben laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fast vier Millionen Menschen an den Folgen der dreckigen Luft. Eine der Hauptursachen ist dabei der Verkehr.

Kiel ist in dieser Hinsicht gleich doppelt belastet: Durch den Autoverkehr in und um die Stadt und den Schiffsverkehr in der Kieler Förde. Die starke Umweltbelastung durch Dieselautos ist längst bekannt. In Kiel wird die Luftqualität derzeit an drei Orten gemessen. Nicht nur auf dem stark befahrenen Theodor-Heuss-Ring wurden die Grenzwerte 2016 im Jahresmittel deutlich überschritten, sondern auch in der Bahnhofsstraße in der Innenstadt. Einzig in der im Wohngebiet liegenden Max-Planck-Straße wurden die Werte eingehalten. Um der Luftverschmutzung entgegenzuwirken, legte der damalige schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck bereits Mitte des Jahres ein erstes Arbeitspapier vor. Neben einem Fahrverbot Richtung Westen auf einer Strecke von 600 Metern des Theodor-Heuss-Rings, sieht dieses auch den Bau einer Schutzwand auf der Nordseite der Straße vor. Betroffen wären davon täglich etwa 12 000 Autos, die nicht der Abgasnorm Euro-6 entsprechen. In Hamburg gelten solche Durchfahrtsbeschränkungen bereits seit dem 31. März. Die Praxis zeigt hier, dass ein Fahrverbot kaum effektiv zu einer Luftverbesserung beiträgt. Es mangelt an Kontrollen, wenige halten sich überhaupt an die Beschränkung und durch die längere Umleitung steigt die Schadstoffbelastung zusätzlich an anderer Stelle. In erster Linie geht es also darum, langfristig eine weitere Überschreitung der Grenzwerte an Messstationen zu verhindern. Die große Mehrheit im Landtag spricht sich, ebenso wie der Bürgermeister, gegen ein Fahrverbot in Kiel aus. Vorgeschlagen wird stattdessen langfristig ein Ausbau des ÖPNV. Angela Merkel äußerte ebenfalls erst kürzlich, sie halte ein Dieselverbot nicht für verhältnismäßig.

Auch aktuell überschreitet die Konzentration an Stickstoffdioxid am Theodor-Heuss-Ring regelmäßig den Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (Werte vom 15. bis 21. Oktober 2018). Im Wochenverlauf lässt sich erkennen, dass die höchste Belastung zur Rush Hour besteht, wenn viele Pendler mit ihren Autos unterwegs und der Verkehr besonders dicht ist.
Auch aktuell überschreitet die Konzentration an Stickstoffdioxid am Theodor-Heuss-Ring regelmäßig den Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (Werte vom 15. bis 21. Oktober 2018). Im Wochenverlauf lässt sich erkennen, dass die höchste Belastung zur Rush Hour besteht, wenn viele Pendler mit ihren Autos unterwegs und der Verkehr besonders dicht ist. (Datenquelle: UBA)

Ob es allerdings reichen wird, die Luftqualität durch weniger Abgase aus Dieselfahrzeugen zu verbessern, ist fraglich. Eine Kieler Besonderheit im Vergleich zu Städten im Binnenland ist der Schiffsverkehr. Wegen des Kieler Hafens und des Nord-Ostsee-Kanals handelt es sich bei der Kieler Förde um eines der meistbefahrenen Gewässer der Welt. Im Jahr 2016 liefen 1 519 Schiffe Kiel an. Fast alle größeren Schiffe fahren auf der Ostsee mit Schweröl und Filteranlage oder mit Schiffsdiesel. Dieser erzeugt im Vergleich zu Pkw-Diesel beim Verbrennen deutlich mehr Luftschadstoffe wie Schwefeloxide, Stickoxide und Feinstaub.

Besonders viel Zeit im Hafen verbringen die Fähren nach Schweden, Norwegen und Litauen, genauso wie die Kreuzfahrtschiffe mit circa 600 000 Passagieren pro Jahr – von April bis November 2018 waren es 165 Kreuzfahrer. Diese Schiffe haben aufgrund ihrer Ausstattung, der hohen Passagieranzahl und großer Besatzungen einen deutlich höheren Energieverbrauch als Containerschiffe. Erzeugt wird die nötige Energie dabei im Hafen genau wie auf dem Meer durch die Verbrennung von Schiffsdiesel. Aufgrund der Anlegestellen der Schiffe in der Förde ist die Kieler Innenstadt direkt davon betroffen. Während der Port of Kiel, die Betreibergesellschaft des Seehafens, bei Messungen in diesem Jahr im Mittel keine Überschreitungen der Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide nachweisen konnte, ergab eine einmalige unabhängige Messung des NABU, dass die Feinstaubkonzentration während des Ablegens einer Fähre am Norwegenkai von knapp 20 000 ultrafeinen Partikeln pro Kubikzentimeter auf fast 170 000 stieg. Ein gesundheitlich unbedenklicher Wert liegt laut NABU bei 1 000 Partikeln pro Kubikzentimeter. Auch im Schrevenpark zeigte sich mit 9 000 Partikel pro Kubikzentimeter eine erhöhte Belastung. Um die Schiffahrtsemissionen zu verringern, wird momentan bereits eine Landstromversorgung am Norwegenkai gebaut, sodass die Color Line-Fähren nicht mehr im Hafen Treibstoff verbrennen müssen, um Strom zu erzeugen. Auch für den Schwedenkai und das Kreuzfahrtterminal Ostseekai sind Landstromanlagen geplant.

Inwiefern der Hafen, der Straßenverkehr oder andere Faktoren für die schlechte Luft in Kiel verantwortlich sind, lässt sich allerdings ohne genauere Messungen und Modelle nicht feststellen. Um hier sinnvolle Beiträge, abgesehen von Fahrverboten und Aufrüstungen bei Dieselautos, zu leisten, bedarf es mehr mobil einsetzbarer Messstationen im Stadtgebiet, die ein genaueres Bild der Lage schaffen. Erst dann können nachhaltige Maßnahmen ergriffen werden, die wieder für eine frische Meeresbrise in ganz Kiel sorgen.


Quelle Titelbild: Eileen Linke

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Eva-Lena Stange
Über Eva-Lena Stange 30 Artikel
Eva ist seit November 2015 in der Redaktion. Sie studiert Biochemie und Molekularbiologie an der CAU, als Ressortleiterin kümmert sie sich seit September 2016 um den Hochschulteil der Zeitung.

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