Von Weicheiern und Drachentötern

Ein Kommentar von Seraphina Müller

Bild: Eileen Linke

Ein Auserwählter wird aufgefordert, eine lange und schwere Reise von A nach B zu unternehmen, um die bekannte Welt vor dem Untergang zu retten. Sei es ein Antagonist, der dem Aufbrechenden Steine in den Weg legt, oder das Schicksal – es sind große Prüfungen zu bestehen.  

So in etwa ist der Aufbau etlicher Fantasy-Romane, die für Jugendliche geschrieben worden sind und munter die Bücherregale in Kinderzimmern zieren.  

Doch warum ähneln sich diese Geschichten und vor allem ihre Hauptdarsteller so sehr? Oft kommt es dem:der Leser:in vor, als würde immer wieder die gleiche Geschichte gelesen werden – nur Namen und Kontexte ändern sich.  

Oft fühle ich mich beim Lesen unwillkürlich an das Nibelungenlied aus dem 13. Jahrhundert zurückerinnert. Siegfried, der Held in der mittelalterlichen Geschichte, ist versehen mit Fähigkeiten und Unverwundbarkeit, die neidisch werden lassen. Er wird als Retter stilisiert, der sich mit Intrigen und Lebensprüfungen herumschlagen muss, die er schlussendlich immer siegreich beenden kann. Drachenkämpfe, Zauberkräfte, ein „sechster Sinn“ – das sind Fähigkeiten über die Siegfried verfügt und die ihn zum heldenhaften Mann machen, die sich aber auch in vielen Werken der Jugend-Fantasy-Literatur wiederfinden lassen. 

Genies werden zu Helden  

Durch die Einmaligkeit dieser überdurchschnittlichen Fähigkeiten projizieren sich die Hoffnungen der literarischen Welt auf einen meist minderjährigen, schüchternen und unerfahrenen jungen Kerl, der durch seine Aufgaben reifen wird. So ist Harry Potter der Einzige, der seine Welt retten kann; ebenso wie Percy Jackson und Eragon. All diese Protagonisten sind zu Beginn ihrer Reise noch ungeübt in ihren Talenten oder wissen nicht davon, doch sie erlernen diese zügig und können Kämpfe gegen die größten Herausforderer bestehen.  

Sie werden von Weicheiern zu Drachentötern und das wird dem:der Leser:in als eine heldenhafte Entwicklung vorgesetzt. Doch bringt dieses übersteigerte Bild von männlicher Heldenhaftigkeit nicht auch Druck mit sich? Junge Menschen lesen diese Literatur und werden in ihrer Annahme bestärkt, dass sich Heldenhaftigkeit durch Siegen auszeichnet.  

Besonders bei Jungen, die in diesen Büchern oft auf gleichaltrige, männliche Hauptpersonen treffen, kann Druck zum heldenhaften Erwachsenwerden verspürt werden. In den Büchern wird der Hauptperson auf ihrem Weg der Emanzipation gefolgt, bis schlussendlich erwachsene, reife Menschen aus den Prüfungen hervorgehen.  

Es wird in der Handlung eigentlich das Erwachsenwerden der Protagonisten beschrieben, die die Reifeprüfungen nur durch überdurchschnittliche Fähigkeiten bestehen können. Und in der Überdurchschnittlichkeit der Fähigkeiten liegt auch das Problem. Wie sollen junge Menschen ohne geheime Zauberkraft die Prüfungen des Lebens bewältigen? Für diese Frage bieten die Klassiker der Jugend-Fantasy-Literatur keine Antworten.  

Müssten nicht alle anderen Schüler:innen in Hogwarts genervt von Harry sein? 

Stattdessen wird sich auf die Genies fokussiert und ihr Lebensweg erzählt. Die Mittelmäßigen funktionieren allenfalls als Nebencharaktere á la Ron aus Harry Potter, die dem Protagonisten den Rücken freihalten und immer wieder für einen Lacher gut sind. Doch nie wird aus der Sicht anderer Schüler:innen berichtet, immer steht nur Harry im Mittelpunkt. Sein Genie-Dasein ist Fluch und Segen zugleich und betrifft ganz Hogwarts, obwohl ein Großteil der Schüler:innen damit eigentlich nichts zu haben müsste.  

