Warum fällt uns das Aufstehen am Morgen so schwer? 

Antworten auf Fragen, die wir uns schon immer gestellt haben 

Bild: Kinga Cichewicz/unsplash

Ein verschobener Semesterstart und verlängerte Ferien machen eines nicht gerade leichter: morgens zeitig aus dem Bett zu kommen. Oft ist das Drücken der Snooze-Taste und das „kurz noch einmal Umdrehen” eine beliebte Antwort auf das Klingeln unseres Weckers. Deswegen fiel es auch nicht schwer, die erste Frage unserer neuen Reihe auszusuchen: Warum ist das morgendliche Aufstehen eigentlich so schwer?   

Um diese Frage zu beantworten, hat DER ALBRECHT bei Expert*innen an der Uni nachgefragt. Die Antworten aus der Philosophie, Psychologie, Theologie und dem Zentrum für Schlüsselqualifikationen haben wir für Euch zusammengestellt. Ihr habt die Qual der Wahl: Welche Ausrede Ihr nun für das länger Liegenbleiben wählt, müsst Ihr selbst entscheiden.  

Anne Rabe (Zentrum für Schlüsselqualifikationen)  

Bild: Anne Rabe

Aufstehen ist nicht immer leicht. Ich mag mein Bett. Wieso sollte ich die kuschelige Geborgenheit verlassen und mich der Welt stellen? Andererseits: Warum eigentlich nicht? Es gibt so viel Spannendes zu tun. Ich finde es hilfreich zu wissen, dass ich selbst Einfluss darauf habe, mich für den Start zu motivieren. Klare Ziele und Strukturen helfen. Einige Aufgaben sind gesetzt, andere priorisieren wir selbst. Aktuell ändert sich durch das Corononavirus SARS-CoV-2 vieles. Termine werden abgesagt oder verschoben, dazu kommen Unsicherheit und Sorgen. Warum sollte ich morgens mein Bett verlassen?

Ich denke, jetzt ist es besonders wichtig, sich zum Aufstehen zu bewegen. Wir sollten negative Gefühle konstruktiv angehen, uns selbst und anderen Kraft geben und uns gegenseitig unterstützen. Positive Rituale erleichtern den Start. Das Lieblingslied, ein besonderer Kaffee, die Guten-Morgen-Nachricht an einen lieben Menschen. Macht einen Plan und teilt Aufgaben in kleine Etappen, lasst Platz für Pausen und Belohnungen. Das Erfolgserlebnis, wichtige Dinge erledigt zu haben, ist ein guter Motivator. Darüber hinaus gibt es Apps, die bestimmte Aufgaben stellen, bevor der Alarm sich ausschaltet. Das können Matheaufgaben sein, die Ihr lösen müsst, oder ein Schrittzähler, der den Alarm erst nach einer bestimmten Anzahl zurückgelegter Schritte deaktiviert. Oder der Wecker wird nur durch ein aktuelles Foto aus der Küche zum Schweigen gebracht.  

Ich wünsche uns allen, dass wir die aktuelle Situation gesund überstehen, und dass wir die passenden Methoden finden, um immer wieder neu zu starten. Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen mit allen lieben Menschen, auf das ich mich beim Aufstehen freuen kann.  

  
Prof. Dr. phil. Dirk Westerkamp (Philosophie)  

Bild: Dirk Westerkamp

Aller Anfang ist schwer, der des Tages besonders. Wenn wir uns zum Aufstehen erst entschließen müssen, ist es meistens schon zu spät. An freien Tagen würden wir einfach einfach im Bett bleiben. Was aber ist so verlockend am Liegenbleiben, was so schwer am Aufstehen? Nichts lockt mehr, als noch ein wenig im Dämmerzustand verweilen zu dürfen. Dann überlassen wir uns ganz den flüchtigen Bildern, die in der Morgenröte unseres vorreflexiven Bewusstseins aufscheinen. Es ist ein Verweilen im Unbestimmten: Wir denken an nichts Genaues, nichts gehorcht unserem Willen. Kühne Gedanken steigen unwillkürlich auf. Wach- und Tagträume sind in der REM-Phase besonders produktiv. Wir fühlen eine geschärfte Vorstellungskraft, imaginieren wilde Geschichten, haben die tollsten Einfälle. Der Mob des Unbewussten regiert. Im Niemandsland zwischen Bildvorstellungen und abstrakten Gedanken gelingen überraschende Einsichten. Wer sie nach dem Aufstehen notiert, macht echte Entdeckungen.   

