Warum sind Menschen von medialer Gewalt fasziniert?

Ein Paradox zwischen Anziehung und Abscheu

Pünktlich zum diesjährigen Halloween können geneigte Kinozuschauer*innen die Wiederbelebung einer altbekannten Figur des Horrorgenres miterleben: Michael Myers kehrt auf die Leinwand zurück. Die Filmreihe um diesen Charakter, die passenderweise Halloween heißt, ist vor allem eines: nichts für schwache Nerven. Michael Myers, der in den verschiedenen Filmen schon etliche Tode erfuhr und dennoch immer wieder zurückkehrte, ist wohl am besten als untherapierbarer Psychopath, der seine Opfer gern mit einem Küchenmesser tötet, zu beschreiben. Nachdem bereits wohlgemerkt elf Ausgaben des myers‘schen Wahnsinns über die Leinwand geflackert sind, stellt sich die Frage, was die Zuschauer*innen so an diesem Mythos fasziniert. Es scheint eine gewisse positive Resonanz beim Zuschauenden hervorzurufen, wenn der Killer langsam durch die Dunkelheit schleicht und einen Darsteller nach dem anderen auf brutalste Art und Weise tötet. Ist es der wohlige Schauer, der uns über den Rücken läuft, wenn das Licht am Ende des Films angeht und wir feststellen, dass wir (wahrscheinlich) unbehelligt in unser sicheres Zuhause zurückkehren können?

Nicht nur zum Kult-Tag des Grusels und Horrors scheint Gewalt, in welcher gearteten Form auch immer, Trend zu sein. So erfreuen sich Serien wie beispielsweise The Walking Dead oder Game of Thrones schon seit Jahren an einem Millionenpublikum. Mit spannenden Kämpfen, brutalen Morden und jeder Menge Kunstblut versprechen sie den Zuschauenden einen gewissen Nervenkitzel. Auch Streaming-Portale wie Netflix bieten ihren zahlreichen Nutzer*innen eine breite Auswahl an nervenzerreißenden Filmen, Serien oder Dokumentationen an, während derer sich so manche vielleicht lieber hinter den Sofakissen verstecken möchten.

Wissenschaftliche Untersuchungen kamen zu einem paradoxen Ergebnis: Trailer, die ein überhöhtes Ausmaß an Gewalt präsentieren, locken das größte Publikum an. Trotzdem wird das Ansehen von brutalen Szenen von den Zuschauer*innen als unangenehm empfunden. Doch wie lässt sich erklären, dass Menschen, die prinzipiell Gewalt verabscheuen, in medialer Form dennoch eine gewisse Faszination an ihr finden?

Grausame Szenen bieten uns die Möglichkeit zu einer Art Sinnsuche. Die Identifikation mit Tätern oder Opfern ermöglicht uns eine Reflexion über die genauen Hintergründe des Geschehens. Wie kann es zu solch einem Verhalten kommen? Wie würde ich mich in solch einer Situation verhalten? Was müsste geschehen, damit ich meine moralischen Prinzipien aufgebe? Filme und Serien führen dieses Gedankenspiel für uns zu Ende. Während wir angespannt die Bilder verfolgen, die sich auf dem eigenen Fernseher, Laptop oder der Kinoleinwand abspielen, erscheint uns alles möglich. Wir werden Zeug*innen der schlimmsten Verbrechen und unserer grausamsten Albträume. Der Film dient dabei als eine Art Schutzraum, in dem wir unsere düstersten Fantasien ausleben können, ohne selbst tätig zu werden oder daran teilhaben zu müssen. Hieran schließt sich wohl auch eine gewisse Form des Voyeurismus an und auch menschliche Neugier, die uns dazu bringt, uns von den Bildern der Gewalt gefangen nehmen zu lassen.

Besonders faszinierend scheint die Kombination aus Gewalt und glücklichem Ende zu sein. Denn häufig sind es gerade diese Filme, die ein großes Publikum in die Kinos locken: Ein oder mehrere Held*innen erkämpfen unter Einsatz all ihrer Möglichkeiten den Frieden, der durch eine andere Partei gestört wurde. Gebannt beobachten die Zuschauer und Zuschauerinnen die nicht selten gewaltsame Konfrontation der gegenüberstehenden Parteien. Zuschauenden bieten Held*innen die Möglichkeit, sich mit ihnen zu identifizieren und gleichzeitig mit ihnen zu leiden. Widerfährt ihnen Unrecht oder Gewalt, entsteht bei den Betrachtenden der Wunsch, die Gerechtigkeit wiederherzustellen. Folgt ein Happy End, befriedigt dies somit auch die Gefühlslage der Rezipierenden. Sie haben durch ihre Held*innen dem Bösen ins Auge geblickt und es erfolgreich überwunden. Dementsprechend wird Brutalität oftmals auch als Mittel zur Herstellung von Gerechtigkeit eingesetzt. Moralisches Fehlverhalten wird bestraft, um Recht und Ordnung zu erhalten und so unsere Ängste zu reduzieren und unser Sicherheitsgefühl gleichzeitig zu bestärken. Dies kann, beziehungsweise darf, auch mal etwas blutiger ausfallen.

Doch was geschieht in uns, wenn wir mit Gewalt im Film konfrontiert werden? Belegt ist, dass der Anblick von Gewalt einen Anstieg von Adrenalin hervorruft. Der oder die Zuschauende fühlt sich berauscht durch die Spannung und den Kick, den ein solcher Film ihm oder ihr verschafft. Es kommt offensichtlich auch zu einer Ausschüttung von Glückshormonen, da die Gefahr, die für den Körper durchaus real erscheint, überstanden ist. So kommt es dazu, dass Happy Ends besonders befreiend wirken können. Widerlegt worden ist jedoch die Vermutung, dass fiktive Gewalt die gleichen Bereiche des Gehirns wie reale Gewalt anspricht. So scheint es nicht der Fall zu sein, dass jeder, der ein Fan gewaltvoller Filme ist, dieselbe Freude daran empfindet, reale Gewalt zu erleben.

Letztendlich gehört Gewalt schon seit Anbeginn der Zeit zum alltäglichen Leben des Menschen dazu: Höhlenmalereien berichten von gefährlichen Jagdausflügen, im antiken Rom kämpften Gladiator*innen in Arenen bis zum bitteren Tod und in den Nachrichten wird über Terror und Kriege berichtet. Die mediale Darstellung bietet uns somit die Möglichkeit die Realität, die nun einmal auch von Gewalt geprägt ist, zu verarbeiten und zu reflektieren. Ein bisschen Nervenkitzel und Drama gehören nun einmal zum Leben dazu.


Titelbildquelle: Annie spratt/ unsplash.com

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