Müssten nicht alle Schüler:innen schon Reißaus genommen haben vor der Schule, an der es nur um einen Schüler geht? Müssten die Lehrenden nicht die Gefahr einsehen und Harry einfach wieder nach Hause schicken? Seine Genialität und Besonderheit scheint die anderen davor zu bewahren zu erkennen, wie beschränkt die Jahre in Hogwarts gewesen sein müssen. Seine Heldenhaftigkeit überstrahlt die ganze Schule und lässt Gefahren in den Hintergrund rücken, weil zugleich sicher sein kann: Harry wird die Prüfung bestehen und damit auch die anderen retten!  

Seine Tugendhaftigkeit wird durch den Prozess des Erwachsenwerdens eng mit der Mannwerdung verknüpft, die sich zeitgleich vollzieht. Harry wird nicht nur durch jeden Kampf stärker, sondern er wird auch immer erwachsener und damit auch immer männlicher. Schlussendlich endet Harry Potter ja mit der Aussicht auf ein ruhiges Leben, welches aber nur durch seine Fähigkeiten geschaffen werden konnte, die ihn zum vollwertigen Mann gemacht haben.  

Heldinnen, die eigentlich auch Jungs sind? 

Es gibt selbstverständlich auch Heldinnen, die in diesem Genre als Hauptcharaktere gezeichnet werden und vor allem in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebten. Die weiblichen Soneas (Trudi Canavan – Die Gilde der schwarzen Magier) dieser Bücher brauchen aber ebenso außergewöhnliche Talente, wie die männlichen Harrys und können am Ende eigentlich das Gleiche.  

So ist die Weiblichkeit, die das Besondere sein soll, untergegangen unter einem Bild von Heldentum, das nur von Männern voll ausgefüllt werden kann. Sonea muss also auch eine Fähigkeit haben, die sie zum überdurchschnittlichen Genie macht und die sie erst als Heldin erscheinen lässt. Sie muss den Harrys nacheifern, um überhaupt als Heldin anerkannt werden zu können. 

Doch es sollte nach Mittelmäßigkeit verlangt werden! Die Bücher sollten nicht in der prägenden Zeit der Jugend eine immer wieder gleiche Geschichte erzählen. Das zeugt einerseits von wenig neuen Ideen und andererseits von einem veralteten Bild des heldenhaften Mannes, der durch die Prüfungen des Lebens stärker geworden ist. Doch dieser Weg des Siegs ist nicht vorgezeichnet und in der Realität gibt es keinen Punkt, an dem man das „Böse“ besiegt hat. Dennoch werden junge Menschen mit der Zeit reifer, stärker und sich ihrer Identität bewusster. Sie brauchen Vorbilder, die siegen und scheitern. Sie brauchen alternative Geschichten, in denen sie sich wiederfinden können und keinen Druck verspüren, sich in eine Richtung entwickeln zu müssen. Es ist genauso okay, Ron zu sein, wie Harry zu sein. Keiner der beiden kann als „männlicher“ oder „erwachsener“ bezeichnet werden, nur weil einer außergewöhnliche Siege erringen konnte.  

Warum gibt also keine Fantasy-Romane für Jugendliche, die nicht mit (persönlichen) Siegen enden?  

Autor*in

Seraphina studiert seit 2018 Deutsch und Geschichte an der CAU. Seit November 2020 ist sie nun Redakteurin beim Albrecht und schreibt gerne über gesellschaftliche Themen, alle anderen Ressorts sind aber auch herzlich willkommen!

Über Seraphina Müller 3 Artikel
Seraphina studiert seit 2018 Deutsch und Geschichte an der CAU. Seit November 2020 ist sie nun Redakteurin beim Albrecht und schreibt gerne über gesellschaftliche Themen, alle anderen Ressorts sind aber auch herzlich willkommen!

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