Viele von uns folgen dem frühmorgendlichen Ritual eines halbverschlafenen Verweilens an Radiostimmen. Wir hören etwas, aber hören nicht recht zu. Ganz ungeachtet ihres Inhalts verkünden die Radiosequenzen nichts Gutes. Sie werden unbestimmt als Vorecho eines kommenden hektischen Tages vernommen. Sie sind Widerhall einer verrückten Welt da draußen, die es noch nicht geschafft hat, bis zur Bettkante vorzudringen. Noch dämpfen Kissen das raunende Wetterleuchten eines Tages, der nervös mit seinen Aufgaben auf uns wartet. Lautstark fordern die Pflichten, das Handy, die Arbeit ihr Recht. Was, um Himmels willen, sollte uns zum Aufstehen verführen?  

Liegenbleiben ist allerdings auch keine Lösung. Mit dem ersten bewussten Hören, Sehen, Netzwerken ist es mit dem Verweilen ohnehin vorbei. Imagination geht in Aktion über. Auch das ist gut so. Schon deshalb, weil es jeden Tag aufs Neue nötig ist, dem geistlosen Treiben der Welt eine nicht vollends unvernünftige Praxis entgegenzusetzen. Es gibt genug zu tun: dem Wahnsinn, der Lüge, dem Schlechten zu widerstehen. Auch dieses Aufstehen, Aufbegehren und Aufklaren ist schwer. Doch wer den aufrechten Gang lernen will, kann nicht liegenbleiben.  


Prof. Dr. Julian Keil (Psychologie)  

Julian Keil (Bild: Katja Scherle)

Morgens die Augen aufschlagen, aus dem Bett springen und frisch und munter in den Tag starten – vielen von uns fällt das schwer, besonders im Winter, wenn es morgens noch dunkel ist. Der Grund dafür liegt in Veränderungen körperlicher Vorgänge über den Tag hinweg, den sogenannten circadianen Rhythmen. In der Zirbeldrüse im Zwischenhirn wird das Hormon Melatonin gebildet. Natürlicherweise steigt die Konzentration von Melatonin gegen Abend an, was zu Schläfrigkeit führt. Genauso verändert sich zum Beispiel unser Blutdruck, der in den frühen Morgenstunden einen Tiefpunkt erreicht und dann über den Tag wieder ansteigt. 

Mit diesen körperlichen Veränderungen schwankt nun auch unsere geistige und körperliche Leistungsfähigkeit, wir können zu gewissen Zeiten mal mehr, mal weniger leisten. Unser circadianer Rhythmus entsteht dabei aus einer Kombination von körperlichen Prozessen und Umweltreizen. Zu letzteren gehört vor allem das Sonnenlicht, das die Ausschüttung von Melatonin steuert. Beim Jetlag wird beispielsweise deutlich, wie sich Veränderungen des eingeübten Hell-Dunkel-Rhythmus auswirken: Wir sind müde und weniger leistungsfähig und es dauert einige Tage, bis sich das wieder ausgleicht. Um also morgens fitter aus dem Bett zu kommen, ist es wichtig, einen regelmäßigen Tagesrhythmus mit Hell- und Dunkelphasen einzuhalten. Auch sollten wir nachts auf helles Licht, wie zum Beispiel von Bildschirmen, verzichten. Helles Licht kann aber beim Aufstehen helfen, wenn es morgens noch dunkel ist.  


