Was wäre ohne Krieg aus Europas Künstlern geworden?

Wer es in seinem Studium bisher versäumt hat, die Kunsthalle in Kiel zu besuchen, dem bietet sich jetzt eine gute Möglichkeit, das nachzuholen: Vom 11. Oktober bis zum 8. Februar widmet sich die Ausstellung Sterne fallen außergewöhnlichen Werken, die zur Zeit des Ersten Weltkrieges entstanden sind.

In diesem Jahr, genau 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, kommt man um das Thema kaum herum und doch hat die Kunsthalle zu Kiel es geschafft, sich ihm auf ganz eigene Weise anzunähern. Im Vordergrund steht keineswegs die Darstellung des Krieges, sondern die Frage, welche Künstler der Krieg das Leben kostete. Kurator Dr. Peter Thurmann spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Verlorenen Generation“. Dieser Begriff wurde zum Ausgangspunkt der Recherche, die schließlich ergab, dass circa 600 Künstler direkt oder indirekt Opfer des Krieges wurden. Viele von ihnen fielen auf den Schlachtfeldern, andere starben an grassierenden Krankheiten, einige begingen Suizid. Ausgehend von dieser großen Zahl begann eine Recherche durch ganz Europa, an deren Ende nun schließlich 60 Künstler aus zwöfl Nationen stehen, die jeweils mit einigen Werken in Kiel vertreten sind. Diese hohe Anzahl an unterschiedlichsten Künstlerpersönlichkeiten sorgt dafür, dass den Besucher eine erstaunliche Vielfalt erwartet. Neben Landschaftsmotiven, Stillleben und Personengruppen, ist auch eine Vielzahl an Portraits zu sehen. Der Krieg selbst wird nur in einem eigens dafür gestalteten Raum gezeigt, der passenderweise als der dunkle Raum bezeichnet wird.

Dr. Peter Thurmann erklärt den „Abfall der Gesellschaft“ von Aroldo Bonzagni.  Foto: js
Dr. Peter Thurmann erklärt den „Abfall der Gesellschaft“ von Aroldo Bonzagni.
Foto: js

Die erhebliche Abwechslung innerhalb der Ausstellung wird nicht zuletzt auch dadurch erreicht, dass die Künstler aus drei unterschiedlichen Generationen stammen. Zwar entstanden alle Werke zwischen 1903 und 1918, doch viele der Künstler fühlten sich noch ihren ganz eigenen Epochen zugehörig. Gerade die älteren Künstler blieben den Stilrichtungen des vorangegangenen Jahrhunderts wie etwa Realismus, Impressionismus und Jugendstil treu, andere wagten sich an den für die Zeit so typischen Expressionismus. Auch eine Vielzahl von kubistischen und abstrakten Werken zeigt diese Entwicklung hin zur Moderne. Von den ausgestellten Künstlern wurde der jüngste nur 22 Jahre, der älteste 60 Jahre alt. Insgesamt umfasst die Ausstellung fast 200 Werke, darunter Gemälde, Graphiken und einige Plastiken. Dazu gehören 57 Leihgaben aus elf Nationen.

Zu den bekanntesten Künstlern, die gezeigt werden, gehören ohne Zweifel Franz Marc, August Macke oder auch Umberto Boccioni. Andere sind sehr viel unbekannter oder in Vergessenheit geraten. Auch hierin besteht ein besonderer Verdienst der Ausstellung, die Namen, die vielen von uns kaum bekannt sein dürften, erstmals eine Plattform zur Verfügung stellt. Einer dieser Namen ist Olga Rozanowa, die 1918 an der Diphtherie- Epidemie in Russland starb. Sie ist eine der nur zwei weiblichen Vertreterinnen, die die Ausstellung zeigt. Bei der anderen Künstlerin handelt es sich um Nadežda Petrovic, die sich freiwillig als Krankenschwester an die Front verlegen ließ, sich dort mit Typhus infizierte und schließlich Anfang 1915 daran verstarb. Hinter jedem der Werke steckt ein eigenes Schicksal. Viele der Künstler sind bereits innerhalb der ersten Kriegsmonate ums Leben gekommen und hatten so nicht mehr die Möglichkeit, ihre Kunst weiter auszubilden.

Schließlich ist auch das die besondere Leistung dieser Ausstellung: Laut Dr. Anette Hüsch, Direktorin der Kunsthalle, wirft sie die Frage auf, wie sich das Werk der Künstler hätte entwickeln können. Sie fügt hinzu: „Es handelt sich um eine Frage, die rhetorisch, die für immer unbeantwortet bleiben muss“. Noch bis zum 8. Februar 2015 können sich Besucher selbst ein Bild davon machen.

Sterne fallen. Von Boccioni bis Schiele. Der Erste Weltkrieg als Ende europäischer Künstlerwege
11. Oktober 2014 bis 8. Februar 2015
weitere Informationen unter www.kunsthalle-kiel.de

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Über Jenny Sonnabend 0 Artikel
Jenny ist seit 2014 Teil der Redaktion.

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