Weltenbummler: Taizé

Ein etwas anderer Urlaubsort

von Judith Rödger

In der Kirche in Taizé gibt es keine Bänke, alle sitzen auf dem Boden – auch die Brüder // Inga von Kalben

16. Juli 2018

Taizé – ein etwas anderer Urlaubsort

Nach ungefähr 19 Stunden Fahrt im Reisebus haben wir es geschafft, wir sind in Taizé angekommen – einem sehr kleinen, unscheinbaren Dorf in Frankreich zwischen Lyon und Dijon. Doch schnell wird klar: Hier gibt es viel mehr als nur ein altes Dorf. In diesem Dorf umgeben von wunderschöner Landschaft gründete 1949 Roger Schutz, genannt Frère Roger, die Communauté de Taizé, eine christlich-ökumenische Bruderschaft. Was mit nur sieben Brüdern begann, die sich auf ein Leben in Einfachheit und Ehelosigkeit einließen, ist heute eine Bruderschaft mit ungefähr 100 Brüdern. Doch nicht nur das, von Woche zu Woche reisen tausende junge Menschen an, die in das Leben von Taizé eintauchen möchten.

So auch wir – nach der langen Fahrt freuen wir uns auf eine Woche voller neuer Begegnungen, viel Zeit und Ruhe, interessante Gespräche und viele neue Eindrücke. Nach einer Begrüßung durch eine/n Permanent mit dem typischen Taizé-Tee (wer schon einmal da war, wird ihn kennen und lieben), werden uns unsere Unterkünfte gezeigt. Es sind keine luxuriösen Hotelzimmer, sondern einfache Hütten mit Stockbetten – mit etwas Glück sogar mit einer Steckdose. Klingt zuerst nicht so verlockend, aber mehr wird nicht gebraucht, dort wird nur geschlafen, der Rest des Tages spielt sich auf dem freien Gelände ab.

Taizé Wortschatz:

Oyak: eine Art Kiosk, an dem Snacks, Getränke und auch Hygieneartikel oder Dinge, die zu Hause vielleicht vergessen wurden, zum Selbstkostenpreis gekauft werden können; hier ist abends nach der Abendandacht immer noch was los, wenn auf dem restlichen Gelände Nachtruhe herrscht

Das parkähnliche Gelände St. Etienne lädt mit seinem kleinen See zur Ruhe ein und ist ein beliebter Ort der Stille

Permanents: Personen, die sich entschieden haben, eine längere Zeit, zwischen vier Wochen und einem Jahr, in Taizé zu bleiben und zu helfen

Ein Tag in Taizé beginnt mit der morgendlichen Andacht um Viertel nach acht. Danach strömen alle zur Essensausgabe, denn nun gibt es das berühmte, so beliebte Frühstück. Die Massen teilen sich. Wird auch zum Frühstück der Tee bevorzugt, oder doch der Kakao? Ich stehe immer in der Teeschlange, der Kakao kann da einfach nicht mithalten. Zu dem Tee gibt es jeden Morgen ein Baguettebrötchen, ein Stück Butter und zwei Stücke dunkle Schokolade, außer sonntags, da gibt es Marmelade – zum großen Bedauern Vieler. Nach dem Frühstück geht es weiter zur Einführung der Gesprächsgruppen oder zu der täglichen Aufgabe, die jeder in Taizé übernimmt. Das Leben in Taizé mit bis zu 6 000 jungen Menschen pro Woche, die aus aller Welt kommen, organisiert sich nicht von alleine und die Brüder gehen ihrem normalen Leben nach. Also sind es die, die als Gäste nach Taizé kommen, durch die alles funktioniert – koordiniert von den Permanents, die in ihrer längeren Zeit größere, organisatorische Aufgaben übernehmen. Für die Wochengäste gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten, sich einzubringen. Entweder wird in der Kirche aufgeräumt und alles für die nächste Andacht vorbereitet, im Oyak gearbeitet, nach dem Essen abgewaschen, an der Quelle St. Etienne oder in der Nacht für Ruhe gesorgt, oder, oder, oder . . .
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Taizé // BQ Stefanie Piekielny (3)So Taizé // BQ Stefanie Piekielny (2)gehen die einen nach dem Frühstück also zu ihrer täglichen Aufgabe und die anderen zum Treffen der Gesprächsgruppen mit einer Einleitung durch einen der Brüder – wer vormittags arbeitet, hat nachmittags dieses Treffen und andersherum. Dabei erzählt uns einer der Brüder seine Gedanken und Interpretationen zu einem Bibeltext. Zu Beginn der Woche werden wir alle in Kleingruppen eingeteilt, wild gemischt, egal welche Nation, kommen so die unterschiedlichsten Leute zusammen. Nach der Einführung durch den Bruder wird in den Gruppen entweder weiter über den Text geredet oder allgemein über Gott und die Welt, wie es so schön heißt. Dabei ist es überhaupt nicht wichtig, religiös oder christlich zu sein. Es kommen auch Leute nach Taizé, die ganz offen sagen, nicht gläubig zu sein, sondern einfach die Atmosphäre und das Leben dort erleben zu wollen. Mal wird noch lange über den vorgegebenen Text gesprochen, aber oft geht es schnell um andere Dinge. Wir tauschen uns aus und gelangen zu tiefgründigeren Themen – es ist wirklich spannend, neue Ansichten und Meinungen auf diese Art kennenzulernen.