Prof. Dr. phil. Hartmut Rosenau (Theologie)  

Bild: Hartmut Rosenau

Die Bibel kennt weder Langschläfer*innen noch Frühaufsteher*innen, aber übermüdete Jünger, die mit ihrem verzagten Meister nicht wach bleiben können. Auch von einem Zuhörer einer langweiligen Predigt des Apostels Paulus wird erzählt. Er ist schließlich eingeschlafen und aus dem Fenster gefallen. Daher ergibt der biblische Weckruf zur Wachsamkeit Sinn, um nicht Anfechtungen des Teufels zu erliegen — während der Messias selbst auch in stürmischen Zeiten ruhig weiterschlafen kann. Frühes Aufstehen, Wachen und Beten — das gehört dann auch bis heute zum Repertoire vermeintlich Gott wohlgefälliger Werke im Leben frommer Nonnen und Mönche. Daraus kann geschlossen werden, dass das Liegenbleiben und Weiterschlafen eigentlich das Natürliche, das frühe Aufstehen dagegen eine Leistung übernatürlicher Anstrengung besonders Auserwählter ist. Uns Normalqualifizierten fällt es daher schwer, früh aufzustehen und voller Tatendrang in den neuen Tag zu starten.   

Theologisch interpretiert ist das ein Zeichen dafür, dass unser Menschsein im Grunde passiv konstituiert ist: wir werden geboren, wir werden getauft, wir werden gesegnet, wir werden verheiratet, wir werden von Gott gerettet —  niemand kann Wesentliches von sich aus und für sich selbst aktiv tun. Und niemand steht von selbst nach dem Tod wieder auf, sondern wir werden von Gott zum ewigen Leben auferweckt. So gesehen ist gerade das Liegenbleiben am Morgen ein stimmiger Ausdruck des christlichen Glaubens: ein qualifiziertes Nichtstun. Aufstehen und gleich interaktiv Vollgas geben ist eher Zeichen einer gefallenen und erlösungsbedürftigen Welt. Daher ist es (gerade auch in Zeiten pandemischer Gefahren) eigentlich ganz gut, dass es uns oft schwerfällt, morgens aufzustehen. Mein theologischer Rat deswegen: Liegenbleiben!  


Daniela Dlugosch (Zentrum für Schlüsselqualifikationen)  

Bild: Daniela Dlugosch

Ein japanisches Sprichwort besagt: Wenn Du siebenmal fällst, so stehe achtmal auf. Nur warum fällt uns das Aufstehen so schwer? Manchmal ist es eine Überforderung mit den alltäglichen Herausforderungen, vielleicht auch das Fehlen von Zielen oder Sinnhaftigkeit im eigenen Leben. Wenn ich dagegen weiß, was ich will und auch weiß, warum ich die Dinge tue, die ich tue, dann fällt es mir leichter, mich zu motivieren, erneut aufzustehen.  

Wenn ich zweifle, hilft ein Fokus auf meine Werte und das Positive.  

Was ist mir wirklich wichtig? Macht Euch Eure Werte bewusst.  

Wofür bin ich dankbar? Nutzt das Abendritual des Dankbarkeitstagebuchs und schreibt drei Dinge auf, für die Ihr dankbar seid oder die Euch glücklich gemacht haben.  

Auf was freue ich mich heute? Plant auch Eure Freizeit und positive Momente in den Tag ein und verschiebt so den Fokus auf das, was Euch glücklich macht.  

Ihr habt die Fähigkeit, Eure Aufmerksamkeit zu lenken und Euch zu entscheiden, welche Gedanken Ihr füttert. Es hilft, wenn Ihr Euch durch die Brille Eurer besten Freundin oder Eures besten Freundes betrachtet. Was würde er*sie Euch raten in einer bestimmten Situation beziehungsweise was schätzt die Person generell an Euch? Das hilft, die selbstkritischen Gedanken in einen anderen Rahmen zu setzen und mit sanften Augen auf sich selbst zu blicken. Im nächsten Schritt kann ich dann bewusst und voller Energie zum achten Mal aufstehen.  

DER ALBRECHT fragt nach!

Wenn Du auch eine Frage hast, die Du Dir schon immer gestellt hast und endlich mal beantwortet haben möchtest, dann schreib uns! Egal wie banal sie Dir auch vorkommen mag, wahrscheinlich fragen sich andere genau dasselbe. Du erreichst uns auf Instagram, Facebook oder per E-Mail.  

Autor*in

Kristin studiert Soziologie und Politikwissenschaft im vierten Semester. Sie ist seit Ende 2018 beim ALBRECHT und ist Ressortleiterin der "Hochschule".

Über Kristin Finke 7 Artikel
Kristin studiert Soziologie und Politikwissenschaft im vierten Semester. Sie ist seit Ende 2018 beim ALBRECHT und ist Ressortleiterin der "Hochschule".

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