Die Glocken unterbrechen uns und weisen darauf hin, dass die Mittagsandacht folgt, nach der es das Mittagessen gibt. Das Essen in Taizé ist sehr einfach gehalten. Es gibt Bohnen mit Kartoffeln, Linseneintopf, Nudeln oder – das Highlight für viele – Kartoffelbrei mit Hähnchennuggets. Es ist kein Fünf-Sterne-Essen, aber gehungert habe ich in Taizé noch nie. Selbst wenn einem der Linseneintopf vielleicht nicht so gut schmecken sollte, es gibt immer auch Brot, Obst und einen Joghurt oder Käse dazu. Damit können auch wunderbare Tauschhandel betrieben werden, sodass am Ende alle satt werden.

Den ganzen Tag über bleibt einem immer wieder Zeit für sich selbst, zum Lesen, für einen Besuch an der Quelle St. Etienne, einen Spaziergang durchs Dorf oder für eine Runde Die Werwölfe von Düsterwald, ein Spiel, das oft irgendwo auf dem Gelände von einer Gruppe gespielt wird, zu der sich dazugesellt werden kann. Bei so vielen Menschen kann entweder leicht in der Masse untergetaucht oder in kürzester Zeit eine neue Bekanntschaft oder gar Freundschaft geschlossen werden.

Taizé // BQ Inga von Kalben_PAbends ist die Andacht in der Kirche etwas anders als am Morgen oder mittags. Egal zu welcher Tageszeit, das Ende des Gebets wird dadurch signalisiert, dass die Brüder während des letzten Liedes aufstehen und die Kirche verlassen, doch abends wird auch danach das Singen gerne noch ausgedehnt. Manche sitzen noch bis tief in die Nacht dort und singen weiter – eine wundervolle Stimmung!

Bevor es nach der Woche wieder in den Reisebus geht, steht die letzte Abendandacht an, die samstags einen besonderen Aspekt hat. Die sogenannte Nacht der Lichter, angelehnt an das Osterfest, ist der Abschluss einer wunderbaren Zeit. Zu Beginn dieser abendlichen Andacht bekommt jeder am Eingang eine kleine Kerze. Später wird, oft von einem Kind, eine Kerze an der großen Osterkerze entzündet und das Feuer von Person zu Person weitergegeben. Es ist wunderschön anzusehen, wie sich das Licht in der Kirche verbreitet und ein Meer aus kleinen Flammen entsteht. Nach einem solchen Abschluss gehen wir beschwingt in unseren Bus und fahren ab in Richtung Deutschland. Die Woche Auszeit bringt mich immer wieder zur Ruhe und entspannt mich, sodass ich mit tollen neuen Erfahrungen und Bekanntschaften und auch ein wenig entschleunigt wieder in den Alltag starten kann.

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Bilder: Stefanie Piekielny, Titelbild: Inga von Kalben

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Über Judith Rödger

Judith Rödger

Judith ist seit April 2015 beim ALBRECHT. Sie studiert Deutsch und Geschichte auf Fachergänzung seit dem Wintersemester 2013/14. Sie leitet das Lektorat des ALBRECHTS.

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